Den Briten verrottet das Essen

Wegen dem Brexit steckt die britische Landwirtschaft in der Krise. Den Bauern fehlen ausländische Erntehelfer – sie fühlen sich nicht willkommen.

2018 wird das Personal für die Ernte knapp: Himbeerpflücker in Kent.

2018 wird das Personal für die Ernte knapp: Himbeerpflücker in Kent. Bild: Neil Hall/Reuters

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Tausende Gastarbeiter kommen pro Jahr nach Grossbritannien, um Früchte und Gemüse zu ernten. Gerade 14 von 13'400 Arbeitern, die im letzten Jahr zwischen Januar und Mai rekrutiert wurden, waren Briten. Die meisten der Gastarbeiter kommen aus Osteuropa, häufig aus Bulgarien und Rumänien.

Doch 2017 fehlten Tausende Arbeiter auf den britischen Feldern. Laut einer Studie der National Farmers Union (NFU) wurden 4300 Stellen nicht besetzt. Zudem kehrten nur rund 29 Prozent der Arbeiter nach Grossbritannien zurück, um wieder auf dem Feld zu arbeiten. In den Jahren zuvor waren es 41 Prozent.

Brexit, Pfund und Migrationspolitik

Dass viele Gastarbeiter ausbleiben, hat mit dem Brexit zu tun. Personalvermittler berichten dem britischen «Guardian», dass viele ausländische Arbeitskräfte den Austritt aus der Europäischen Union als Zeichen deuten, dass Grossbritannien ausländerfeindlich und rassistisch sei.

Die britische Regierung unter Theresa May hat ihren Bürgern zudem versprochen, die Einwanderung zu reduzieren. Bis jetzt weigern sich ausserdem die Behörden, ein saisonales Landarbeiterprogramm wiedereinzuführen, das die Situation entspannen könnte. Erschwerend kommt hinzu, dass das Pfund seit dem Brexit-Votum an Wert verloren hat. Die Arbeit in Grossbritannien lohnt sich also für die Erntehelfer nicht mehr so wie früher.

«Es herrscht eine gewisse Verzweiflung»

Für viele Bauern entstehen dadurch Engpässe auf den Feldern. Am schlimmsten war es im wichtigen Erntemonat September letzten Jahres: 29 Prozent der Stellen konnten nicht besetzt werden. «Bauern fragen sich, wie sie die Saison 2018 überleben sollen», sagt Alison Capper, Vorsitzende des Gartenbauausschusses der NFU. «Es herrscht eine gewisse Verzweiflung.» Viele Bauern seien gezwungen, ihre Produkte auf den Feldern verrotten zu lassen, weil sie nicht genügend Personal für die Ernte haben.

Auf Cappers eigener Apfelplantage konnten 100 Behälter an Äpfeln nicht gepflückt werden. Sie wurden überreif und mussten zu Saft verarbeitet werden. Das brachte ihr einen Verlust von 30'000 Pfund ein.

Verlagerung nach China

Erste Bauern weichen in ihrer Verzweiflung aufs Ausland aus: Haygrove, einer der grössten Himbeer- und Blaubeerproduzenten des Vereinigten Königreichs, verlegt einen Teil seiner Produktion in die chinesische Provinz Yunnan.

«In Grossbritannien beschäftigen wir 230 Vollzeit- und 1150 Saisonarbeitskräfte, aber wir reduzieren diese Zahl aufgrund der Nervosität durch den Brexit auf 950», sagt Haygrove-Gründer Angus Davison dem «Guardian». Er erklärt, dass er es sich nicht leisten könne, darauf zu warten, dass Theresa May ihre Einwanderungspolitik klärt.

«Landwirtschaftliche Krise»

Die Erntekrise wird zum Politikum: «Es ist nicht hinnehmbar, dass auf den Feldern einwandfreie Lebensmittel verrotten», sagte etwa der Abgeordnete Neil Parish, Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten.

Der landesweite Arbeitskräftemangel werde zu einer landwirtschaftlichen Krise für britische Landwirte. «In einer Zeit der Ungewissheit über unsere künftigen Handelsbeziehungen sollten wir unsere inländische Ernährungssicherheit erhöhen und nicht mehr auf importierte Lebensmittel angewiesen sein», so Parish. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 19:21 Uhr

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