«Die Eurokrise ist zurück und könnte schlimmer werden als die letzte»

Die Italien-Ängste haben den Franken deutlich verteuert. Bisher hat die Nationalbank noch nicht gross interveniert. Doch das kann sich rasch ändern.

Anhaltende Aufwertungsschübe beim Franken bleiben angesichts der ungelösten Widersprüche in der Europäischen Währungsunion wahrscheinlich: 10er-, 20er- und 50er-Banknoten in Schweizer Franken.

Anhaltende Aufwertungsschübe beim Franken bleiben angesichts der ungelösten Widersprüche in der Europäischen Währungsunion wahrscheinlich: 10er-, 20er- und 50er-Banknoten in Schweizer Franken. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Der Euro-Franken-Kurs notiert nach wie vor deutlich tiefer als noch im April. Das heisst, er ist wieder deutlich überbewertet. Noch Ende April kostete ein Euro rund 1.20 Franken, letzte Woche sank der Europreis unter 1.15. Immerhin notiert er aktuell wieder leicht über dieser Marke. Die Aufwertung macht deutlich, dass die Hoffnungen auf eine endgültige Entspannung verfrüht waren. Die Entwicklung des Frankenkurses liess letzte Woche auch die Frage aufkommen, ob die Schweizerische Nationalbank wieder am Währungsmarkt interveniert.

Die heute von der SNB publizierten Zahlen zu den Giroguthaben der Banken auf ihren Konten weisen nicht darauf hin, dass die SNB in der letzten Woche Devisen zur Schwächung des Frankens gekauft hat. Sie zeigen keine ungewöhnliche Zunahme dieser Kontobestände. Denn kauft die Nationalbank Devisen, würde sie das bei den Banken tun und ihnen den Frankenbetrag auf ihren Girokonten gutschreiben. Laut dem Analysten Maxime Botteron von der Credit Suisse, der diese Daten genauer unter die Lupe nimmt, wären Interventionen letzte Woche trotz des wieder erstarkten Frankens angesichts guter Schweizer Wirtschaftsdaten unwahrscheinlich gewesen.

«Die Eurokrise ist zurück»

Die Botschaft der jüngsten Entwicklung macht vor allem deutlich, dass der Druck auf den Franken auch in Zukunft anhalten wird – unabhängig von zwischenzeitlichen Entspannungsphasen. «Politische Eruptionen wirken heute viel stärker auf die Märkte – und damit auch auf die Devisenmärkte – als noch vor zehn Jahren», sagt Karsten Junius, Chefökonom der Bank Safra Sarasin, und ergänzt mit Blick auf die Funktion des Frankens als sicherer Hafen: «In solchen Situationen sucht man Sicherheit.» Mit den politischen Eruptionen spricht er die Wahlerfolge von populistischen Parteien und deren Politik an. Dazu zählt auch die Politik von Donald Trump, dem US-Präsidenten.

Im Vordergrund steht allerdings weiterhin die Europäische Währungsunion. Mit der politischen Unsicherheit um Italien kehrt die Eurokrise wieder zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Und diese Entwicklung ist es vor allem, die den Frankenwert wieder befeuert bzw. den Euro schwächt. «Die Eurokrise ist zurück und könnte noch schlimmer werden als die letzte», schreibt die Ökonomin Frances Coppola in einem Kommentar in der US-Zeitschrift «Forbes».

Ähnliches hat bereits Axel Weber, Präsident der UBS und einstiger Chef der Deutschen Bundesbank, verlauten lassen. An einer Veranstaltung sagte er, er rechne mit einer anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Krise auf dem europäischen Kontinent. Die an der London Business School lehrende italienische Ökonomin Lucrezia Reichlin schreibt mit Bezug auf ihr Heimatland: «Italien und die EU sind an einem Wendepunkt angekommen. Ohne konzentrierte Aktion werden wir schlafwandlerisch in eine neue Eurokrise taumeln, die viel schwerer zu bewältigen ist als die letzte und die aktuelle Zusammensetzung des Euro selbst gefährden kann.»

Die inneren Widersprüche treten erneut hervor

Turbulenzen um Italien – das drittgrösste Mitgliedsland der Eurozone und Gründungsmitglied der EU – geben allein schon genügend Grund für die erneut aufflammenden Ängste um die Währungsunion. Doch es geht um mehr: Axel Weber sprach von einer Ansteckungsgefahr für Griechenland, Spanien und Portugal. Wie schon beim sehr viel kleineren Griechenland stehen die aktuellen Turbulenzen um Italien für generelle Probleme der Eurozone: In einem einzelnen Mitgliedsland ist eine unabhängige Politik fast unmöglich, wenn sie in Widerspruch zum gesamten Währungsgebilde gerät. Deshalb muss in einem solchen Land eine Politik verfolgt werden, die nicht unbedingt im Interesse der Bevölkerung liegt.

So hat Italien in den letzten Jahren nach Herausrechnen von Zinszahlungen für die hohe Verschuldung stets Überschüsse im Staatsbudget verzeichnet. Das heisst, das Land hat Sparanstrengungen unternommen. Weil aber gleichzeitig die Wirtschaft lahmte, blieb die Verschuldungsquote bei rund 130 Prozent gemessen am BIP unverändert hoch. Sinnvolle Investitionen in die marode italienische Infrastruktur würden dem Wachstum zugutekommen, drohen aber mit den EU-Budgetregeln in Konflikt zu geraten.

Die Folge dieser Regeln ist aber nicht, dass sie besser eingehalten werden, sondern dass sich in Demokratien Widerstand dagegen bildet und Regierungen an die Macht kommen können, die dann eine Politik verfolgen, die weder das Wachstum fördert noch die Verschuldung im Zaum hält. Und das gilt nicht nur für Italien.

Der Notmodus bleibt uns erhalten

Die grossen Reformideen für die Eurozone sind angesichts einer zwischenzeitlich gut laufenden Wirtschaft weitgehend versandet. Die Reformideen des im Vorjahr als Hoffnungsträger für ganz Europa gewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron stossen vor allem in Deutschland auf anhaltende Skepsis. Die Gräben zwischen den Vorstellungen und Möglichkeiten zwischen den Eurostaaten bleiben so gross wie eh und je. Und nach wie vor zeichnet sich auch keine nachhaltige Lösung für die inneren Widersprüche ab.

Die Schweiz muss deshalb immer mit plötzlichen und starken Aufwertungsschüben beim Franken rechnen. Die Geldpolitik der Nationalbank kann auf absehbare Zeit nicht zum Normalmodus aus der Zeit vor der Finanz- und der Eurokrise zurückkehren. Laut Axel Weber von der UBS wird sie deshalb mit einer Erhöhung des Leitzinses noch längere Zeit zuwarten, womit er sich in Widerspruch zu den eigenen Bankanalysten stellt, die bereits in der zweiten Jahreshälfte mit einem solchen Schritt rechnen. Damit würden uns auch die Negativzinsen länger als erwartet begleiten. Und Interventionen auf den Devisenmärkten sind nie auszuschliessen, wie das die SNB auch selbst immer wieder betont. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.06.2018, 14:33 Uhr

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