Diese verfluchten Algorithmen

Wenn sich mal kurz ein paar Hundert Milliarden in Luft auflösen.

Ganze Heerscharen von wohlbezahlten Analysten schwurbeln sich täglich durch Vorhersagen.

Ganze Heerscharen von wohlbezahlten Analysten schwurbeln sich täglich durch Vorhersagen. Bild: Keystone

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Die Börse ist seit dem 14. Jahrhundert ein Handelsplatz, auf dem Unternehmer, die Geld benötigen, auf Investoren treffen, die Geld anbieten. Der Aktienkurs beinhaltet dabei die zukünftigen Erwartungen, was die Profitabilität der Firma betrifft. So war das mal, ungefähr bis zur Finanzkrise im Jahr 2008.

Die zukünftige Entwicklung der Börse kann man in Balken-, Linien-, Point- oder Candlestick-Charts darstellen. Es gibt Trend- und Widerstandslinien, Bollinger-Bänder, Elliot-Wellen, stochastische Oszillatoren. Für Fortgeschrittene das Black-Scholes-Modell zur Berechnung von Finanzoptionen. Damit hat endlich die Wissenschaft in die Finanzmärkte Einzug gehalten, die Zukunft ist berechenbar, machbar geworden. Profit und Risiko sind voneinander getrennt. Das war schon immer ein Märchen.

Ganze Heerscharen von wohlbezahlten Analysten schwurbeln sich täglich durch Vorhersagen; mit dem Gestus wissenschaftlicher Überlegenheit prognostizieren sie eine Fortsetzung der Börsenrally, sehen eigentlich keine Wolken am Horizont, bei der Price-Earning-Ratio, also beim Kurs-Gewinn-Verhältnis, gebe es durchaus noch Luft nach oben. Und dann macht es kurz rums, und innerhalb von lediglich 15 Minuten fällt der wichtigste Börsenindex der Welt, der Dow Jones, um fast 1600 Punkte nach unten; neuer Weltrekord.

Es ist mal wieder das passiert, was all diese Alchemisten, überbezahlten
Muschelwerfer, absolut überflüssigen Sesselfurzer hassen wie die Pest:
Das Unvorhersehbare ist eingetreten.

Da ist der Analyst kurz sprachlos und «überrascht», denn das war in seinen Analysemodellen nicht enthalten, es ist mal wieder das passiert, was all diese Alchemisten, überbezahlten Muschelwerfer, absolut überflüssigen Sesselfurzer hassen wie die Pest: Das Unvorhersehbare ist eingetreten. Kein Wunder, denn alle angeblich wissenschaftlichen Modelle zur Vorhersage zukünftiger Börsenkurse beruhen lediglich auf einer tiefschürfenden Untersuchung der Vergangenheit. Was keinerlei verlässliche Aussage über die Zukunft zulässt.

Also ist die aktuelle Achterbahnfahrt der Börsen weltweit einfach Ausdruck menschlicher Irrationalität, von Herdentrieb, Panik, die eine Stampede auslöst? Macht der Faktor Mensch all diesen schönen Analysemodellen einen Strich durch die Rechnung? Geht die Angst vor Zinserhöhungen der Notenbanken um, sehen die Investoren an den Börsen plötzlich schwarz und wollen lieber Cash statt Aktien, auf Kosten eines Crashs?

Nicht menschlicher Herdentrieb

Das war vielleicht früher mal so; heutzutage ist der wichtigste Treiber für Volatilitäten an der Börse, also für ein wildes Auf-und-Ab, nicht mehr der Mensch, sondern eine Erfindung von ihm: Das High Frequency Trading (HFT). Ausgeklügelte Algorithmen, unterstützt von der brachialen Rechenpower von Supercomputern, nützen innert Millisekunden winzige Kursschwankungen oder Preisunterschiede an verschiedenen Börsen aus, um mit gehebelten Käufen und Verkäufen Milliardengewinne zu machen. Weltweit machen HFT-Geschäfte im Schnitt mehr als die Hälfte des Volumens an den Börsen aus. Nicht der menschliche Herdentrieb, sondern von Formeln gesteuerte Computer verstärken hier gelegentlich eine winzige Kurskorrektur zu einem veritablen Börsencrash. Zwecks Risikovermeidung riskieren diese Programme einen richtigen Absturz, welch Widerspruch in sich.

Die beim HFT verwendeten Algorithmen sind heutzutage der wahre Goldschatz von Geldhäusern. So liess die US-Investmentbank Goldman Sachs am 3. Juli 2009 ihren ehemaligen IT-Mitarbeiter Sergey Alenykow verhaften. Der hatte für das dreifache Gehalt bei einer anderen Trading-Firma angeheuert, nicht ohne zuvor 32 Megabyte von einem verschlüsselten Server von Goldman Sachs herunterzuladen. Alenykow hatte das hochgeheime Programm für das High Frequency Trading von Goldman Sachs geklaut.

Nur ein realisierter Verlust ist ein echter Verlust.

Wunderbar war die Begründung von Goldman Sachs, wieso es sich hier nicht nur um einen Diebstahl handle, sondern eine viel schlimmere Gefahr drohe: Mit diesem HFT-Code könnten «die Märkte manipuliert werden». Also ganz im Gegensatz zum ordnungsgemässen Gebrauch durch die Bank. Alenykow steckt bis heute in juristischen Auseinandersetzungen und kämpft darum, nicht für zehn Jahre ins Gefängnis zu müssen.

Aber natürlich interessiert den an der Börse investierenden Leser, den Klein- oder sogar Grossaktionär, das Schicksal von Alenykow viel weniger als die entscheidende Frage: Und, wie geht es nun weiter? Handelt es sich lediglich um eine Korrektur, stabilisieren sich die Börsen auf tieferem Niveau, steigen sie wieder – oder ist echt Anlass zu Panik, sollte man seine Aktien sofort losschlagen, solange sie überhaupt noch etwas wert sind? Was sagen die Börsenprofis? In solchen Situationen verhalten sie sich leider wie der Wahrsager vor seiner Kristallkugel: ja nicht zu verbindlich werden. Also murmeln sie etwas von «notwendiger Korrektur», «die Verkäufe können noch eine Weile weitergehen», «übers Jahr gesehen ist ein Aktienkäufer, der im Januar 2017 eingestiegen ist, immer noch 20 Prozent im Plus», und natürlich: «kühlen Kopf bewahren, sich nicht der Herde anschliessen».

Die kostenfreie Wahrheit

Abgesehen davon, dass jeder Börsenprofi, der tatsächlich in die Zukunft schauen kann, völlig bescheuert wäre, wenn er seine Erkenntnisse mit der Allgemeinheit teilen würde: nur ein realisierter Verlust ist ein echter Verlust. Wer eine Aktie bei 100 kaufte und in einer Baisse für 80 abstösst, hat 20 verloren. Wer drauf sitzen bleibt und auf bessere Zeiten hofft, hat in diesem Moment null verloren. Natürlich vorausgesetzt, die Aktie steigt mal wieder auf 100 und fällt nicht langfristig auf 60.

Was wirds diesmal sein? Die völlig kostenfreie Wahrheit, für die man keinerlei kostenpflichtige Ratschläge braucht, ist: Niemand weiss es. Es gibt allerdings noch eine weitere Wahrheit: Die Entlassung aller Börsenanalysten würde eine Lücke hinterlassen, die deren Wirken vollständig und befriedigend ersetzt. Ebenfalls völlig kostenfrei. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.02.2018, 12:29 Uhr

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