Was der Ausverkauf der Staatsanleihen bedeutet

Jüngst verloren weltweit Staatsanleihen an Wert. Die Entwicklung belastet auch Börsen, Rohstoffpreise und Währungen.

Droht eine Inflation? Ein Börsenhändler vor Aktien-Kursen. Foto: Keystone

Droht eine Inflation? Ein Börsenhändler vor Aktien-Kursen. Foto: Keystone

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Hat die Zinswende jetzt eingesetzt? Droht eine Inflation? Entweicht die Luft aus einem bereits hoch bewerteten Aktienmarkt? Dass dies alles in nächster Zukunft geschehen könnte, ist ein Dauerthema an den Kapitalmärkten. Ein weltweiter Werteverlust von Staatsanleihen in den letzten Tagen hat die Frage aufgeworfen, ob nun der Wendepunkt zu diesen Entwicklungen gekommen ist.

Zuerst die Zusammenhänge: Sinkende Kurse von Staatsanleihen sind gleichbedeutend mit steigenden Renditen dieser Anlagen. Und die Renditen von Staatsanleihen stehen für das Zinsniveau in einem Land. 10-Jahres-Renditen gelten als Massstab für das langfristige Zinsniveau. Wenn dieses Zinsniveau steigt, kann das unter anderem geschehen, weil eine höhere Inflation erwartet wird. Die Anleger wollen für den Wertverlust des Geldes entschädigt werden und verlangen deshalb höhere Zinsen bzw. Renditen von Staatsanleihen. Es kann aber auch bloss für die Erwartung stehen, dass die Notenbank die Leitzinsen anhebt.

Sinkende Kurse von Staatsanleihen bedeuten umgekehrt steigende Zinsen: Rendite der US-Staatsanleihen im laufenden Jahr. Grafik: FuW

Höhere Zinsen bedeuten höhere Kosten für die Investitionen. Das ist ein Grund, weshalb sie zu sinkenden Aktienkursen führen. Ein anderer besteht darin, dass Aktien eine riskantere Anlage sind als Staatsanleihen. Steigen die Zinsen, verlieren deshalb Aktien im Vergleich zu Staatsanleihen an Attraktivität. Das gilt aber nicht nur für Aktien, sondern ebenfalls für alle anderen Anlagen, die als riskant gelten: Anlagen in Schwellenländerwährungen etwa oder Rohstoffe. Steigende Zinsen haben deshalb zur Folge, dass auch hier mit Kursverlusten zu rechnen ist.

Und genau das ist geschehen: Weltweit sind die Langfristzinsen angestiegen, die Börsen verzeichneten Verluste, ebenso Währungen von Schwellenländern wie der Türkei oder Russland, und Rohstoffe wie Öl oder Kupfer haben jüngst nachgegeben – allerdings nach einem deutlichen Anstieg im Vorfeld.

Die Aussagen des Notenbankchefs

Am deutlichsten sind die Zinsen in den USA nach oben geschossen. Heute Morgen notierten die 10-Jahres-Renditen der US-Staatsanleihen bei 3,2 Prozent. Einen solchen Wert haben sie seit sieben Jahren nicht mehr erreicht. Noch vor einem Jahr lagen sie erst bei 2,2 Prozent, vor drei Tagen bei 3,06 Prozent. In den USA fielen die Technologie-Aktien gemäss Nasdaq-Index im Wochenverlauf um 1,8 Prozent, der breite Aktienmarkt gemäss S&P-500-Index um 0,8 Prozent.

Als wichtigsten Grund für den Zinsanstieg sehen Beobachter die auf Hochtouren brummende US-Wirtschaft. Unmittelbarer Auslöser waren deshalb Aussagen des US-Notenbankchefs Jerome Powell diese Woche, dass sein Institut die Leitzinsen angesichts dieser starken Entwicklung möglicherweise sogar über den für langfristig als angemessen betrachteten Satz (neutraler Zinssatz) hinaus anheben muss. Beim Fed sieht man diesen Kurzfristzinssatz aktuell bei 3 bis 3,5 Prozent. Aktuell hat ihn das Fed auf zwischen 2 und 2,25 Prozent festgesetzt.

Gedämpfte Inflationsängste

Dass der jüngste Anstieg der Langfristzinsen in den USA für eine deutlich erhöhte Inflationserwartung spricht, ist unwahrscheinlich. Das zeigt auch ein Blick auf die Daten. Die Inflationserwartung lässt sich errechnen, wenn man von der Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe die Rendite der inflationsgeschützten Staatsanleihe gleicher Laufzeit (TIPS) abzieht. Daraus ergibt sich die reine gehandelte Inflationserwartung. Diese Berechnung zeigt, dass diese im Lauf des Jahres weder deutlich nach oben ausgeschlagen hat, noch befindet sie sich aktuell auf einem Höchststand.

Auch in Europa und in der Schweiz stiegen im Schlepptau der USA die Langfristzinsen leicht an, und die Aktienmärkte korrigierten. Die Rendite von zehnjährigen Schweizer Bundesanleihen stieg während der letzten drei Tage von 0,083 auf 1,135 Prozent, und der Aktienmarkt der Schweiz verlor im Wochenverlauf gemessen am Swiss-Market-Index (SMI) 0,8 Prozent an Wert. In der gleichen Zeit korrigierten die Börsen in Europa gemessen am Euro-Stoxx 50 um 1,54 Prozent nach unten.

Europa hinkt hinterher

Auch diese Entwicklung ist für sich gesehen kein Drama. Das gilt ganz besonders für den Zinsanstieg in der Schweiz und in Europa. Hier lagen die Zinsen im Lauf des Jahres schon höher. Auch die Korrektur der Aktienmärkte ist mild. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Entwicklung bloss Vorbote einer schärferen Korrektur ist. Und sowohl für die Aktien- wie die Zinsmärkte ist die Entwicklung in den USA entscheidend. Dass die Langfristzinsen in Europa und in der Schweiz überhaupt reagiert haben, kann nur so erklärt werden. Denn auf dem alten Kontinent verfolgt die EZB noch immer eine äusserst expansive Geldpolitik, und Zinserhöhungen hat sie frühestens auf den nächsten Sommer angekündigt. Niemand erwartet, dass die SNB ihr zuvorkommt. Mit Negativzinsen ist hierzulande noch bis ins nächste Jahrzehnt zu rechnen.

Der jüngste Zinsanstieg der Langfristzinsen steht damit zumindest im Moment weder für ein Ausbrechen der Inflation nach oben noch für einen kommenden Crash der Aktienmärkte. Die jüngste Entwicklung macht aber deutlich, dass die Sorge vor solchen Entwicklungen zunimmt. Und niemand kann wissen, wann sie dennoch eintreten. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.10.2018, 20:58 Uhr

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