Künstler in der Wartewabe

Das EU-Parlament zögert bei der Reform des Urheberrechts – Schonfrist für YouTube.

Musik gegen Geld. Paul McCartney setzt sich für eine Gesetzesnovelle ein, die Künstlern nützen soll.

Musik gegen Geld. Paul McCartney setzt sich für eine Gesetzesnovelle ein, die Künstlern nützen soll. Bild: Keystone

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«Applaus ist der Lohn des Künstlers», dieser alte Spruch macht im digitalen Zeitalter plötzlich wieder Sinn. Einst untermauerte er die Überzeugung, dass Kunst brotlos sei, auch wenn sie auf Begeisterung stosse. Im digitalen Raum geschieht seit Jahren dasselbe. Es muss schon zur Spitze des Popgeschäfts gehören, wer mit seiner Präsenz im Internet signifikante Summen verdienen will. Denn auch für Abertausende von «Clicks» auf ihre Werke, seien es Musikstücke, Videos, kurze Filme, erhalten die Urheber, die Künstler, die Macher von den Online-Plattformen bloss ein Gnadenbrot.

Die «Clicks» und «Likes» stellen dabei gleichsam den digitalen Applaus dar. Anbieter wie YouTube, Spotify, Apple Music verteilen Kulturgüter an ein Millionenpublikum, garnieren sie mit Werbung aller Art, sahnen dabei kräftig ab. Während die Kassen der Macherinnen und Macher leer bleiben: Brotlosigkeit als Lohn für fette digitale Verbreitung. Letzte Woche hätte das EU-Parlament diese Situation zugunsten der Urheber ändern können. Dies hat es, wider Erwarten und knapp, nicht getan. Es hat die Vorlage in eine weitere Überarbeitungsschlaufe geschickt. Im September soll der Faden wieder aufgenommen werden.

Eine ganze Garde von Stars

Eine ganze Garde von Stars, darunter etwa Paul McCartney oder Udo Lindenberg, hat sich lautstark für jene verordnete rigorose Einsetzung von Upload-Filtern eingesetzt, welche digitale Inhalte schon im Ansatz auf ihren Urheberrechtsstatus überprüfen, bevor sie dem Publikum – oft gratis – serviert werden. Dabei hatten sie praktisch alle Kulturschaffenden im Rücken. Und natürlich auch jene Gesellschaften, die Urheberrechte schützen. In der Schweiz ist die «Suisa» die wesentliche Akteurin auf diesem Feld.

Dort zeigt man sich nun enttäuscht. Giorgio Tebaldi, Pressesprecher des Hauses: «Wir haben gespannt auf das Europaparlament geschaut. Im Rahmen der Urheberrechtsrevision in der Schweiz wartet man die Entwicklungen in der EU ab. Ein positiver Entscheid für Europa hätte wohl auch bei uns eine bessere Situation für die Urheber geschaffen.»

Denn in der Tat sei das Onlinegeschäft verbesserungswürdig: «Nachdem die Sache mit den illegalen Verbreitern wie ‹Pirate Bay› im Musikbereich endlich zurückgegangen war, hat sich die Situation leicht verbessert. Doch nun wird die Entwertung von Kultur auf dem Internet rigoros weitergeführt. Die Plattformen stellen sich auf den Standpunkt, dass sie keine Verantwortung für die Inhalte tragen würden, die bei ihnen laufen. Dabei verdienen sie mit diesen Inhalten sehr viel Geld. Auf dem Rücken jener, die diese Inhalte gemacht haben. Diese Entwicklung weist eine brutale Dynamik auf. Noch nie war so viel Musik, waren so viele Filme weltweit so günstig zugänglich. Wir haben wirklich gehofft, dass vom Europarat nun eine neue Situation geschaffen würde, zugunsten der Kulturschaffenden, die sich auch auf unser Land auswirken könnte. Die Zurückweisung war ja auch knapp.»

Bedrohte Freiheit

Die «Angstkampagne» der Gegner, die in der Verordnung eine Bedrohung des freien Internets sehen, habe offenbar Wirkung gezeigt. Tebaldi: «Wir warten nun die weitere Entwicklung in Europa ab. Es wird wohl sehr schwierig werden. Die Frage ist nun, wer bei der Überarbeitung der Vorlage mitdiskutieren darf, welche Argumente gehört werden.»

Schon seit Jahren wird sie geführt, jene Diskussion um die Freiheit des Internets – und inzwischen nimmt sie bizarre Züge an. Für die Kulturbranche sind die absolute Freiheit und die Gratiskultur des digitalen Raums eine Katastrophe, ein Paradigmenwechsel, der die gesamten Strukturen eines Kulturmarkts zu vernichten droht.

Man schaue sich zum Beispiel einmal die Geschichte des Musikbusiness – und der damit verbundenen Tonträger – genauer an. In den 1920er-, 1930er- Jahren waren es oft Möbelfirmen, die Musik aufgenommen haben. In seinem Standardwerk «Honkers and Shouters: The Golden Years of Rhythm and Blues» (Macmillan, 1978) hat Arnold Shaw anschaulich beschrieben, worum es damals ging. Die Möbelfirmen hatten Kästen im Angebot, die einen Radio und einen Plattenspieler enthielten. Das Angebot an Schallplatten war aber recht schmal, auch in stilistischer Hinsicht. Also wurden Agenten mit einfachen Aufnahmegeräten in den tiefen Süden der USA geschickt. Dort mieteten sie Hotelzimmer, luden afroamerikanische Künstler ein, nahmen alles auf, was diese zu bieten hatten, gaben ihnen als Gegenleistung 20 Dollar und eine Flasche Whiskey (anfänglich oft schwarz gebrannt, schliesslich herrschte damals in den USA die Prohibition) – und verbreiteten anschliessend die Aufnahmen. Die Künstlerinnen und Künstler haben die Schallplatten, auf denen sie spielten und sangen, meistens nie in den Händen gehalten; das waren die Anfänge. Ausbeutung pur.

Eine Ware für die Massen

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich die Musikindustrie zu entwickeln. Auf der Produktionsseite spielten vor allem Singles eine Rolle, die – gegen Gebühr – in Jukeboxes, also in Bars und Kneipen, gespielt wurden. Nebst dem Radio war dies damals der populärste Verbreitungsweg für populäre Musik. Die Langspielplatten spielten zunächst eine untergeordnete Rolle.

Dies sollte sich in den späten 1960er-Jahren ändern. Popmusik in allen Schattierungen wurde zu einer neuen Ware für die Massen. Langspielplatten wurden – spätestens nach dem Beatles-Album «Revolver» (1966) – zu den weltweit beliebtesten Kulturträgern. Und um dieses Phänomen wuchs eine mächtige globale Industrie. Die «Record Companies» wurden zu den grossen Haien im Musikgeschäft. Livemusik rückte ins zweite Glied. Konzerttourneen wurden zu eigentlichen Webeveranstaltungen für den Plattenverkauf.

Entwertetes Kulturgut

Endlos sind die Geschichten und Anekdoten darüber, wie Musiker und Komponisten von dieser Industrie über den Tisch gezogen wurden. Oder darüber, wie der schlechte Geschmack von geldgierigen Musikindustrie-Figuren, die Geschichte der Rock- und Popmusik geprägt habe. Doch immerhin, für viele Künstler ist in dieser Zeit mehr Geld übrig geblieben als je zuvor.

Heute könnten sie sich fast danach zurücksehnen. Denn das Internet hat die Schallplatten und die CDs fast obsolet gemacht. Alles ist plötzlich gratis. Das Kulturgut entwertet. Die berühmten Künstler verdienen nun wieder mit Konzerten, für die sie ungeheure Gagen verlangen können. Das Mittelfeld schleppt sich durch endlose Tourneen, bei denen wenig Bares abfällt. Und der ganze Rest spielt in Clubs, oft ohne Eintritt, während beim Publikum ein bisschen Geld gesammelt wird.

Also sind wir, nach knapp hundert Jahren, in denen die Musikindustrie aufgeblüht und verwelkt ist, wieder in die alte Situation zurückgefallen: «Applaus ist der Lohn des Künstlers». Doch wo bleibt das Brot? (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.07.2018, 10:28 Uhr

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