«Mit Einheimischen ist man kritischer»

Gründerpaar der Modekette Tally Weijl Beat Grüring und Tally Elfassi-Weijl im Interview.

«Wir sind keine Fähnchen im Wind.» Vor 33 Jahren gründeten Tally Elfassi-Weijl und Beat Grüring Tally Weijl.

«Wir sind keine Fähnchen im Wind.» Vor 33 Jahren gründeten Tally Elfassi-Weijl und Beat Grüring Tally Weijl. Bild: Pino Covino

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BaZ: Vor einem Jahr haben Sie das Design Center von Paris an den Hauptsitz nach Basel verlegt. An welcher Kollektion arbeiten die Designer aktuell?
Tally Elfassi-Weijl: Wir arbeiten immer an zwei, drei oder vier Kollektionen gleichzeitig. Aktuell steht der Frühling und Sommer 2018 im Zentrum. Gleichzeitig sind wir mit dem, was in unsere Läden geschieht, verbunden und wissen, was der Kunde bezüglich Form und Farbe will. Wir haben während der Saison eine hohe Reaktionsfähigkeit.

Wie schnell können Sie auf einen neuen Trend reagieren?
Beat Grüring: Natürlich ist es besser, einen Trend vorher zu erkennen, nicht erst im letzten Moment. Wenn wir einen verpassen, was uns zum Glück sehr selten passiert, benötigen wir manchmal drei Wochen, meist aber rund sechs Wochen. Wir müssen sehr schnell sein. Wir müssen aber auch nicht jeden Trend mitmachen. Unsere Shops sind normalerweise zwischen 200 und 250 Quadratmeter, nicht 2500. Alles geht nicht.

In einem Interview erwähnten Sie, dass Männermode ein Thema für Tally Weijl sei. Wie weit sind Sie in der Planung?
Grüring: Wir haben es uns überlegt. Wir hinterfragen unsere Strategie immer wieder, aber in Bezug auf Männermode gibt es derzeit nichts in der Pipeline.
Elfassi: Wir haben wirklich genug zu tun mit den Frauen. Wir wollen in dem, was wir machen, sehr gut sein.

Wie schlägt sich denn Tally Weijl aktuell im schwierigen Modemarkt?
Grüring: Es läuft ziemlich gut. Wir gewinnen Marktanteile. Bei den messbaren Faktoren arbeiten wir besser, auch im Vergleich zur direkten Konkurrenz.
Elfassi: Auch mit dem Ergebnis der Kollektion sind wir zufrieden.

Wie wichtig ist die Schweiz als Markt?
Grüring: Sehr wichtig. Wir machen fast 15 Prozent des Umsatzes hier. Er ist wichtig, weil die Schweizer Kundinnen schnell reagieren. Das ist sehr hilfreich. Aber wir sind ein europäisches Unternehmen, wir bedienen alle Nachbarländer der Schweiz. Europa ist unser Heimmarkt.

Discounter arbeiten neu mit Modestars zusammen. Die Konkurrenz wächst. Wie entwickeln sich die Preise?
Grüring: Der Markt ist umkämpft. Ein Konkurrent mehr oder weniger macht keinen Unterschied. Wir müssen unseren Weg gehen, an uns arbeiten, an unserer DNA und unseren Kollektionen. Eine grosse Veränderung in den Preisen sehen wir nicht, auch für die nächsten Saisons nicht.

Der Online-Handel boomt. Ist Tally Weijl für die digitale Welt bereit?
Grüring: Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen sagen. Aber wir alle wissen nicht, was morgen in diesem Bereich auf uns zukommt. Wir haben in den letzten Jahren viel investiert, zwischen 15 und 20 Millionen Franken. Wir wollen 24 Stunden pro Tag für den Kunden da sein. Die zwei Welten miteinander zu verbinden, ist die grosse Herausforderung. Wir sind weit fortgeschritten. Es gibt eine Vielzahl von Zahnrädern und wir müssen schauen, dass sie ineinandergreifen. Seit über zehn Jahren haben wir ein Social-Media-Team. In diesem Bereich starteten wir früh, mit dem Online-Shop begannen wir etwas zu spät. Ich weiss nicht, ob wir genug gemacht haben.

Welchen Anteil machen die Online-Verkäufe bei Tally Weijl aus?
Grüring: Derzeit noch einen ziemlich kleinen, aber er wächst stetig.

Internet-Riesen stossen in die Branche vor. Auch Zalando hat den Markt verändert. Sind es Konkurrenten oder auch mögliche Verbündete?
Grüring: Es gibt Verbündete, auf jeden Fall. Mit einigen von ihnen verhandeln wir, um auf deren Plattform zu verkaufen. Es wird auch neue Kooperation geben, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Alle müssen versuchen, online und offline zu kombinieren.

Wieso investieren Sie weiterhin in den stationären Handel wie den neuen Flagship-Store in Basel?
Grüring: Es geht um das Image unserer Marke, aber auch um den Handel und das Vernetzen der Shops mit der digitalen Welt. Das gibt uns auch grosse Vorteile, wenn wir in andere Märkte gehen. Wir haben in Frankreich 68 Läden übernommen, hinzu kommen noch 50 Franchising-Unternehmen. Trotzdem werden wir in Frankreich nicht die gleiche Shop-Dichte wie in der Schweiz haben, da wir online aggressiver sein können. Dank dem Online-Geschäft können wir ohne grosse zusätzliche Fixkosten in neue Märkte expandieren.

Vor 30 Jahren eröffneten Sie Ihren ersten Shop in Fribourg. Heute haben Sie weltweit über 800 Verkaufspunkte. Wie wird sich die Anzahl Läden entwickeln?
Grüring: Shops bieten immer noch etwas, was Online nicht hat, nämlich Emotionen. Ausserdem werden die Städte auch in Zukunft nicht komplett leer sein. Das Online-Geschäft ist komplementär zum stationären. Aber natürlich ändern sich die Welt und das Konsumverhalten auch. Wir werden deshalb in Zukunft weniger Läden haben als bisher und mehr Online-Verkäufe. Auch in Basel werden wir deshalb langfristig nicht drei Läden brauchen.

Die Schweiz gilt nicht als Modehochburg. Ist es ein Vorteil, eine Schweizer Firma zu sein, oder resultiert dadurch eher ein Nachteil?
Elfassi: Das ist eine gute Frage. Wir sind auf jeden Fall stolz, eine Schweizer Firma zu sein. Hier hat alles begonnen. Das ist unsere DNA. Was denkst Du, was sind die Vorteile?
Grüring: Es gibt typisch schweizerische Werte, die sehr angesehen sind. Andererseits wir sind hier und es macht nicht viel Sinn, darüber zu sinnieren. Wir sind inmitten Europas.
Elfassi: Klar, einen geografischen Vorteil gibt es. Wir sind umgeben von Modestädten.
Grüring: Ich glaube nicht, dass ein gewisser Spanier damals überlegte, dass La Coruña der beste Ort für Mode war. Es gibt Momente, in denen man nicht zu viel nachdenken sollte. Basel ist auf jeden Fall ein wunderbarer Ort, ich wohne hier und es gefällt mir hier.

Tally Weijl bleibt also hier in Basel und zieht nicht ins grenznahe Ausland?
Grüring: Ja, selbstverständlich bleiben wir. Wir sind sehr glücklich hier, aber die Herausforderungen werden nicht kleiner. Wir sind eine offene Firma und analysieren alle Möglichkeiten, bevor wir entscheiden.

Tally Weijl polarisiert. Was für ein Bild haben die Leute letztlich von Ihrem Unternehmen?
Elfassi: Wir haben eine grosse Fangemeinschaft, in der Schweiz und überall, die uns wirklich liebt. Die bleibt uns auch relativ treu. Dennoch gibt es natürlich Mädchen, die uns nicht mögen oder einfach irgendwann etwas anders wollen.

Woran liegt das? Was ist deren Kritik?
Elfassi: Wir sind eine Marke. Man mag eine Marke oder man mag sie nicht. Einige mögen nicht, wie wir kommunizieren, wie wir über uns reden. Aber so funktionieren Marken. Sucht eine Frau Kleider für die Freizeit oder fürs Büro, denkt sie sofort an eine bestimmte Marke. So ist das Leben. Unsere Fans denken sofort an uns.

Gibt es Frauen, die Sie von ihrer Mode ausschliessen? Zum Beispiel die etwas Kurvenreicheren?
Elfassi: Auf keinen Fall wollen wir jemanden ausschliessen. Gehen Sie in unseren Laden und sie werden es sehen. Wir denken immer an die selbstbewusste junge Frau, die sich in unseren Kleidern schön fühlt. Sie muss dazu nicht ein dünnes Mädchen sein. Ausserdem sind Kurven auch bei den Mode-Ikonen wie den Kardashians sehr präsent.
Grüring: Ich frage Sie: Richtet sich Ihre Zeitung auch an Leser der linksextremen Szene oder fokussiert sie sich eher auf Bürgerliche und Leute in der Mitte und etwas links davon? Unsere Läden sind im Durchschnitt weniger als 250 Quadratmeter gross, wir können nicht alle Kundengruppen abdecken. Wir können nicht auch noch Brautmode anbieten. Oder Grössen über 42. Wir sprachen immer ein modisches, junges Publikum an. Ja, manchmal sind wir exkludierend, und ja, manchmal machen wir Fehler und müssen korrigieren. Aber ausser in der Schweiz sind wir deswegen noch nirgends kritisiert worden.

Ist es in diesem Falle ein Nachteil schweizerisch zu sein?
Grüring: Nein, ich glaube nicht. Das ist in allen Ländern so, dass man mit den Einheimischen kritischer ist.

Das spielt ihrer direkten Konkurrenz in die Hände …
Grüring: Das Ausländische ist attraktiv, auch weil man nicht viel darüber weiss. Die coolsten Leute trugen American Apparel, obwohl dieses Unternehmen viele Skandale hatte.

Wie gehen Sie generell mit Kritik um? Denken Sie «nicht schon wieder»?
Grüring: Ich habe nicht das Gefühl, dass wir so viel Kritik erhalten. Ich verbringe definitiv nicht 60 Prozent meiner Arbeit mit der Verarbeitung von Kritik. Aber es sind immer die gleichen grossen Themen: unsere Positionierung und wo wir produzieren. Aber Kritik ist immer auch da, um nachzudenken, ob sie gerechtfertigt ist. Wir fragen uns dann, ob wir etwas falsch gemacht haben, ob wir reagieren müssen oder nicht.

Bei der Positionierung sehen Sie keinen Handlungsbedarf?
Grüring: Nein, wir wollen keine grösseren Läden und wir sprechen eher die extrovertierten Mädchen an und diejenigen, die eine spezielle Art von Fun haben. Eine unserer grossen Stärken als Unternehmen ist, dass wir uns immer treu geblieben sind. Wir sind kein Fähnchen im Wind nur wegen der Kritik.
Elfassi: Wir sind getrieben durch unsere gemeinsame Leidenschaft für Mode. Wir sind eine Geschichte der Leidenschaft. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.09.2017, 10:12 Uhr

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