«Personenfreizügigkeit ist ein Ventil»

George Sheldon, Professor für Arbeitsmarktökonomie, sieht in der Zuwanderung den Grund, weshalb Schweizer Löhne nicht allzu stark steigen können.

Ein Kommen und Gehen. Laut George Sheldon sind die Arbeitsverhältnisse im Gastgewerbe besonders instabil.

Ein Kommen und Gehen. Laut George Sheldon sind die Arbeitsverhältnisse im Gastgewerbe besonders instabil. Bild: Keystone

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BaZ: Herr Sheldon, die Arbeitslosigkeit ist so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr. Dies zeigen die gestern veröffentlichten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft. Was sind die Gründe?
George Sheldon: Die Erklärung ist einfach: Die Konjunktur hat sich erholt. Blickt man ein paar Jahre zurück, so sieht man, dass es neben der Finanzkrise zwei weitere Ereignisse gab, die zu höherer Arbeitslosigkeit führten. Zum einen die starke Aufwertung des Frankens im Jahr 2011. Zum anderen die Aufgabe des Euro-Mindestkurs im Januar 2015. Die Probleme, welche die Arbeitslosigkeit steigen liessen, wurden nun beseitigt. Der Wechselkurs zum Euro liegt seit Monaten bei 1.16, und auch die Konjunktur hat sich erholt. Entsprechend ist die Arbeitslosigkeit zurückgegangen. Hinzu kommt, dass auch in Deutschland die Konjunktur heiss läuft, was sich auf die Schweiz überträgt.

Ökonomen erwarten, dass die Schweizer Wirtschaft 2018 mit rund zwei Prozent wachsen wird. Dies dürfte dem Arbeitsmarkt weiteren Aufschwung verleihen. Kann die saisonbereinigte Arbeitslosenquote noch weiter sinken?
Auf jeden Fall. Mein Frühindikator deutet darauf hin, dass die Arbeitslosenquote im November saisonbereinigt auf 2,4 Prozent zu liegen kommt. Allerdings dürfte sich das Tempo des Rückgangs verlangsamen: Während die Arbeitslosigkeit im April und Mai stark zurückging, schwächte sich die Dynamik im Juni etwas ab. Vor diesem Hintergrund ist nicht mehr mit einem grossen Rückgang zu rechnen. Aber 2,4 Prozent ist doch eine ganze anständige Zahl.

Ist die tiefe Arbeitslosigkeit ein Hinweis für einen Fachkräftemangel?
Es ist unbestritten, dass Schweizer Firmen nach Arbeitskräften suchen. Viele Personen haben denn auch eine Beschäftigung gefunden. Unter den registrierten Arbeitslosen sind aber viele Niedrigqualifizierte, was ich nicht per se als ein Signal für einen Fachkräftemangel interpretiere, sondern vielmehr für einen Arbeitskräftemangel. Ein Fachkräftemangel äussert sich eher in einer höheren Zuwanderung als einer tiefen Arbeitslosigkeit. Der Ausländerbestand in der Schweiz ist im vergangenen Jahr um 30 000 Personen gestiegen – im Vergleich zu früheren Jahren ist das ein leichter Anstieg.

Die tiefe Arbeitslosigkeit ist für Schweizer Angestellte ein gute Nachricht. Dürfen sie mit steigenden Löhnen rechnen?
Ich rechne mit einer leichten Erhöhung. In der Schweiz verhindert aber die Zuwanderung, dass die Löhne stark steigen können. Die Personenfreizügigkeit wirkt wie ein Ventil auf den Arbeitsmarkt: Wenn Stellen nicht besetzt werden können, werden die Personen im Ausland gesucht. Das war auch in den 90er-Jahren zu beobachten, als die Kontingente so gross bemessen waren, dass sie nie ausgeschöpft wurden. Wenn ein Land diese Möglichkeit hat, kann es abwägen, ob man die Löhne erhöhen oder Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutieren will. Die Löhne dürften nun etwas steigen, aber nicht stark. Übrigens konnte man in den Ländern der OECD feststellen, dass sich der gegenwärtige Aufschwung noch kaum auf die Löhne ausgewirkt hat, obwohl die Arbeitslosigkeit tief ist. Für die Wissenschaftler ist das allerdings rätselhaft. In der Schweiz ist dieses Phänomen nicht so ausgeprägt, weil man die Zuwanderung hat.

Haben Sie eine Vermutung, weshalb die Löhne etwa in Deutschland nicht steigen, obwohl die Wirtschaft kräftig wächst?
Eine Erklärung ist, dass die Gewerkschaften an Einfluss verloren haben. Aber das ist bloss eine Hypothese. Eine richtig schlüssige Antwort kenne ich nicht.

Seit Anfang Juli ist die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative in Kraft. In Branchen mit einer hohen Arbeitslosigkeit müssen freie Stelle den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet werden. Könnte sich dies auf die Arbeitslosigkeit auswirken?
Ich glaube, dies wird keinen Einfluss haben. Eine hohe Arbeitslosigkeit in einer Branche kann bedeuten, dass man entweder sehr lange suchen muss oder dass die Arbeitsverhältnisse sehr instabil sind. Das ist etwa im Gastgewerbe oder auf dem Bau der Fall, in denen ein Kommen und Gehen herrscht. Dies führt dazu, dass die Arbeitslosigkeit in diesen Branchen hoch ist. Die hohe Arbeitslosigkeit hängt mit der Instabilität der Arbeitsverhältnisse zusammen und nicht damit, dass man keine Arbeitskräfte findet. Deshalb erwarte ich nicht, dass die Massnahme viel bewirkt.

Die Massnahme verkommt also zu einem Papiertiger?
Es kursiert dieses klischeehafte Bild, dass in den meldepflichtigen Berufen die Leute herumstehen und auf eine Anstellung warten. Aber das ist eine falsche Darstellung der Situation. Vielmehr ist es der Fall, dass die an und für sich leicht vermittelbaren Stellen in den betreffenden Berufen nicht lange gehalten werden. Deshalb ist die Arbeitslosigkeit dort hoch – und nicht, weil keiner eine Stelle findet.

George Sheldon ist emeritierter Professor und Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum der Universität Basel. Er gehört zu den gefragtesten Spezialisten zum Thema Arbeitsmarkt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.07.2018, 14:21 Uhr

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