Showdown um Replay-TV

Der Konsumentenschutz will das Abstimmungsverhalten beim neuen Urheberrechtsgesetz überwachen. Linke Politiker sind «über die Drohungen» erbost.

Zeitversetztes Fernsehen erlaubt es dem Zuschauer, einen Sendetermin bewusst zu verpassen und den Beitrag Stunden später noch nachzuschauen.

Zeitversetztes Fernsehen erlaubt es dem Zuschauer, einen Sendetermin bewusst zu verpassen und den Beitrag Stunden später noch nachzuschauen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Konsumenten werden am 13. Dezember genau hinhören, wenn der Nationalrat das revidierte Urheberrechtsgesetz berät. Im Rahmen dieser Debatte wird sich die grosse Kammer mit den umstrittenen Regeln zum zeitversetzten Fernsehen auseinandersetzen.

Eine Knacknuss ist, dass die Zuschauer dank der Replay-Funktion Reklame überspulen können. Sendeanstalten wie die SRG, ARD, ZDF und RTL befürchten sinkende Werbeeinnahmen und haben sich in Bern Gehör verschafft.

So empfiehlt die nationalrätliche Rechtskommission: Im dafür vorgesehenen Urheberrechtsgesetz sei zu verankern, dass die Anbieter von digitalem Fernsehen die Zustimmung jedes einzelnen Senders für Replay-TV einholen müssen.

Das hat die Telecomanbieter und die SP-nahe Stiftung für Konsumentenschutz auf den Plan gerufen. Sie warnen vor steigenden Preisen für digitale TV-Angebote, da die Fernsehstationen eine Entschädigung fürs Weiterspulen bei der Werbung verlangen würden. Branchenverbände und Konsumentenschutz drohen mit dem Referendum, sollte der Nationalrat den Empfehlungen der Rechtskommission folgen. Der Konsumentenschutz kündigte sogar an, mit Blick auf das Wahljahr 2019 genau zu verfolgen, wie die Parlamentarier beim zeitversetzten Fernsehen abgestimmt haben.

Auch SVP setzt sich für TV-Sender ein

Der scharfe Ton der Konsumentenschützer irritiert Abgeordnete aus dem linken Lager. «Es ist unredlich, damit zu drohen, das Abstimmungsverhalten von Parlamentariern zu überwachen und zu publizieren», sagt der Berner Nationalrat Matthias Aebischer, der in der Rechtskommission sitzt. «Ich hoffe, meine Kolleginnen und Kollegen reagieren nicht auf solche Drohungen.»


Fernsehen im Internet erklärt
Im Video führen wir vor, wie Sie Sendungen aufzeichnen, an jedem Gerät ansehen und mit Freunden teilen können. Video: Matthias Schüssler

Bei Replay-TV unterstützt der ehemalige Fernsehmann Aebischer die Anliegen der TV-Sender: «Wer Inhalte herstellt, soll auch darüber mitbestimmen können, wie diese verbreitet werden.»

Selbst bei der SVP, sonst bekannt für ihre Kritik am «Staatssender» SRF, setzen sich Politiker für die Fernsehanstalten ein. Ihm gehe es um die privaten TV-Stationen, sagt der Zürcher Nationalrat Claudio Zanetti. Diese sollen von Werbung leben können und deshalb auch mitreden. Zanetti ist ebenfalls ein Mitglied der Rechtskommission.

Er hält es für möglich, dass die TV-Angebote günstiger werden – vorausgesetzt, alle Beteiligten setzen sich an einen Tisch und diskutieren. «Es ist vorstellbar, dass Sendeanstalten und Telecomanbieter auf Abgeltungen für überspulte Werbeblöcke verzichten, wenn die Einbussen durch neue Finanzierungsmodelle ausgeglichen werden.»

Neue Werbemodelle für Replay-TV

Branchenkenner sehen viele Möglichkeiten, Replay-TV durch kundenfreundliche Werbung zu finanzieren. Eine Option wären Kürzest-Clips, die nicht länger als 5 Sekunden dauern. Solche Reklamen könnten der Sendung, die der Zuschauer nachschauen möchte, vorangestellt werden. «Genau darüber sollten die TV-Anstalten mitreden können. Bis jetzt haben sie aber gar nichts zu sagen», sagt Zanettis Ratskollege Matthias Aebischer.

Auch bei den Konsumentenorganisationen zeichnen sich verschiedene Positionen ab. Das wirtschaftsliberale Konsumentenforum hilft weder bei einer Unterschriftensammlung für ein Referendum mit noch bei einem Monitoring vom Abstimmungsverhalten.

Einigkeit mit dem Konsumentenschutz herrscht darüber, dass der Zuschauer Replay-TV ohne Einschränkungen nutzen kann. «Wie sich die Beteiligten im Hintergrund den Kuchen aufteilen, ist dem Konsumenten egal», sagt Babette Sigg, Präsidentin des Konsumentenforums.

Hintertür Fernmeldegesetz?

Die Situation entschärfen könnte das revidierte Fernmeldegesetz, dem zuletzt der Ständerat Ende November zugestimmt hat. Darin ist verankert, dass Telecombetreiber ohne Zustimmung der Sender keine Änderungen an den von ihnen aufgezeichneten und verbreiteten Fernsehprogrammen vornehmen dürfen.

Suissedigital, der Dachverband der Kommunikationsnetze, sieht deshalb seine Mitglieder in der Pflicht: «Wir sind bereit, mit den TV-Stationen über gemeinsame Werbeformate zu verhandeln», sagt Geschäftsführer Simon Osterwalder. Umso mehr brauche es jetzt nicht noch eine Guillotine für Spulfunktionen im revidierten Urheberrechtsgesetz. Suissedigital gehören in erster Linie Kabelnetzbetreiber wie UPC und Quickline an.

Derweil fahren beide Seiten die Lobbying-Maschinerie hoch. Die Interessengemeinschaft Radio und Fernsehen informiert auf ihrer Homepage prominent für die Belange der Sendeanstalten bei Replay-TV. Die Interessengemeinschaft ist ein Zusammenschluss von TV-Stationen aus dem In- und Ausland, die ihre Programme in der Schweiz verbreiten.

Der Telecomverband Swissstream seinerseits hat eine eigene Webseite aufgeschaltet, auf der er die wichtigen Argumente gegen das diskutierte Verbot der Spulfunktion bei Replay-TV zusammenfasst. Offizielle Unterstützung erhält diese Internetseite von Firmen wie Sunrise, Swisscom und Zattoo. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.12.2018, 11:06 Uhr

Artikel zum Thema

Warum das TV-Spulen teurer werden könnte

Mit der Replay-Funktion die Werbung überspringen: Für die Zuschauer ist das ein Segen. Die Sender ärgert es. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bienenzüchter: Im spanischen Valencia protestieren Bienenzüchter für einen nachhaltigen und profitablen Sektor. Sie verlangen, dass die Etikettierung klar ist und beklagten den Preiszerfall. (11.Dezember 2018)
(Bild: Kai Foersterling/EPA) Mehr...