Soros wettet fast eine Milliarde Dollar auf einen Crash

Die Investorenlegende sieht dunkle Zeiten auf die Börsen zukommen. Seine Wette richtet sich gegen ein mächtiges Ziel.

Wie sicher ist sein Riecher noch? Starinvestor George Soros. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Wie sicher ist sein Riecher noch? Starinvestor George Soros. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

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Jetzt hat sich George Soros den denkbar grössten Gegner ausgesucht. Er, der als einer der erfolgreichsten Investoren gilt, nimmt die Wall Street ins Visier. Wie jetzt bekannt wurde, wettet der 86-Jährige massiv gegen den S&P 500 – den wichtigsten amerikanischen Aktienindex.

Soros erhöhte die Zahl der Optionen von 2,1 Millionen zum Ende des ersten Quartals auf nun gut vier Millionen Papiere. Damit setzt die Investorenlegende knapp 840 Millionen Dollar auf einen Crash an der Wall Street. Das entspricht knapp vier Prozent seines auf etwa 25 Milliarden Dollar geschätzten Vermögens.

Soros' pikante Wette wurde jetzt öffentlich, weil die Hedgefonds in den USA regelmässig ihre Positionen veröffentlichen müssen. Spätestens 45 Tage nach dem Ende eines jeden Quartals müssen die verschwiegenen Investoren Einblick in ihre Bücher gewähren. Die gesamte Finanzwelt schaut mit Argusaugen auf die Daten, geben sie doch Aufschluss, wie die Hedgefondsmanager denken. Das sogenannte Smart Money verwaltet gut drei Billionen Dollar, und so sind die Daten nicht allein aus intellektueller Warte her spannend.

Einer der gewieftesten Investoren weltweit

Soros gilt unter den Hedgefondsmanagern als einer der erfolgreichsten Börsenspekulanten aller Zeiten. Durch seine Wetten ist der inzwischen 86-Jährige zu einem der reichsten Menschen auf dem Planeten avanciert. Im Bloomberg-Milliardärsranking steht er mit einem Vermögen von 24,7 Milliarden Dollar auf Rang 28.

Seinen legendären Ruf begründete er 1992, als er mit seinem Quantum-Hedgefonds die Bank von England in die Knie und das Pfund aus dem Europäischen Währungssystem zwang. An der Kapitulation der Notenbank verdiente Soros nicht nur Milliarden, sondern galt auf einen Schlag als einer der gewieftesten Investoren weltweit.

Infografik: Der S&P 500 Index seit 1920 Grafik vergrössern

Immer wieder spürt Soros ökonomische Ungleichgewichte im Weltfinanzsystem auf und macht mit Wetten darauf ein Vermögen. So hat er sich unlängst auf die Deutsche Bank gestürzt und auf einen weiteren Kursverfall des angeschlagenen Instituts gesetzt. Nun sieht er offensichtlich eine Spekulationsblase bei US-Aktien. Der amerikanische Börsenindex S&P 500, der die 500 grössten US-Firmen enthält, eilt derzeit von Rekord zu Rekord. Im laufenden Jahr hat das viel beachtete Barometer bereits 7,2 Prozent zugelegt. Allein in den vergangenen fünf Jahren konnten Investoren mit dem Index ihr Geld mehr als verdoppelt.

Für viele Experten geht die Rallye zu schnell und hat sich von den realwirtschaftlichen Fundamentaldaten abgekoppelt. So halten die Unternehmensgewinne längst nicht mit den Kurszuwächsen Schritt. Damit werden Aktien, gemessen an ihren Erträgen, immer teurer.

Gefährlicher Aktienkauf auf Pump

Das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt mit aktuell 20,6 deutlich über dem langjährigen Schnitt. Historisch wurden die Aktien im S&P 500 lediglich mit dem 16-Fachen ihrer Gewinne bewertet. Und selbst das KGV von knapp 21 ist noch geschönt. Viele Firmen haben zuletzt ihre Gewinne künstlich schöngerechnet. Sie haben eigene Aktien aufgekauft und damit den Ertrag je Aktie nach oben gehievt. So liegt das «wahre» KGV nach Ansicht von Experten eher bei 25.

Auch ein anderer Gewinn-Indikator schlägt Alarm: das Shiller-KGV, benannt nach dem Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller. Im Gegensatz zum herkömmlichen KGV, das sich auf das jeweils laufende Jahr bezieht und daher oft verzerrt ist, bildet die Kenngrösse von Shiller einen bereinigten Zehn-Jahres-Durchschnitt ab. So lässt sich verlässlicher bestimmen, ob ein Markt unter- oder überbewertet ist.

Und das Shiller-KGV lässt keinen Zweifel zu, wie die Dinge stehen. Es ist auf 27 gestiegen und liegt damit nicht nur elf Punkte über dem langjährigen Durchschnitt, sondern just auf dem Niveau vor der Finanzkrise 2008. Selbst vor dem Crash von 1987 lag das Shiller-KGV niedriger als heute.

Die Lage ist auch daher brenzlig, weil viele Anleger auf Pump bei der laufenden Börsenrallye mitmachen. Das Volumen der sogenannten Margin Trades beträgt aktuell 447 Milliarden Dollar. Es besteht die Gefahr, dass die Positionen zwangsliquidiert werden und so eine einmal begonnene Abwärtsbewegung ausser Kontrolle gerät.

«Nichts sieht gut aus»

Soros ist nicht der einzige Hedgefondsmanager, der den US-Markt für überbewertet hält. Zuletzt hatten auch hierzulande weniger bekannte Namen wie Jeffrey Gundlach, Carl Icahn und David Tepper ihre Positionen in Aktien deutlich zurückgefahren.

Gundlach, der mehr als 100 Milliarden Dollar bei seiner Gesellschaft DoubleLine Capital verwaltet, hatte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters im vergangenen Monat seine skeptische Haltung zu Aktien drastisch beschrieben: «Der Künstler Christopher Wool hat ein Gemälde geschaffen, das aus den Worten ‹Verkaufe dein Haus, verkaufe dein Auto, verkaufe deine Kinder› besteht. Genauso fühle ich mich derzeit. Nichts sieht gut aus.» Gundlach hat Wetten gegen einzelne Aktien platziert und sein Engagement in Gold ausgebaut.

Doch so radikal wie Soros ist keiner seiner Kollegen. Ob er allerdings wie im Jahr 1992 das Pfund auch die Wall Street zum Einsturz bringt, bezweifeln viele Experten, zumal Soros schon länger auf fallende Kurse setzt. Schliesslich beträgt das Marktvolumen des S&P nach Angaben von Bloomberg 19,7 Billionen Dollar. Seine Wette über eine knappe Milliarde wirkt dagegen weit weniger spektakulär.

(Die Welt)

Erstellt: 17.08.2016, 09:32 Uhr

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