Späte Rache der Strahlenphobiker

Mobilfunk 5G wäre wichtig für die Schweiz. Doch der Ständerat steht auf die Leitung.

gst aus. Mobilfunkantennen haben viele Gegner – und ungleich mehr Nutzer.

gst aus. Mobilfunkantennen haben viele Gegner – und ungleich mehr Nutzer.

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Der Entscheid kam für viele wohl überraschend: Der Ständerat will von einer moderaten Lockerung der Mobilfunk-Anlagegrenzwerte nichts wissen und legt damit dem künftigen Standard 5G Steine in den Weg. Mit 22 gegen 21 Stimmen schmetterte der Rat diese Woche eine entsprechende Motion der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen ab.

5G bringt eine Verhundertfachung der Übertragungsgeschwindigkeiten. Doch die Technologie kann nun höchstens lückenhaft eingeführt werden. Damit besteht die Gefahr, dass die Schweiz auf Jahre hinaus zurückbleibt punkto Kommunikationsnetze – mit negativen Folgen für wirtschaftliche Investitionen, die auf eine intakte Infrastruktur angewiesen sind.

Mythos Strahlensensibilität

Im Vorfeld der Parlamentsdebatte hatten diejenigen Kreise, die seit vielen Jahren wegen angeblicher Gesundheitsgefahren der Mobilfunkstrahlung missionieren – etwa die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz – die Parlamentarier mit Zuschriften eingedeckt. Es sind Fundamentalisten, die grundsätzlich annehmen, dass Mobilfunkwellen schädlich sein müssen, weil sie künstlich erzeugt sind. Diesen Kreisen ist es egal, dass bis heute keine einzige gesundheitlich negative Folge nichtionisierender Strahlung bekannt ist. Sie bringen einfach immer neue Un- und Halbwahrheiten ins Spiel. Es drohten Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Krebs und Leukämie, warnen sie unentwegt. Und fordern stets den Stopp jeder weiteren Innovation. Jahrelang waren sie damit in der Politik aufgelaufen. Doch jetzt ist es ihnen gelungen, eine Mehrheit der Ständeräte weichzuklopfen. Es ist die späte Rache der Strahlenphobiker – in einer Gesellschaft, in der mittlerweile fast jeder ein Smartphone nutzt.

«Bevor die Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier noch nicht geklärt sind, wäre es fahrlässig, die Grenzwerte zu erhöhen», verkündete Ständerätin Brigitte Häberli-Koller (CVP), eine der Wortführerinnen der Mobilfunkgegner, schon vor der Debatte. Doch das viel beschworene Vorsorgeprinzip wird hier ad absurdum geführt, denn einen generellen «Unschädlichkeitsbeweis» einer Technologie zu erbringen, ist wissenschaftssystematisch nie möglich. Die Forschung kann nur konkreten Verdachtspunkten nachgehen – und dies endete bei der Mobilfunkstrahlung bisher immer mit Entwarnung.

Die Ständeratsdebatte war von solcher Unsachlichkeit geprägt, dass sie geeignet war, ganz ohne Strahlung Kopfweh hervorzurufen. Es gebe «eine Gruppe von Menschen, die gegenüber elektromagnetischer Strahlung besonders empfindlich ist», behauptete Häberli-Koller. Falsch: Die angebliche Strahlensensibilität ist ein alter Hut, der sich in noch jedem seriösen Test als Artefakt herausgestellt hat. Es würden «Zweifel» über die Wirkung nichtionisierender Strahlung auf die Gesundheit bestehen, mahnte Géraldine Savary (SP). Kein Wunder: Die «Zweifel» werden seit Jahren gezielt verbreitet.

Thomas Minder (parteilos) griff zur altbekannten «Asbest-Keule»: «Wir wussten vor 50 Jahren auch nicht, das Asbest krebserregend und tödlich ist.» Minder scheint entgangen zu sein, dass seit Jahrzehnten versucht wird, die Schädlichkeit der Mobilfunkstrahlung zu belegen, was bei Asbest lange Zeit ganz anders war. «Die Zukunft gehört kleinzelligen, dezentralen Netzen mit kleinen Antennen, die in bereits bestehende Infrastrukturen eingebaut sind», machte Anita Fetz (SP) eine angebliche Alternative zur 5G-Aufrüstung der bestehenden Antennen schmackhaft. Dabei hatte sie kurz zuvor erklärt, «keine Fachfrau» zu sein.

Mehr Vorsorge geht fast nicht

Fakt ist vielmehr: Die Anlagegrenzwerte sind eine Schweizer Spezialität. Sie gelten für Orte häufigen Aufenthalts (Häuser, Wohnungen) und sind gegenüber den von der WHO empfohlenen Grenzwerten zehnfach strenger. Mehr Vorsorge geht fast nicht. Und falls von der Strahlung doch irgendwelche Gefahren ausgehen sollten, dann dürften mutmasslich die Telefone am Ohr dafür verantwortlich sein. Denn diese sorgen für eine um Grössenordnungen höhere Strahlenbelastung als die Abdeckung durch Antennen. Wie viele der 22 ablehnenden Ständeräte aber verzichten konsequent auf die Nutzung eines Handys?

Ihre Geräte werden die Leistung in den nächsten Jahren gar noch hinauffahren müssen – denn je schlechter die Abdeckung durch Antennen ist, desto stärker müssen Handys funken. So dürfte sich die Strahlenbelastung für den einzelnen Nutzer am Ende gar deutlich stärker erhöhen als bei einer massvollen Relativierung der Anlagegrenzwerte – dem Ständerat sei Dank. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.03.2018, 17:59 Uhr

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