Der Sand wird knapp

Der weltweite Bauboom macht Sand zum begehrten Gut. Der Raubbau ist so krass, dass Strände schrumpfen, Inseln verschwinden. Ein Bombengeschäft ist die Knappheit dagegen für die Sandmafia.

Der Sandabbau ist ein lukratives Geschäft, wie hier in einer Mine in Wisconsin, USA. Foto: E+ (Getty Images)

Der Sandabbau ist ein lukratives Geschäft, wie hier in einer Mine in Wisconsin, USA. Foto: E+ (Getty Images)

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«Wie Sand am Meer»: Die Redensart, einst Inbegriff des Überflusses, entlockt so manchem Meeresanwohner nur noch ein bitteres Lächeln. Denn Unverstand und Raubbau haben dazu geführt, dass das Meer vielerorts einst breite Sandstrände bis auf einen kümmerlichen Streifen verschluckt hat. Alte Bausünden rächen sich nun. Urlaubsorte haben Flussläufe in Betonbetten gezwungen, um Platz für Hotels und Ferienanlagen zu schaffen. Im Hinterland wurde immer mehr Trinkwasser abgeleitet oder zur Bewässerung abgezweigt. Manche Flüsse führen kaum noch Wasser, der Sandnachschub versiegt. Bei Hochwasser schiesst der mitgeführte Sand mit solcher Wucht ins Meer, dass er in der Tiefe verschwindet.

Der Ebro in Spanien und die Rhone transportieren heute zwanzigmal weniger Sedimente ans Meer als noch 1950, am riesigen Delta des Nil in Ägypten kommt gar nichts mehr an. An Spaniens Südküste etwa, wo der Tourismus pro Quadratmeter Strandfläche bis zu 1300 Euro Umsatz im Jahr generiert, schaffen Urlaubsorte Sand oft für teures Geld aus dem Inland heran, um ihre Strände zu reparieren. Oder sie lassen Sanddiebe anderswo Dünen oder einsame Strände abgraben. Spanien hat fast 3500 Strände, unbeschadet sind nur wenige. Betroffen sind in Europa Küstenstaaten von Griechenland bis Portugal. Gemäss der Zeitung «Die Zeit» sind die Strände von Marbella und Teneriffa inzwischen künstlich angelegt, ebenso die Stadtstrände in Barcelona, Tel Aviv und Rio de Janeiro.

In den USA hat die Regierung Milliarden von Dollars in Strandreparaturen und Aufschüttungen investiert. In Florida mit 800 Kilometern an Stränden ist bereits fast die Hälfte künstlich aufgeschüttet. Nach dem Hurrikan Sandy im Osten der USA bewilligte der Kongress über 5 Milliarden Dollar, um die Küstenlinie wiederherzustellen. Australien flickt Strände seit langem mit vor der Küste gefördertem Sand. Nachhaltig ist das nicht. Aufgeschüttete Strände erodieren bis zu zehnmal so schnell wie natürliche, rechnet der britische Geologe Michael Welland. Das wurde augenfällig, als der berühmte Waikiki Beach in ­Hawaii 2010 zu seiner ursprünglichen Breite aufgeschüttet wurde. Der Sand war zu feinkörnig und wurde innert ­Tagen vom Meer weggeschwemmt.

Wüstensand ist unbrauchbar

Der Hauptgrund, warum Sand ein knappes Gut wurde, ist der anhaltende Bauboom in weiten Teilen der Welt. Sand und Kies sind heute, nach Luft und Wasser, das meistgenutzte Naturgut. China allein hat in drei Jahren so viel Sand verbaut wie die USA im ganzen 20. Jahrhundert. Wüstensand gibt es zwar überreichlich, er ist beim Bau aber unbrauchbar, der Wind schleift die Körner so rund und glatt, dass sie schlecht haften.

Um Beton zu produzieren, sind pro Tonne Zement sechs bis sieben Tonnen Sand und Kies erforderlich. Der Verbrauch ist immens: In einem Jahr werden global bis zu 30 Milliarden Tonnen Sand und Kies verbaut, schätzt ein Bericht der UNO-Organisation Unep, die vor Jahresfrist eine schärfere Regulierung des Abbaus forderte.

Sand steckt auch in vielen anderen Gütern drin – in Glas, Kosmetik, Zahnpasta, Papier und Wein ebenso wie in Kunststoffen, Farben, elektronischen Bauteilen wie Mikrochips und Leiterplatten.

Die Schweiz hat als Alpenland kein Problem mit Sand und Kies. Die von Flüssen und Gletschern im Mittelland abgelagerten Reserven reichen noch für mehrere Jahrhunderte, zudem ist der Abbau stark reguliert. In aufstrebenden Regionen wie Asien, Lateinamerika und Afrika dagegen sind die Abbaukontrollen so schwach, dass die explodierende Nachfrage grosse Probleme schafft. Dort werden Flussbetten und Strände ohne Rücksicht auf Spätschäden abgetragen.

In Indien etwa sichern sich korrupte Politiker und mafiös organisierte Sanddiebe jeweils ein Gebiet und machen mit illegal abgebautem Sand ein Vermögen. In China stammt schätzungsweise die Hälfte des Sandes aus illegalen Quellen. In vielen Ländern unterhält die Sand­mafia Beziehungen zu höchsten Kreisen. Etwa in Senegal, in Sierra Leone und Marokko, wo Sandräuber ihre Lastwagen direkt an die Strände fahren und am helllichten Tag beladen. «Rund um den Sand hat sich weltweit ein ganzer Schwarzmarkt entwickelt», sagte Geologe Welland dem Sender Arte.

Ganze Inseln verschwunden

Sand ist wegen der hohen Transportkosten grundsätzlich ein lokales Geschäft. Der Landhunger reicher Stadtstaaten wie Singapur hat aber zu aberwitzigen Praktiken geführt. Vor dem nahen Indonesien sind 25 Inseln einfach verschwunden. Spezialschiffe hatten rund um die Inseln so viel Sand abgesogen, dass deren Strände immer mehr ins Rutschen gerieten, Wind und Wellen besorgten den Rest, die Inseln versanken über die Jahre im Meer. Gelandet ist ein grosser Teil des Materials in Singapur und wurde dort innert 40 Jahren zu 130 Quadratkilometern neuem Land aufgeschüttet. Bis 2030 will Singapur das Staatsgebiet mit fremdem Sand um weitere 100 Quadratkilometer vergrössern. Kein Wunder, ist der Stadtstaat der grösste Kunde von Sandbanden in Indonesien, Malaysia, Thailand und Kambodscha.

In den Golfstaaten fliesst ein namhafter Teil der Ölmilliarden in die Baubranche. Und: Während anderswo Inseln durch Sandraub mutwillig zerstört werden, entstehen am Golf im grossen Stil künstliche Inseln. Allein die Aufschüttung einer Gruppe von Inseln in Form von Palmen vor Dubai hat 385 Millionen Tonnen Sand und Kies verschlungen. Ein neueres Aufschüttungsprojekt in Dubai, «Die Welt», bestehend aus 300 künstlichen Inseln, die vom Flugzeug aus betrachtet wie eine Weltkarte aussehen, hat gar 450 Millionen Tonnen Sand verbraucht. Am Golf importieren 3500 Firmen Sand und Kies, die aus teilweise weit entfernten Ländern wie Australien herangeschafft werden.

Den Meeresboden leer fegen

Da die Nachfrage stetig steigt, saugen in Asien ganze Flotten von Spezialschiffen auf ihrer Fahrt in Küstennähe Sand aus bis zu 50 Meter Tiefe hoch. Ein solches Schiff kann bis zu 4 Hektaren Meeresboden leer fegen. Aber auch kleinere Baggerschiffe richten Schaden an. Inzwischen regt sich vereinzelt Widerstand. In Frankreich kämpft das Kollektiv Le Peuple des ­Dunes, in dem 31 Vereine und 13 Kommunen organisiert sind, gegen den Raubbau. Denn wo Dünen abgetragen werden oder Sand in Küstennähe abgesaugt wird, fegt das Meer bei Sturm ungehindert an Land, zerstört Bauten und Infrastruktur, richtet Erosionsschäden an.

Alternativen zu Sand in der Betonproduktion gibt es. Sand kann bis zu 40 Prozent durch Schlacke aus Kehrichtverbrennungsanlagen ersetzt werden, und der Zementmörtel erhält so erst noch eine höhere Festigkeit. Das FraunhoferInstitut arbeitet an einem Verfahren, Beton aus abgerissenen Bauten mit künstlichen Blitzen zu zertrümmern, ­damit er für den Bau von Häusern und Strassen wiederverwendet werden kann. Auch Sand, der sich hinter Staudämmen ablagert, könnte verwendet werden. All das macht Sinn, denn in ­einem mittelgrossen Haus stecken rund 200 Tonnen Sand, 30 000 Tonnen in ­einem Kilometer Autobahn, und der Bau eines Atomkraftwerks benötigt 12 Millionen Tonnen.

Nötig ist ein höherer Preis

In einzelnen Regionen wie dem Nord­osten des Atlantiks oder im Baltikum ­regeln regionale Abkommen die Sand­gewinnung. Aber überall dort, wo die Regulierung des Abbaus zu schwach ist oder nicht durchgesetzt wird, haben ­Alternativen keine Chance. Denn Sand ist laut dem Unep-Bericht trotz Verknappung immer noch viel zu billig: «Die ­gegenwärtige Situation wird anhalten, ausser der Sand wird korrekt besteuert und erhält einen angemessenen Preis, damit andere Optionen sich lohnen.»

In den hoch entwickelten USA bewegt sich der Preis für eine Tonne Sand, trotz ­zunehmender Knappheit, seit 1910 ­zwischen 4,50 und 6,70 Dollar, er kostet also kaum mehr als vor hundert Jahren. Mit Ausnahme der EU und stärker noch Grossbritanniens sind Abbauregeln rar. Eine Regulierung auf nationaler und ­internationaler Ebene sei dringend ­nötig, so die Unep. Es sei indes abzu­sehen, dass Regierungen erst reagieren, wenn der Sandmangel so gross wird, dass er ihre Wirtschaft bedroht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2015, 23:43 Uhr

Singapur vergrössert seine Landfläche durch Aufschüttung

Chinas Aufstieg zum grössten Zementproduzenten

TA-Grafik mrue/Quelle: Unep

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