Faktencheck: Werden Schweizer Hotels jetzt günstiger?

Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig sagt, dass viele Unterkünfte dank der Lex Booking bald tiefere Preise anböten. Wir überprüfen diese Behauptung.

Glaubt, dass die Hotelgäste von der Lex Booking profitieren werden: Andreas Züllig, Präsident Hotelleriesuisse.

Glaubt, dass die Hotelgäste von der Lex Booking profitieren werden: Andreas Züllig, Präsident Hotelleriesuisse. Bild: Dominik Baur/Keystone

Jetzt ist klar: Die Lex Booking wird kommen. Nach dem Ständerat sprach sich auch der Nationalrat für eine Motion aus, mit der Buchungsplattformen wie Booking.com oder Expedia gewisse Vertragsklauseln mit den Hotels verboten werden sollen. Derentwegen war es Hotels bisher untersagt, ihre Zimmer auf den eigenen Websites günstiger als über ein Portal anzubieten.

Andreas Züllig, der Präsident des Dachverbandes Hotelleriesuisse, ist erleichtert, dass der Bundesrat nun in den nächsten zwei Jahren ein Spezialgesetz gegen die Plattformen ausarbeiten muss. Er gehe davon aus, dass viele Schweizer Hotels tiefere Preise auf der eigenen Website anbieten werden, wenn die Motion umgesetzt sei, sagte er zu 20 Minuten. Gäste hätten sicher einen Vorteil, wenn sie direkt beim Hotel buchen würden.

Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig sagt:

«Viele Schweizer Hotels werden tiefere Preise auf der eigenen Website anbieten, wenn die Motion umgesetzt ist.»

Der Check:

In der Debatte um die Motion war für viele Parlamentarier ein Argument, dass es ähnliche gesetzliche Regelungen bereits in den Nachbarländern Österreich, Frankreich und Italien gibt. Zudem hat in Deutschland das Kartellamt den Portalen HRS und Booking untersagt, Hotelpartner dazu zu zwingen, ihre Zimmer nirgendwo anders günstiger anzubieten.

Damit steht die Frage im Raum: Was haben die entsprechenden Verbote im Ausland gebracht? Gibt es tatsächlich mehr Wettbewerb? Laut den Hotelverbänden aus Deutschland und Österreich gibt noch keine harten Daten dazu, sondern allenfalls Indikatoren, die in die Richtung weisen.

Ein positives Ergebnis der Entscheidungen des deutschen Kartellamts, Preisbindungsklauseln zu untersagen, zieht der Hotelverband Deutschland (IHA). Dabei verweist der IHA auf eine Erhebung des Konsumentenportals Mydealz vom Juni 2017. Dort wurden die Zimmerpreise zwischen den bekannten Buchungsplattformen und den Direktangeboten der Hotels verglichen. «Die besten Preise für Zimmer in 61 der 100 internationalen und 76 der 100 deutschen Hotels fanden die Tester bei der Stichprobe nicht bei einem Buchungsportal, sondern direkt auf der Seite des jeweiligen Hotels», stellte Mydealz fest. Laut IHA zeige diese Stichprobe, dass die «Hotellerie in Deutschland beginnt, mehr und mehr ihre Freiheit nach dem Verbot der Bestpreisklauseln zu nutzen».

Österreich hatte im November per Gesetz Buchungsplattformen wie Booking.com verboten, Hotels daran zu hindern, ihre Zimmer auf anderen Kanälen günstiger anzubieten. «Unsere letzte Branchenumfrage zeigte, dass der Stellenwert der Direktbuchung gestiegen ist», sagt ÖHV-Sprecher Martin Stanits. 65 Prozent der befragten Hoteliers hätten bei der jüngsten Erhebung angegeben, dass Direktbuchungen «sehr wichtig» seien. Ein Jahr zuvor waren es erst 56 Prozent. Ob diese Direktbuchungen aber günstiger sind als über ein Portal, ist unklar.

Das Gesetz allein wird die Preisgestaltung nicht revolutionieren.Roland Schegg, Schweizer Tourismusexperte

Eine Untersuchung der wichtigsten Kartellbehörden der Europäischen Union aus dem vergangenen Jahr ist in der Frage dagegen sehr vorsichtig. Dabei wurden Hoteliers in zehn EU-Staaten befragt, ob sie von den neuen Preisgestaltungsmöglichkeiten Gebrauch machen. Laut dem Bericht hätten 79 Prozent der Hotels geantwortet, keine unterschiedlichen Preise über verschiedene Buchungsplattformen anzubieten. Frankreich und Deutschland würden etwas herausstechen, dort hätten 27 Prozent angegeben, die Preise zu differenzieren. Allerdings hätte eine Preisuntersuchung «keine grossen Preisvariationen zwischen einzelnen teilnehmenden Mitgliedsstaaten ergeben», heisst es in dem Bericht.

Die Autoren verweisen zudem darauf, dass solche Preisvergleiche mit Vorsicht zu geniessen seien. Denn Meta-Suchmaschinen würden oft nicht zwischen Preis- und Produkt-Differenzierungen unterscheiden. Beispiel: Ist ein Zimmer auf einer Plattform wirklich günstiger, oder erklärt sich die Preisunterschied schlicht dadurch, dass in dem Angebot das Frühstück nicht enthalten ist? «Die Analyse erlaubt keinen robusten Vorher-Nachher-Vergleich zwischen den Mitgliedsstaaten», schliessen die Autoren.

Skeptisch ist auch Roland Schegg vom Institut für Tourismus der Walliser Fachhochschule. «Verschiedene Preise für verschiedene Kanäle anzubieten, ist für Hotels komplex zu managen», glaubt er. Längst nicht alle würden es schaffen, so eine Multikanalstrategie zu fahren. Schegg ist deshalb überzeugt: «Das Gesetz allein wird die Preisgestaltung nicht revolutionieren.»

Die grössere Preisfreiheit der Hoteliers führt auch nicht dazu, dass Booking.com & Co. an Einfluss verlieren. Ganz im Gegenteil. «Die Marktmacht der Buchungsportale wächst weiter», heisst es beim Hotelverband Deutschland. Jede vierte Hotelübernachtung in Deutschland wird mittlerweile über ein Buchungsportal gebucht; in der Schweiz sind es laut dem Institut für Tourismus der Fachhochschule Westschweiz Wallis bereits 27 Prozent. «Der Preis ist nicht alles», sagt Schegg. So biete Booking.com sehr grosszügige Stornierungsbedingungen, die ebenfalls einen Wert für den Konsumenten hätten. Hotels müssen laut dem Experten bei ihrem Angebot nicht nur an Preise denken, sondern stärker in Kategorien wie Kundenservice und Produktinnovation.

Einen klaren positiven Effekt der Regelungen gibt es aber doch: «Dank dem neuen Gesetz hat das Klagen der Hoteliers über Preisknebelei mit einem Mal aufgehört», sagt ÖHV-Sprecher Martin Stanits.

Das Fazit:

Das Gesetz führt zu mehr Freiheiten für die Hotels. Es bestehen aber Zweifel, ob diese das Preissystem umwälzen werden. Hotelangebote umfassen mehr als nur den Zimmerpreis, wie zum Beispiel die Kosten für Stornierungen. Das erschwert den Vergleich mit den Portalen. Die Erfahrung aus dem Ausland zeigen: Auch mit mehr Preisfreiheit der Hoteliers werden die Portale im Buchungsgeschäft immer mächtiger.

Alle bisherigen Faktenchecks finden Sie in unserer Collection. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.09.2017, 18:54 Uhr

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