Maduro schikaniert Nestlé

Wann reisst dem Grosskonzern in Venezuela der Geduldsfaden?

Erbsenzähler. Über 200 Produzenten und Läden werden diese Woche von Funktionären kontrolliert und bestraft.

Erbsenzähler. Über 200 Produzenten und Läden werden diese Woche von Funktionären kontrolliert und bestraft. Bild: Sundde

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Es fehlt an Äpfeln und Birnen. Deshalb hat Nestlé alle Arbeiter ihrer Fabrik in der venezolanischen Stadt Valencia nach Hause geschickt – bis auf Weiteres. Normalerweise werden dort fruchtige Desserts produziert. «Wir brauchen 100 Tonnen Fruchtfleisch, um den Betrieb wieder aufzunehmen», schreibt das Unternehmen. Der Nahrungsmittelriese kommt nicht mehr an die notwendige Menge an Früchten, weder an heimische noch importierte.

Damit teilt der Schweizer Grosskonzern, der fünf Produktionsstätten in Venezuela betreibt und rund 3200 Personen beschäftigt, das gleiche Schicksal mit den wenigen noch im Land verbliebenen ausländischen Unternehmen.

Die Wirtschaft ist nach fast 20 Jahren sozialistischer Regierung am Boden. Zwei Drittel der Kapazitäten sind gemäss aktuellen Studien ungenutzt. Ausserdem gibt es fast keine Devisen, um Produkte oder eben Früchte zu importieren. Auch beim Bezug von Fremdwährungen mischt sich der Staat ein. Nestlé nennt denn auch die staatliche Devisen-Zuteilung als einen Hauptgrund für den Produktionsstopp. Für einen multinationalen Konzern sind dies ungewohnt undiplomatische und zugleich gefährliche Worte.

Hugo Chavez enteignete über 1400 Privatunternehmen

Es sich mit der Regierung von Nicolas Maduro zu verscherzen, ist nicht empfehlenswert. Im schlimmsten Fall drohen Enteignungen wie bei General Motors. Die Behörden beschlagnahmten ein Werk des amerikanischen Autoherstellers ebenfalls in Valencia, worauf dieser das Land verliess und 2700 Arbeiter auf die Strasse stellte.

Gemäss US-Aussenministerium hat die venezolanische Regierung unter Maduro und seinem Vorgänger Hugo Chavez über 1400 Privatunternehmen enteignet, dazu gehören neben internationalen Konzernen auch lokale Bäckereien oder – wie kurz vor Weihnachten im Staatsfernsehen zelebriert – Spielwaren-Händler.

Als Nahrungsmittelhersteller steht Nestlé unter besonderer Beobachtung. Lebensmittel sind in Venezuela rar geworden. Die Bevölkerung hungert. Nicht einmal mehr die Regierung ist in der Lage, die subventionierten Essenspakete für die Ärmsten zu füllen. Mit diesen erkaufte sich Maduro Unterstützung der Chavistas. Er braucht ihre Stimmen. Der Druck wird grösser, denn noch vor Ende April stehen die Präsidentschaftswahlen an.

Militärs in den Fabriken

Vor wenigen Tagen erhielt Nestlé Besuch von Beamten der «Aufsichtsbehörde zur Verteidigung der sozioökonomischen Rechte» Sundde, die ihr Vorgehen stolz auf Twitter dokumentierte. Besonders gern liess sich die Sundde-Truppe vor den Gebäuden der US-Firma Procter & Gamble ablichten, eines Symbols für den kapitalistischen Erzfeind im Norden. Der Einsatz sei vonnöten, weil sich zahlreiche Lebensmittelfirmen, darunter auch die Schweizer, nicht an die von der Regierung angeordneten Preissenkungen halten würden. Gerade auch Nestlé habe willkürlich die Preise erhöht und wird nun aufgefordert, diese wieder auf das Niveau vom 15. Dezember zu senken.

Das soll die Inflation reduzieren. Maduro versucht damit, von den wahren Gründen der Preissteigerungen abzulenken. Gemäss dem Internationalen Währungsfonds betrug die Inflation 2017 fast 2000 Prozent. Ein Ende sei nicht in Sicht.

Die zahlreichen Erhöhungen des Mindestlohns verpuffen somit unmittelbar. Maduro ist zunehmend verärgert. Die chavistische Regierung wird nicht müde zu wiederholen, dass die USA und die Opposition einen Wirtschaftskrieg gegen das Land führen. Auch Privatunternehmen bekommen ihr Fett weg, weil sie nach Maduros Lesart Lebensmittel zurückbehalten und auf Preissteigerungen spekulieren. Der Präsident entsendet seine bewaffneten Soldaten, um die Lebensmittel und Produkte zu beschlagnahmen.

Die Militärpräsenz in und um Fabriken gehört inzwischen ohnehin zum Alltag. Nestlé sah sich bereits 2016 dazu gezwungen, über einen Besuch der Armee zu informieren. «Die Nationalgarde wird mindestens zwei Wochen in der Fabrik bleiben und unsere Aktivitäten überprüfen», schrieb das Unternehmen damals noch in unterwürfigem Ton. Nur wenige Tage später doppelte Nestlé nach und nahm sogar die Schuld auf sich, als einer ihrer Lastwagen vom Militär zurückgehalten wurde: «Wir werden korrigierende Massnahmen ergreifen, damit sich diese Art von Problemen nicht wiederholt.»

Reisst bei Nestlé bald der Geduldsfaden? Die Verluste in Venezuela dürften ansteigen. Das Unternehmen muss den Arbeitern in Valencia weiterhin die Löhne und zusätzlich eine Kompensation bezahlen. Ein lokaler Nestlé-Sprecher bestätigt der BaZ, dass intensiv nach Lösungen gesucht werde. Offiziell bestehen natürlich keine Absichten, das Land zu verlassen, in welchem Nestlé seit 74 Jahren produziert. Das Fass könnte aber überlaufen, denn kaum ist ein Brand gelöscht, entfacht sich ein neuer. Bereits im September ruhte die Produktion im gleichen Werk. Es fehlte an Glasverpackungen. In El Tocuyo, einem anderem Nestlé-Werk, streikten die Mitarbeiter vor Jahresfrist. Und der Hunger dieser Regierung wird nicht geringer werden.

Erstellt: 26.01.2018, 14:06 Uhr

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