Publicitas beantragt provisorische Nachlassstundung

Die Werbevermarkterin will einen Konkurs abwenden und eine Sanierung einleiten. Nun liegt ein neues Geschäftsmodell vor.

Das Unternehmen sucht nach einem Ausweg aus der Krise: Ein Publicitas-Logo in Lausanne. (Archiv)

Das Unternehmen sucht nach einem Ausweg aus der Krise: Ein Publicitas-Logo in Lausanne. (Archiv) Bild: Laurent Gillieron/Keystone

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Die Werbevermarkterin Publicitas befindet sich in grossen finanziellen Schwierigkeiten. Nachdem mehrere Medienhäuser ihre Zusammenarbeit aufkündigten, musste das Unternehmen eine provisorischer Nachlassstundung beantragen. Nun legt es ein neues Geschäftsmodell vor.

Der Antrag auf Nachlassstundung sei vom Bezirksgericht Bülach bestätigt worden, sagte Publicitas-Finanzchef Carsten Brinkmeier am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Bereits am Donnerstagnachmittag präsentierte das Unternehmen den Verlegern ein neues Geschäftsmodell.

Kern des neuen Konzepts ist ein Kommissionsmodell, welches die Risiken für die Medienhäuser mindern soll. Zudem sollen die Verlage künftig zu insgesamt 50 Prozent an der Publicitas beteiligt werden. Schliesslich will sich das Unternehmen in Zukunft transparenter zeigen, etwa durch die Veröffentlichung seiner Geschäftsberichte.

Das vorgeschlagene Geschäftsmodell ist Teil des Sanierungskonzepts, welches die Publicitas beim Bezirksgericht eingereicht hat. Voraussetzung für die Umsetzung des Konzepts sei die Beteiligung aller grossen Verlage, teilte die Publicitas am Donnerstagabend mit. Sie habe die Verlage gebeten, dem Antrag bis am 10. Mai zuzustimmen.

Zusammenarbeit aufgekündigt

Die Werbevermarkterin leidet wie die Medienhäuser unter dem markanten Rückgang Die Werbevermarkterin leidet wie die Medienhäuser unter dem markanten Rückgang der Printwerbung. Vergangene Woche teilten Tamedia, Ringier, Admeira, die NZZ und die AZ Medien mit, die Zusammenarbeit mit der Publicitas per sofort aufzugeben. Begründet wurde das mit ausstehenden Zahlungen.

Die «Romandie Combi» schloss sich dem Austritt wenig später mit den Titeln «Le Nouvelliste», «La Liberté», «ArcInfo», «Le Quotidien Jurassien» und «Le Journal du Jura» an. Und diese Woche folgte dann gemäss dem «Kleinreport» auch noch das Magazin «Touring» mit einer Auflage von rund 1,2 Millionen. Die Kunden wurden von den Verlagen aufgefordert, offene Rechnungen direkt bei ihnen statt bei Publicitas zu zahlen.

Eigene Firma gegründet

Nur wenige Tage nach der Einstellung der Zusammenarbeit gaben der Verband Schweizer Medien (VSM), Tamedia, NZZ, AZ Medien und der «Corriere del Ticino» zudem bekannt, selber eine Gesellschaft für die Abwicklung von Inseratekampagnen gründen zu wollen. Diese soll die Verlage und auch die Werbekunden im Handling und in der Abwicklung von Werbekampagnen unterstützen und sie entlasten.

Die neue Plattform soll eine Alternative im Markt bieten und weder die einzelnen Verlage noch Publicitas konkurrieren. Der Name soll in den nächsten Wochen bekannt gegeben werden. Projektchef Jürg Weber sagte gegenüber dem Kommunikationsportal persoenlich.com, dass in einer ersten Phase zwei bis drei Mitarbeiter aus dem Hause NZZ dafür abbestellt würden.

Antworten bis Mitte Mai

Gegenüber der SDA bezeichnete es CFO Brinkmeier als «sehr sehr unwahrscheinlich», dass das neue Unternehmen mit zwei bis drei Mitarbeitern das gleiche leisten könne wie Publicitas. Denn sein Unternehmen verfüge über Datensätze von rund 2500 Zeitungs- und 2800 Printtiteln. Das gebe es sonst nirgends.

Das Bezirksgericht erwartet bis am 18. Mai eine Rückmeldung über die Kooperationsbereitschaft der Verlage. Sollten die Antworten positiv ausfallen, gehe es für Publicitas mit dem zweiten Schritt des Sanierungskonzeptes weiter, heisst es in einem internen Schreiben, das der SDA vorliegt.

In der Zwischenzeit müssten die Mitarbeitenden damit rechnen, dass der Mai-Lohn mit einer Verspätung von zwei bis drei Wochen ausbezahlt werde. Publicitas ist nach eigenen Angaben der führende Werbevermarkter in der Schweiz und beschäftigte 2016 weltweit rund 750 Mitarbeitende. (nag/sda)

Erstellt: 03.05.2018, 17:52 Uhr

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Infos zu Publicitas

1868: Die 1855 in Hamburg-Altona gegründete «Insertionsagentur Haasenstein & Vogler» gründet Filiale in Basel und dehnt Inserategeschäft auf ganze Schweiz aus.
1890: Charles W. Georg, Sohn eines deutschen Einwanderers, übernimmt die Firma, wandelt sie in AG um und verlegt Sitz nach Genf. Er dehnt die Geschäfte nach Italien, Frankreich und Spanien aus und erwirbt das Mutterhaus in Hamburg.
1917: Das Unternehmen nimmt den Namen Publicitas an. Bis zum Ausbruch Ersten Weltkriegs zählt die Agentur 54 Filialen und 380 Vertretungen in neun europäischen Ländern.
1930: Firmen-Sitz wird nach Lausanne verlegt.
1947: Nachdem sie sich in der Zeit der beiden Weltkriege auf ihr Geschäft in der Schweiz konzentriert hat, eröffnet die Publicitas 1947 wieder eine Filiale in Paris.
1965: Publicitas beginnt erneut mit Aufbau eines int. Netzes, das unter dem Dach der Groupe Publicitas International Vertretungen in 17 Ländern Ländern umfasst.
1988: Feindliches Übernahmeangebot des Immobilienhändlers Jürg Stäubli scheitert.
1989: Annoncen-Gruppe wird unter der Publicitas Holding AG zusammengefasst. Zu diesem Zeitpunkt zählt sie 30 Gesellschaften mit 3450 Mitarbeitern und hält Minderheitsbeteiligungen an mehreren Zeitungen. Der Umsatz überschreitet erstmals die Zwei-Milliarden-Grenze.
1992: Publicitas schluckt die Nummern zwei und drei der Branche, die Orell Füssli Werbe AG und die Assa. Damit erreicht sie rund 65 Prozent des gesamten Inseratemarktes in der Schweiz.
1998: Die Publicitas Holding benennt sich in PubliGroupe um und baut ein Jahr später ihre Werbegesellschaften um.
2001: Massiv schwindende Werbevolumen bei den Printmedien und Fehlinvestitionen im Online-Bereich lassen die Publigroupe tief in die roten Zahlen rutschen. In den folgenden Jahren werden rund 1000 Stellen abgebaut. Durch Immobilienverkäufe und rentable Beteiligungen wie local.ch kann sich die Gruppe über Wasser halten.
2002: Die Wettbewerbskommission leitet eine Untersuchung wegen möglichen Missbrauchs der marktbeherrschenden Stellung durch die Publicitas ein. 2007 büsst sie die Gruppe mit 2,5 Millionen Franken.
Juli 2014: Nach dem Verlust von Pachtverträgen mit mehreren Zeitungsverlagen wird die Publicitas an die deutsche Beteiligungsfirma Aurelius verkauft. Zu diesem Zeitpunkt hat sie noch 860 Mitarbeiter.
September 2014: Nach einem Bieterkampf mit Tamedia übernimmt die Swisscom die Publigroupe.
Dezember 2016: Aurelius verkauft die Publicitas an Unternehmenschef Jörg Nürnberg, an Finanzchef Carsten Brinkmeier und eine stillen Teilhaber.
April 2018: Tamedia, Ringier und Admeira sowie die NZZ-Mediengruppe beenden ihre Zusammenarbeit mit Publicitas. Begründet wird der Schritt mit der unbefriedigenden Zahlungsmoral der Werbevermittlerin.
3. Mai 2018: Publicitas gibt bekannt, dass das Bezirksgericht Bülach eine provisorische Nachlassstundung bestätigt hat.

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