Schweizer Konzern profitierte von schwerer Kinderarbeit

Laut Hilfswerken sollen 150 Kinder und Jugendliche in Ostafrika für einen Zulieferer von LafargeHolcim gearbeitet haben.

Kinderarbeiter brechen in Uganda Gestein aus dem Boden. Foto: Glenna Gordon (Keystone)

Kinderarbeiter brechen in Uganda Gestein aus dem Boden. Foto: Glenna Gordon (Keystone)

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Im Nachhinein ist schwer nachvollziehbar, wie die Lafarge-Zentrale in Paris die gravierenden Missstände in Uganda so viele Jahre ignorieren oder hinnehmen konnte. Erst als «Le Monde» letztes Jahr aufdeckte, dass Kinderarbeit bei Lieferanten eines Lafarge-Werks im ostafrikanischen Staat weit verbreitet ist, kam Bewegung in die Sache.

Gekauft hatte Lafarge das Zementwerk beim Städtchen Hima im Südwesten von Uganda 1999. Als Zusatzstoff für die Zementproduktion benötigt das Werk riesige Mengen von Puzzolan, das 60 Kilometer weiter nördlich im Tagebau gewonnen wird. Das Werk in Hima bezog einen Teil des Rohstoffs seit 1992 von kleinen Schürferfirmen. In deren Steinbrüchen war Kinderarbeit «ab den frühen Nullerjahren» weit verbreitet. Zu diesem Schluss kommt eine von den Schweizer Hilfswerken Brot für alle und Fastenopfer getragene Untersuchung.

Lafarge hat im Sommer 2015 mit dem Schweizer Zementkonzern Holcim fusioniert. Doch unter Eric Olsen, dem ersten Konzernchef von LafargeHolcim, der von Lafarge kam, wurde die Kinderarbeit nicht beendet. Erst im September 2016, ein halbes Jahr nachdem die Missstände in Europa bekannt geworden waren, reduzierte LafargeHolcim die Lieferungen von Puzzolan aus Klein­-Steinbrüchen auf 10 Prozent der benötigten Menge. Im Januar 2017 verkündete das Werk in Hima dann, es beziehe künftig kein Puzzolan mehr von Kleinlieferanten.

Kinder mit Staub in der Lunge

Zeitgleich stellte LafargeHolcim heftig in Abrede, dass es in Uganda je Kinderarbeit in ihrer Lieferkette gegeben habe. Die Hilfswerke kommen aufgrund von Zeugenaussagen zu anderen Ergebnissen. Bis September 2016 haben «mindestens 150 Kinder in den Steinbrüchen gearbeitet, die Hima mit Puzzolan versorgten». Die Partnerorganisation TLC hat in Uganda für die Hilfswerke innert eines halben Jahres über 50 Kinderarbeiter, Chauffeure, Vorarbeiter und Landeigentümer befragt. Er habe sich zusammen mit Behördenvertretern einen Überblick verschafft und allein in einer Gemeinde des betroffenen Bezirkes mit eigenen Augen 50 Kinder gesehen, die in den Steinbrüchen arbeiteten, bestätigte einer der Landbesitzer.

Die Befragungen ergaben, dass die Kinderarbeiter 11 bis 17 Jahre alt waren. Sie mussten mit primitivem Werkzeug die 15 bis 20 Kilo schweren Gesteinsbrocken herausbrechen, aufschichten oder auf Lastwagen verladen. Die Arbeit gilt als «gefährlich», viele Kinderarbeiter hätten Verletzungen «an den Beinen, Händen und Füssen» erlitten, andere klagen über Staub in der Lunge.

Lange war es für Lafarge und später LafargeHolcim leicht, das Problem Kinderarbeit zu übergehen, da der Rohstoff über Lieferanten hereinkam, die das Mineral ihrerseits von Kleinfirmen bezogen, die auch Kinder beschäftigten. Oder die Lieferanten bezogen das Rohmaterial von Chauffeuren, die es Kinderarbeitern abgekauft hatten.

«Mehr als 10 Jahre profitiert»

LafargeHolcim betont, man mache mehr Kontrollbesuche und habe GPS-Monitoring in alle Lieferfahrzeuge installiert. Zudem nehme man mit vermehrten Aktivitäten die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft in der Region wahr, etwa mit dem Bau von Sanitäranlagen für eine Primarschule. Und es soll eine Partnerschaft mit den lokalen SOS-Kinderdörfern geben.

All dies ändere jedoch nichts daran, dass der Zementkonzern «mehr als 10 Jahre lang Profit auf Kosten von Kindern und Jugendlichen erwirtschaftet hat», sagen die Hilfswerke. Die Kinder, die in den Steinbrüchen Schwerarbeit leisteten, anstatt in die Schule zu gehen, seien arbeitslos, seit das Werk in Hima kein Rohmaterial mehr von Kleinsteinbrüchen beziehe, heisst es im Bericht. Das habe zu mehr Diebstählen in den umliegenden Gemeinden geführt. Zudem sei eine Reihe von Kindern, die zuvor in der Freizeit in den Steinbrüchen ihr Schulgeld verdient hätten, notgedrungen zu Schulabbrechern geworden, da ihren Familien jetzt die Mittel dazu fehlten.

Daher fordern die Hilfswerke von LafargeHolcim und den Lieferanten die ­Finanzierung von Bildungsprogrammen für die früheren Kinderarbeiter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2017, 22:46 Uhr

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