Studie: Mittelstand verschwindet nicht, er wächst

Führt die Digitalisierung zu einer Verdrängung qualifizierter Berufe vom Arbeitsmarkt und zu einer Erosion der Mittelklasse? Eine Untersuchung widerspricht.

Können sich eine eigene Wohnung leisten: In der Schweiz gibt es immer mehr gut bezahlte Stellen.

Können sich eine eigene Wohnung leisten: In der Schweiz gibt es immer mehr gut bezahlte Stellen. Bild: Keystone

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Von einer Erosion oder gar dem Ende der Mittelklasse ist seit Jahren die Rede. Die Digitalisierung verdränge viele qualifizierte Berufe vom Arbeitsmarkt, warnen Beobachter. Es gebe eine zunehmende Polarisierung, weil die Beschäftigung nur noch an den Rändern wachse: in den bestbezahlten akademischen Berufen auf der einen und schlecht entlohnten persönlichen Dienstleistungen auf der anderen Seite. Dadurch werde die Mittelklasse ausgehöhlt.

Diese Befürchtungen entkräftet eine Studie, die in der Zeitschrift «Social Change in Switzerland» veröffentlicht wurde. Das sozialwissenschaftliche Institut der Universität Lausanne hat dafür die Entwicklung der Berufsstruktur der Schweiz seit 1970 untersucht. Das Ergebnis: Diese wurde fortlaufend aufgewertet.

«Nicht die Mittelklasse erodiert, sondern die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfskräfte werden ausgedünnt.»Autoren der Studie

Seit 1970 hat der schweizerische Arbeitsmarkt der Untersuchung zufolge vor allem Stellen in gut bezahlten und hoch qualifizierten Berufen geschaffen. In schlecht bezahlten und wenig qualifizierten Berufen sind jedoch Stellen verloren gegangen. Bei den Jobs mit den höchsten Löhnen ist die Beschäftigung mit Ausnahme der 1980er-Jahre in jedem Jahrzehnt am stärksten gewachsen. Bei denjenigen mit den tiefsten Löhnen hat sie jeweils am deutlichsten abgenommen.

Hauptgrund für diese Aufwertung der Berufsstruktur ist das starke Wachstum der «neuen» Mittelklasse. Dazu zählen die Autoren der Studie Berufe wie Lehrerinnen und Sozialarbeiter, technische Experten wie Ingenieure und Informatikerinnen sowie Manager und Projektmitarbeitende. Ihr Anteil an der Erwerbsbevölkerung stieg zwischen 1991 und 2016 von 34 auf 48 Prozent. Gleichzeitig blieb der Anteil der «alten» Mittelklasse, bestehend aus Arbeitgebern und Selbstständigen (z.B. Anwälte oder Kleingewerbler), praktisch stabil.

Die Berufsgruppe der Produktionsarbeiter (Mechaniker, Maschinisten), die traditionell der Arbeiterklasse zugerechnet wird, hat hingegen stark an Gewicht verloren und ist von fast 23 auf 15,5 Prozent gefallen. Der Anteil der Bürohilfskräfte (Sekretärinnen und Kassierer), die zur unteren Mittelklasse gehören, ging noch deutlicher zurück von 16,5 auf nur noch gut 8 Prozent.

Nur eine Kategorie der Arbeiterklasse hat seit 1991 zugelegt: Die Angestellten in einfachen persönlichen Dienstleistungen (beispielsweise Hilfspflegerinnen oder Verkäufer) vergrösserten ihren Anteil von 13 auf 15 Prozent. Dieses Wachstum war jedoch zu schwach, um den Abbau einfacher Stellen in der Landwirtschaft, Industrie und dem Backoffice zu kompensieren – in Berufen, die traditionell der Arbeiterklasse zugerechnet werden.

Die Studie kommt zum Schluss, dass der technologische Fortschritt der letzten zwei Jahrzehnte nicht die Mittelklasse erodiert hat, sondern die Zahl der Arbeiter schrumpfen liess. Die Mittelschicht hingegen wächst weiter, mit immer mehr gut bezahlten Stellen im Management, der Projektarbeit sowie dem Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen.

Bildungssystem hält mit Wandel Schritt

Die Erwerbsquote in der Schweiz lag zwischen 1991 und 2010 konstant bei gut 80 Prozent. Und auch die Arbeitslosenquote stieg trotz des technologischen Wandels und der Aufwertung der Berufsstruktur nicht an. Wie ist das möglich? Der Grund dafür ist laut den Studienautoren die Bildungsexpansion.

Das Bildungssystem hat in den letzten Jahrzehnten eine wachsende Anzahl von Schulabgängerinnen und -abgängern mit höheren Abschlüssen hervorgebracht und dadurch die zunehmende Qualifikationsnachfrage der Unternehmen befriedigt. Hinzu kam eine zunehmend höhere Ausbildung der Einwanderer. So verringerte sich in der Schweiz schrittweise der Anteil der Personen mit niedriger Ausbildung. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.12.2017, 12:36 Uhr

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