«Vielleicht sollte Europa den Euro aufgeben, um Europa zu retten»

Joseph Stiglitz über die Eurokrise, die Gefahren des Sich-Durchwurstelns und wie er die Währung retten würde.

«Das grösste Risiko besteht in Brexit-ähnlichen Krisen», sagt Joseph Stiglitz.  Foto: Leemage, AFP

«Das grösste Risiko besteht in Brexit-ähnlichen Krisen», sagt Joseph Stiglitz. Foto: Leemage, AFP

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Als Student waren Sie 1959 erstmals in Europa. Später haben Sie als Ökonom Regierungen beraten. Auch die griechische. Wie beurteilen Sie den Zustand der Eurozone heute?
Als ich zum ersten Mal nach Europa kam, sah ich den Wiederaufbau nach dem Krieg und ein starkes Wirtschaftswachstum. Wie in den USA erlebte Europa dann auch mehrere Rezessionen, erholte sich aber immer wieder. Die Depression von 2008 änderte alles. Ich würde sagen, dass die EU seither noch nie in schlechterer Verfassung war.

Solche wirtschaftlichen Katastrophen hätten mit der Schaffung der Eurozone verhindert werden sollen. Was lief falsch?
Der Euro war ein Versuch, die wirtschaftliche Integration Europas zu beschleunigen, doch geschehen ist das Gegenteil. Die Struktur der Einheitswährung hat die wirtschaftliche Erholung verhindert und in vielen Fällen die Lage noch schlimmer gemacht. Wissen Sie, es gibt keine perfekte Volkswirtschaft, doch haben Griechenland und Spanien frühere Krisen überstanden, ohne dass dies zu massenhafter und anhaltender Arbeitslosigkeit und Depressionen geführt hätte. Verantwortlich sind nicht nur die Politiker, die eine zu harte Sparpolitik durchsetzten. Der Euro allein ist weder nötig noch genügend, um eine starke wirtschaftliche und politische Gemeinschaft zu erreichen.

Doch hinter der Schaffung der EU und des Euro steckt das politische Ideal eines stabilen und wirtschaftlich erfolgreichen Europa.
Die Absichten waren die besten, doch gute Absichten führen nicht immer zu guten Resultaten. Was in der Währungsunion fehlt, sind Instrumente, um tiefe Wirtschaftskrisen abzufedern und sich daraus zu befreien. Die beiden wichtigsten Werkzeuge sind die Zinspolitik und freie Wechselkurse. Die EU hat sie den Ländern weggenommen, ohne ihnen einen Ersatz zu geben. Das Fehlen flexibler Wechselkurse macht es unmöglich, eine Währung abzuwerten, also die Exporte zu stimulieren und neues Wachstum zu schaffen. Mit der Einführung des Euro wurde enormer Druck auf die Mitgliedsländer ausgeübt, ihre Defizite und Schulden im Vergleich zur Wirtschaftsleistung zu senken.

Viele dieser Politiker waren Sozialdemokraten. Würden Sie von ihnen nicht mehr Verständnis für die sozialen Probleme in der Währungsunion erwarten?
Der Euro entstand in einem neoliberalen Umfeld. Der Glaube, dass die Märkte perfekt funktionieren oder genügend gut, war weit verbreitet, auch bei Gerhard Schröder oder Tony Blair. Ich habe Deutschland oft besucht und bin schockiert, wie stark dort dieser Marktglaube noch vorhanden ist. In dieser Ideologie ist die Arbeitslosigkeit nur eine vorübergehende Erscheinung und die Schuld von Regierungen, die Lohnanpassungen nach unten verhindern wollen. Alles wird gut aus dieser Sicht, wenn der Staat nicht zu viel Geld ausgibt und die Löhne sinken. Die Realität ist aber, dass die Theorie versagt hat. Selbst der einmal neoliberale Internationale Währungsfonds hat sich davon distanziert.

Sie scheinen Deutschland fast alle Schuld zu geben und Griechenland als armes Opfer zu sehen. Das scheint unfair.
Es ist klar, dass Griechenland viele Fehler machte. Sie haben Probleme mit den Steuereinnahmen und der Korruption. Aber diese Probleme sind alt, und sie wurden angepackt. Griechenland hat nie zuvor einen derartigen Zusammenbruch erlebt, selbst nicht, als die Militärdiktatur gestürzt wurde. Die Depression muss somit andere Gründe haben. Die Starrheit des Eurosystems verhindert eine Lösung, und in diesem Punkt bin ich sehr kritisch gegenüber Deutschland und der Haltung, wonach es keine Alternative zur Härte gegenüber den Schuldnerländern gibt.

Wie konnte sich diese Haltung in den Köpfen der Politiker festsetzen, obwohl doch die Folgen für alle sichtbar schlimm genug sind?
Viele Politiker sind Juristen. Es fehlt ihnen der Praxisbezug. Es sind Leute, die in der Zeit des Neoliberalismus gross geworden sind und sich darin verkrallt haben. Meine jüngeren Studenten, die in der Rezession von 2008 gross geworden sind, teilen diesen Glauben an die Märkte nicht mehr. In der EU wurde der Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus so missverstanden, dass die freien Märkte immer perfekt funktionieren würden und für den Staat kein Platz sei. Ein anderer Grund ist, dass die Akteure an den Finanzmärkten zum Beispiel diese Ideologie lieben, weil sie damit viel Geld verdienen.

Sie kommen zum Schluss, dass eine Reform des Euro dringend ist, wenn die EU aus der Krise herausfinden will. Wo soll die Reform beginnen?
Reformen sind äusserst dringend. Durchwursteln macht die Lage nur schlimmer. Die menschlichen Opfer sind zu gross. Meine Vorschläge sind machbar, wenn der politische Wille besteht. Konkret geht es um eine Anpassung des Bankensystems in Richtung einer Bankenunion und um die Schaffung von Eurobonds. Alle Mitgliedsländer sollten eigene Schuldscheine ausgeben können, die aber gemeinschaftlich durch alle Staaten abgesichert werden. Weiter muss die Europäische Zentralbank ihr Mandat anpassen. Das grosse Problem ist nicht Inflation, sondern die Arbeitslosigkeit und sogar die Deflation. Dazu braucht es einen grösseren Solidaritätsfonds und das Bekenntnis, die harte Austeritätspolitik gegenüber Griechenland und Spanien aufzugeben.

Das EU-Budget beläuft sich nur auf 1 Prozent der Wirtschaftsleistung der Mitgliedsländer. Das reicht doch nirgends hin. In den USA liegt das Budget dagegen bei 20 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Die EU sollte über ein Drittel bis zu einer Hälfte so viel verfügen wie die US-Regierung. 7 bis 10 Prozent also. Aber ich muss gestehen: Diese Reformen scheinen ausserhalb der politischen Realität zu liegen, da Deutschland keine Transferunion zulassen dürfte.

Was ist die Alternative?
Ich schlage vor, dass Deutschland zusammen mit einigen nördlichen Staaten aus dem Euro aussteigt und ein flexibles Eurosystem zulässt. Es scheint mir wichtig, dass der Übergang behutsam erfolgt, wie bei einer einvernehmlichen Scheidung. Da sich die südlichen, schwächeren Länder ähnlicher sind als die nördlichen, sollten sie zusammen einen Süd-Euro bilden. Dies liesse eine Abwertung gegenüber dem Nord-Euro zu, würde die Exporte der südlichen Länder stärken und ihnen erlauben, ihre Schulden rascher zurückzuzahlen. Doch auch Deutschland könnte die Schulden schneller begleichen. Das Risiko einer erneuten Schuldenkrise würde sinken. Natürlich wird dies nicht einfach sein. Deutschland wird einen Teil seiner Handelsüberschüsse verlieren und müsste einen neuen Wachstumsmotor finden.

Was passiert, wenn sowohl eine Reform des Euro als auch die Alternative der zwei Euros scheitern?
Das grösste Risiko besteht in einer Reihe von Brexit-ähnlichen Krisen und weiteren Wahlsiegen extremistischer Parteien. Das Sich-Durchwursteln ist ein Fehler, es vergrössert alle anderen Probleme. Die Probleme des Euro haben die Regierungen auch daran gehindert, sich genügend mit anderen brennenden Fragen wie der Einwanderung auseinanderzusetzen. Die Mitteparteien in Europa werden dafür verantwortlich gemacht. Das erhöht die Frustration der Leute über das Establishment. Vielleicht sollte Europa den Euro aufgeben, um Europa zu retten. Ein Ende der Einheitswährung wäre nicht das Ende des europäischen Projekts.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2016, 22:30 Uhr

Ökonom und Nobelpreisträger

Joseph Stiglitz (73) ist ein preisgekrönter Ökonom und lehrt an der Columbia University in New York. Von 1997 bis 2000 war er Chefökonom der Weltbank, 2001 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Bekannt wurde er durch sein Werk «Die Schatten der Globalisierung», einer harten Kritik am «Washington-Konsens» – der Politik der Weltbank, des Währungsfonds und des US-Finanzministeriums. In seinem neuesten Buch «The Euro – How a Common Currency Threatens the Future of Europa» (New York 2016) fordert Stiglitz eine dringende Reform des Euro, der in seiner aktuellen Form das Projekt des vereinten Europa mehr bedrohe als fördere. Ohne Wille zur Reform aber wäre es besser, den Euro ganz aufzugeben, statt die EU scheitern zu lassen. (wn)

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