Zwischennutzungen boomen

Immer mehr Hausbesitzer sind vom Vorteil der Übergangsvermietung überzeugt.

Angeboten wird alles, von der Mietwohnung bis zur Fabrikhalle.

Angeboten wird alles, von der Mietwohnung bis zur Fabrikhalle. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Mutter aller Zwischennutzungen entstand in der alten Stadtgärtnerei in Basel. Als sie 1986 von Autonomen besetzt und zwei Jahre später von der Polizei geräumt wurde, war nicht abzusehen, dass dieses Ereignis ein Meilenstein bei der Etablierung des Konzepts der Temporärnutzungen sein sollte. Weil ein grosser Teil der Basler mit dem alternativen Kulturzentrum sympathisierte, wurde eine Zwischennutzung erstmals in der Schweiz mit einem befristeten Mietvertrag legalisiert. Trotzdem haftete Zwischennutzungen noch über Jahrzehnte das Image von Hausbesetzungen an.

Das hat sich geändert. Hans Egloff, Präsident des Hauseigentümerverbands Schweiz und Zürcher SVP-Nationalrat, sagt: «Wir stehen den Zwischennutzungen positiv gegenüber und empfehlen sie unseren Mitgliedern.» Er begründet dies nicht nur mit steigenden Leerständen in den Städten, sondern auch mit dem Aufkommen professioneller Vermittler. Temporäre Nutzungen würden sich heute in der Regel finanziell wie imagemässig für den Eigentümer auszahlen.

Auch die UBS macht mit

So gehört es zum guten Ton von Banken, ihre Immobilien für alternative Nutzungen zur Verfügung zu stellen. Im Zürcher Quartier Albisrieden wird für ein halbes Jahr ein leerstehendes, achtstöckiges ­Bürogebäude der UBS temporär genutzt. Mieter sind Startups, die Migros mit einem Spezialprojekt, eine Bierbrauerei und Musikbands. Im obersten Stock ­befindet sich ein Co-Working-Space, in dem Freelancer einen Arbeitsplatz für 199 Franken pro Monat mieten können.

Organisiert wird die Temporärnutzung von der Novac-Solutions GmbH, die kürzlich von zwei ehemaligen Studenten gegründet wurde. Zu den Dienstleistungen gehören die Ausarbeitung des Zwischennutzungskonzepts, die Möblierung, Vermarktung und Auflösung. Hans Egloff empfiehlt den Eigentümern, die Nutzungsbedingungen klar zu definieren, damit es nicht zu bösen Überraschungen kommt. «Erlaubt sind in der UBS-Liegenschaft nur Apéros», sagt Alexandros Tyropolis, Mitbegründer von Novac-Solutions.

«Zwischennutzungen sind im Begriff, sich beim Leerstandsmanagement der Immobilieneigentümer zu etablieren», heisst es in einer neuen ­Studie von Wüest Partner. Schweizweit würden mehr und mehr Immobilien­eigentümer ihre Objekte für einen zeitlich begrenzten Gebrauch anbieten. So ergab eine Auswertung der Zürcher Immobilienberatungsfirma, dass in den vergangenen zwei Jahren mehr als 1000 Objekte zur temporären Nutzung auf Inserateplattformen und bei professionellen Vermittlern ausgeschrieben waren.

Diese entsprachen einer Fläche von 371 000 Quadratmetern. «Dabei bestätigt sich die These, dass es sich bei Temporärnutzungen vornehmlich um ein urbanes Phänomen handelt», sagen die Studienautoren Gabriela Bruno und Patrik Schmid. Die Hälfte ­aller inserierten Flächen befinden sich in einer Gross- oder Mittelstadt. Zählt man Agglomerationsräume hinzu, so sind dort über 90 Prozent der Zwischennutzungen auszumachen.

Wenn Basel Ursprung aller Zwischennutzungen ist, dann ist Zürich deren Hauptstadt: 417 Zwischennutzungen wurden in der Limmatstadt angeboten. In Genf, der zweitgrössten Stadt der Schweiz, waren es bloss sechs. Nach ­Zürich gab es in Basel mit 61 und im vergleichsweise kleinen Luzern mit 40 am meisten Angebote. «In den Städten werden derzeit viele Gebäude mit Geschäftsflächen «neu positioniert», das heisst sie werden bezüglich Zustand und Ausbaustandard angepasst», stellen Gabriela Bruno und Patrik Schmid fest. Aber auch neue Objekte, die noch leer stehen, würden temporär vermietet. Darüber hinaus sei man in städtischen Gebieten wohl eher mit dem Konzept vertraut, kenne erfolgreiche Beispiele und sei dementsprechend offener dafür. Und: «Schliesslich ist die Nachfrage durch die Kreativwirtschaft in den Städten am Grössten.»

Ein neuer Trend

Angeboten wird alles, von der Villa bis zur Fabrikhalle. Bei der Zürcher Projekt Interim GmbH, einem Pionier bei der Vermittlung zeitlich befristeter Nutzungen, können altehrwürdige Wohnhäuser im Zürcher Seefeldquartier, drei denkmalgeschützte Villen in Thalwil oder Ladenflächen im Berner Kaiserhaus in unmittelbarer Nähe des Bundesplatzes zwischengenutzt werden.

Eigentümer sind grosse Immobilien-­Dienstleister, Versicherer und Private. Laut Wüest Partner befinden sich fast die Hälfte aller inserierten Flächen in Bürogebäuden, 31 Prozent in Gewerbeimmobilien und fünf Prozent in Verkauftsliegenschaften. Wobei auch bei den Angeboten ein neuer Trend feststellbar ist: Prägten noch vor ein paar Jahren unattraktive Wohngebäude, leer stehende Fabrikhallen an Stadträndern, brachliegende Parkplätze oder stillgelegte Güterbahnhöfe das Angebot, so sind heute Zwischennutzungen laut der Studie generell in gut erreichbaren Orts­teilen zu finden, die sich durch eine hohe Dichte an Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie und Kultureinrichtungen auszeichnen.

Die Vorteile liegen laut Wüest Partner auf der Hand: zusätzliche Einnahmen, Imagebildung, Belebung. Temporärnutzungen bieten Entwicklern die Möglichkeit, neuen Quartieren Leben einzuhauchen. «Ausserdem lässt sich damit das Risiko einer illegalen Besetzung ­minimieren», sagt Egloff. Vielleicht spielt dies bei der UBS eine Rolle. Das besetzte Koch-Areal in Albisrieden liegt einen Steinwurf vom zwischen­genutzten Gebäude der Bank entfernt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.05.2017, 07:29 Uhr

Artikel zum Thema

Traurige Weihnachtszeit für betagte Mieter

Pensionskasse will Kündigungen an Mülhauserstrasse nicht zurücknehmen. Nun formiert sich breiter Widerstand. Mehr...

Mieter bei Wohnungsbrand schwer verletzt

Grellingen Bei einem Wohnungsbrand in Grellingen ist am Freitagabend der Mieter schwer verletzt worden. Offenbar griffen die Flammen bei der Inbetriebnahme eines Ethanol-Ofens um sich. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...