Unerwartetes Aufatmen beim Frankenkurs

Überwiegt die Farbe Rot an den Weltbörsen, setzt jeweils die Flucht in den Franken ein. Diesmal ist es anders. Der Franken schwächt sich ab. Die Gründe.

In den letzten Tagen gings stetig aufwärts: Der Euro legt zum Franken zu.

In den letzten Tagen gings stetig aufwärts: Der Euro legt zum Franken zu. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Die Achterbahnfahrt an den chinesischen Börsen hält an. Die Unsicherheit wirft Wellen bis in die Schweiz. Am Montag schloss der SMI 1,4 Prozent im Minus, am Dienstag erholte sich der Schweizer Leitindex jedoch wieder. Entsteht eine Sogwirkung auf andere Schwellenländer? Wie weit schlägt das Börsengeschehen auf den Importhunger des Reichs der Mitte durch? «Nach den Verlusten an den Börsen in China wäre eher zu erwarten, dass der Franken stärker gesucht wäre», sagt Ursina Kubli, Devisenspezialistin bei der Bank J. Safra.

Doch die Flucht in den sicheren Hafen des Schweizer Frankens bleibt aus. Im Gegenteil: Der Franken schwächt sich sogar ab. Der Dollar legt gegenüber dem Franken zu, der Euro ebenfalls. Nachdem der Euro zum Franken lange in einem Band zwischen 1.033 und 1.055 pendelte, ist er am Montag daraus ausgebrochen und auf bis zu 1.069 gestiegen. Derzeit hält er sich über 1.06.

Europa ist wichtiger als Shanghai

Was sind die Hintergründe? Berauschend ist der Anstieg um 2 bis 3 Rappen zwar nicht. «Mit Blick auf die letzten Monate ist es aber doch ein schöner Move», hält David Marmet fest, Leiter Volkswirtschaft bei der Zürcher Kantonalbank. Er geht davon aus, dass die Aufwärtsbewegung des Euros durchaus noch Richtung 1.08 anhalten kann, «doch dann ist wohl vorerst das höchste der Gefühle erreicht». Immerhin setzte sich im Markt langsam die Erkenntnis durch, dass der faire Wert höher als bei 1.05 liege. Die fallenden Börsenkurse in Shanghai sieht Marmet als «eher innerchinesisches Problem». Ausschlaggebend sei das Geschehen in Europa.

Vorläufige Einigung mit Griechenland beflügelt

«Die Diskussionen um Griechenland sind etwas in den Hintergrund getreten, das stärkt den Euro», hält UBS-Devisenexperte Thomas Flury fest. Das spiegelt sich zum Beispiel in Deutschland am Geschäftsklimaindex des IFO-Instituts für den Juli, der am Montag veröffentlicht worden ist. Die Zahlen fielen besser aus als erwartet, nach drei Monaten mit gedämpfter Stimmung sind die deutschen Unternehmen wieder deutlich zuversichtlicher geworden.

Dass die vorläufige Einigung mit Griechenland beflügelnd wirkt, lässt sich auch am Grexit-Index von Sentix ablesen. Diese Umfrage zeigt, wie gross Investoren die Gefahr eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone einschätzen. Im Juli ist der Wert massiv von 48,4 auf 26,5 Prozent gefallen, den niedrigsten Stand seit Januar. Nun richtet sich also der Blick wieder eher auf die Konjunktur in der Eurozone – und da sind die Vorzeichen positiv.

Schielen auf die Zinserhöhung in den USA

Hinzu kommt, dass die Attraktivität des Frankens auch durch die Entwicklungen in den USA geschwächt wird. «Die Finanzmärkte beginnen sich darauf zu konzentrieren, wann in den USA die Zinserhöhung des Fed kommt», sagt Flury. Ein Blick auf die Futures zeigt, dass die Märkte einen Anstieg um 25 Basispunkte bis Ende Dezember erwarten. Die Erhöhung könnte aber schon im September kommen, so Flury. Gewisse Signale würden wohl nach dem Fed-Meeting vom Mittwoch in der wie üblich verklausulierten Sprache gesetzt.

Mit der Zinserhöhung wird der Dollar für Anleger attraktiver, damit schwächt sich die Flucht in den sicheren Hafen des Schweizer Frankens weiter ab. Er prognostiziert, dass der Dollar von derzeit 96 Rappen bis in drei Monaten auf 98 Rappen ansteigt.

Kein Grund für Euphorie

Unklar ist, ob die Abschwächung des Frankens auch Interventionen der Schweizerischen Nationalbank zu verdanken ist. «Wir sehen zwar an den monatlichen Berichten, dass die SNB immer noch da und dort interveniert, wenn auch in homöopathischen Dosen», so Flury. Doch auf diesem Niveau, vermute er, sei sie nicht aktiv gewesen. Ursina Kubli hingegen kann sich vorstellen, dass es der SNB gelang, Bewegungen weg vom Franken mit geschickten Interventionen zu verstärken. Viele Devisenhändler orientierten sich an gewissen Schwellen. Würden gewisse Werte überschritten, entwickle sich eine gewisse Eigendynamik.

Zu viele Hoffnungen sollte die Schweizer Wirtschaft aber nicht darauf setzen. «Viel weiter als auf 1.06 oder 1.07 wird der Euro derzeit wohl nicht steigen», sagt Thomas Flury, «wir erwarten Ende Jahr 1.05.» Zuversichtlicher ist J. Safra Sarasin. Kubli rechnet mit 1.08 bis Ende Jahr. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.07.2015, 13:46 Uhr

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