«Aber zuerst kommt Basel!»

Markus Somm und Rolf Bollmann sind neu Aktionäre der BaZ. Ihr Ziel: eine Zeitung mit nationaler Ausstrahlung.

Zwei Männer im Bunde. Die neuen Grossaktionäre der Basler Zeitung, Markus Somm (49, links) und Rolf Bollmann (66, rechts) auf der Redaktion.

Zwei Männer im Bunde. Die neuen Grossaktionäre der Basler Zeitung, Markus Somm (49, links) und Rolf Bollmann (66, rechts) auf der Redaktion. Bild: Nicole Pont

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Herr Bollmann, Herr Somm, per sofort sind Sie beide und Christoph Blocher zu je 33 Prozent an der Basler Zeitung beteiligt. Zu dritt bilden Sie den Verwaltungsrat, dem Rolf Bollmann als Präsident vorsitzt. Die MedienVielfaltHolding unter Tito Tettamanti steigt aus dem Aktionariat aus. Warum kam es zu diesem Wechsel, wer hat ihn initiiert?
Rolf Bollmann: Ich kenne Tettamantis Gründe nicht genau. Die MedienVielfalt Holding bleibt aber Gläubigerin mit einem Darlehen, das die Basler Zeitung zurückzahlt, sobald die Konsolidierung geschafft ist.

War von Anfang an klar, dass Sie beide als Grossaktionäre neben Blocher einsteigen würden oder standen auch andere Modelle zur Diskussion?
Markus Somm: Das wissen wir beide gar nicht. Ich nehme an, dass Tito Tettamanti und Christoph Blocher mich und Rolf Bollmann langfristig an diese Zeitung binden wollen. Sie wissen, dass wir zusammen perfekt funktionieren. Es ist klar, dass die MedienVielfalt Holding mehr verdient hätte, wenn sie die BaZ an einen der grossen Verlage verkauft hätte. Aber Tettamanti ging es bei der BaZ nie nur ums Geld. Die BaZ verbleibt mit diesem Schritt eine der letzten grösseren Regionalzeitungen in der Schweiz, die noch unabhängig ist.

Herr Somm, man rechnete damit, dass Ihr Engagement als Chefredaktor in Basel ein kürzeres Intermezzo sein würde. Ist daraus mit dem Eintritt ins Aktionariat nun ein Engagement fürs Leben geworden?
Somm: Ich bin bald 50 Jahre alt, mit dem Schritt ins Aktionariat bin ich eine längere Verpflichtung eingegangen. Es ist ein grosser Schritt vom angestellten Journalisten zum Unternehmer, und ich bin sehr dankbar, dass ich diesen machen konnte. Er macht auch aus wirtschaftlicher Perspektive Sinn. Das Problem vieler Verlage ist, dass sie zu gross und zu anonym geworden sind. Es ist gut, wenn man einen Verlag wieder so klein macht wie den unseren; wo die Wege kurz sind und man schnell reagieren kann. Christoph Blocher steht im Hintergrund, operativ führen nun zwei Männer diese Zeitung. Und wir geniessen dabei die grössten Freiheiten.

Herr Bollmann, vor Kurzem noch gaben Sie einen Wechsel zur deutschen Funke- Madiengruppe als Verlagsmanager bekannt. Sie haben die Stelle aber vor Antritt im August bereits wieder gekündigt. Wären Sie auch ohne die Kündigung als Aktionär bei der Basler Zeitung eingestiegen?
Bollmann: Ich glaube kaum, dass ich unter diesen Umständen ein Angebot bekommen hätte. Herr Blocher kam erst auf mich zu, als ich den Vertrag mit der Funke-Mediengruppe vorzeitig aufgelöst hatte.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb, die Funke-Mediengruppe hätte den Vertrag mit Ihnen aufgelöst, weil das Aktionariat auf die Barrikaden ging, als es erfahren hatte, dass Sie aus dem Dunstkreis von Christoph Blocher kämen.
Bollmann: Das stimmt nicht. Es gab aufgrund der Artikel, die in Deutschland erschienen sind, Widerstand gegen mich vonseiten der Journalisten. Diese waren aber nicht der Grund, dass ich das Angebot ausgeschlagen habe. Es waren gesundheitliche Gründe im Umfeld meiner Familie.

Warum wollten Sie denn anfänglich überhaupt nach Deutschland wechseln?
Bollmann: Ich habe mich bei der Basler Zeitung sozusagen selber wegrationalisiert. Eine Zeitung dieser Grösse braucht keinen CEO mehr. Da braucht es nicht einen, der mit den Händen im Hosensack einen dicken Lohn kassiert und die Leute verärgert. Überraschend kam das Angebot von Martin Kall von der Funke-Mediengruppe, dann hat sich die familiäre Situation aber eben verändert. Ich bin nun glücklich, bei der BaZ zu bleiben. In meiner Funktion als Delegierter und VR-Präsident werde ich weiterhin die operative Leitung übernehmen.

Wie hoch sind die Darlehen von der MedienVielfalt Holding und bis wann müssen Sie diese zurückzahlen?
Somm: Darüber haben wir Stillschweigen vereinbart.

Wie viel haben Ihre Beteiligungen an der Basler Zeitung gekostet?
Somm: Zu allen finanziellen Einzelheiten haben wir Stillschweigen vereinbart.

Herr Bollmann, Sie steigen mit 66 Jahren als Grossaktionär bei der BaZ ein. Wieso dieser Schritt, wo Sie sich nun in aller Ruhe in Ihre Pensionierung hätten schaukeln können?
Bollmann: Es gab in meiner Karriere immer wieder Zeitpunkte, wo ich mich gern selbstständig gemacht hätte. Aber ich hatte Bedenken, dass es schiefgehen und letztlich die Familie unter einem Misserfolg leiden könnte. Nun habe ich diese grosse Möglichkeit bekommen, mich an einem Unternehmen zu beteiligen, das ich in- und auswendig kenne. Deshalb glaube ich auch fest an unseren Erfolg.

Wie entscheidend war für Ihren Einstieg, dass mit Christoph Blocher ein sehr potenter Partner zur Seite steht?
Bollmann: Dass er als erfolgreicher Unternehmer zu einem Drittel beteiligt ist, gibt uns sehr viel Sicherheit. Was er in die Hand nimmt, kommt nie schief heraus.

Herr Somm, Medienleute haben vermutet, dass es bei der BaZ zu einem ähnlichen Modell wie bei der Weltwoche kommen könnte, sprich: Aus dem Chefredaktor wird der Verleger und am Schluss auch der Besitzer. Praktiziert die BaZ nun das Modell Weltwoche?
Somm: Christoph Blocher und Tito Tettamanti haben immer betont, dass sie an das Modell der Weltwoche glauben. Ich finde, das macht auch Sinn. Journalismus ist ein People-Business. Um zu reüssieren, müssen sie auf gute Leute setzen. Die Basler Zeitung war aber ein härterer Brocken als die Weltwoche. Das Unternehmen ist grösser und die wirtschaftliche Sanierung war viel aufwendiger. Deshalb kommt bei uns auch eine personell breiter abgestützte Lösung zum Tragen: Wir verantworten die Zeitung zu dritt.

Ist diese Personalunion von Eigentümer und Chefredaktor für die Arbeitnehmer nicht zum Nachteil?
Somm: Warum? Als Eigentümer muss ich mich für das Überleben des Unternehmens doch viel mehr engagieren – was letztlich auch im Interesse des Arbeitnehmers ist. Was nützt ihm ein Chefredaktor, der Arbeitsplätze gefährdet, indem er nicht wirtschaftlich denkt? Ihre Frage zielt auf ein Modell, das Vergangenheit ist. Die berühmte Firewall zwischen Verlag und Redaktion kann man sich heute gar nicht mehr leisten. Die Unabhängigkeit der Redaktion kann nur noch gesichert werden, wenn auch die Redaktion wirtschaftlich denkt. Vor 20 Jahren ist das Geld noch einfach in die Verlage hereingesprudelt, da konnte es sich die Redaktion auch einmal leisten, den Inserenten eine lange Nase zu machen. Das soll nicht heissen, dass wir keinen kritischen Journalismus gegenüber unseren Inserenten betreiben, aber wir bemühen uns um Fairness.

Die Sanierung der BaZ hat auch zu Kündigungen geführt. Wo steht die BaZ heute betriebswirtschaftlich?
Bollmann: Der Kostendruck wird bleiben. Es wird in den nächsten Jahren schwierig sein, den Umsatz zu steigern, aufgrund der strukturellen Veränderungen in der Medienbranche. Damit müssen wir uns abfinden.

Welche Auswirkungen hat das auf die Redaktion?
Somm: Das Ziel ist es, alles effizienter zu machen, ohne die Redaktion anzufassen. Es sei denn, wir merken, dass wir die gleiche Qualität mit weniger Leuten leisten können. Alles andere wäre ein Verbrechen. Momentan haben wir eine der besten Redaktionen der Schweiz, vielleicht gerade weil wir unsere Mitarbeiter sorgfältiger auslesen. Publizistisch erfolgreich sind wir nur, wenn wir rentabel sind, dafür brauchen wir die besten und frischesten Leute. Es ist zudem unser Anspruch, auch künftig alle Ressort-­Inhalte selber zu gestalten.

Der Anspruch der BaZ ist gross, das Ziel eine nationale Ausstrahlung.
Somm: Ja, aber zuerst kommt Basel! Das ist unsere Heimat, hier bleiben wir die Nummer eins. Was unsere nationalen Ambitionen betrifft: Qualität setzt sich durch. Erstens gehört dazu: unglaublich gut geschriebene Texte – da denke ich, sind wir jetzt schon sehr gut unterwegs. Zweitens: zuverlässige und originelle Recherchen, die andere Zeitungen nicht haben. Wir bieten all das, weil wir viel pluralistischer eingestellt sind als die meisten anderen Redaktionen in der Schweiz. Es gilt der härteste Wettbewerb um das beste Argument. Worunter viele unserer Konkurrenten leiden: Gruppendruck in der Redaktion, Einheitsbrei – das gibt es bei der BaZ nicht. Wir sind eine meinungsfreudige Zeitung, die alle Meinungen zulässt, im Zweifelsfall aber bürgerlich argumentiert.
Bollmann: Wir haben auch einen Standortvorteil. Man darf nicht vergessen, dass wir die führende Zeitung im zweitstärksten Wirtschaftsraum der Schweiz sind. Die Wahrnehmung von Basel allein muss eine nationale Ausstrahlung haben.

Sie stehen in der Nordwestschweiz im Konkurrenzkampf mit den AZ Medien von Peter Wanner. Können beide Konkurrenten auf die Dauer koexistieren?
Bollmann: Wanner hat seine Ambitionen auf dem Platz Basel, er wird den Kampf aber nicht gewinnen. Vielleicht wird ihn auch seine finanzielle Lage einmal zu dieser Einsicht zwingen.

Herr Somm, Sie betonen heute die pluralistische Ausrichtung der BaZ. Hat sich Ihre Haltung geändert?
Somm: Nein, ich glaube nicht. Die Redaktion hat sich verändert. Am Anfang, als ich nach Basel kam, habe ich mit vielen Journalisten gearbeitet, die sich nicht abfinden mochten, dass ich einen anderen Kurs einschlug – auch wenn ich ihnen die Freiheit liess. Oft hatte ich den Eindruck, dass es ihnen schwerfiel, zur neuen BaZ zu stehen. Heute arbeite ich mit hervorragenden Leuten zusammen, die sehr loyal sind, aber ab und zu völlig andere Meinungen haben als ich. Der Pluralismus ist deshalb viel leichter zu leben. Niemand hat die BaZ verlassen müssen, weil er nicht schreiben durfte, was er wollte. Aber es gab Angestellte, die nicht ausgehalten haben, dass in diesem Haus Journalisten Dinge schreiben, die ihnen nicht passen. Ich will kompromisslos gute Texte, egal ob sie meine Meinung vertreten oder nicht. Ich will Leute, die es ertragen, anzuecken. Wir müssen uns innerhalb der Zeitung gar nicht einigen und Kompromisse finden, wir müssen die Spannung aushalten.

Schaffen Sie es zu wenig, diesen Pluralismus auch zu verkaufen?
Somm: Ich glaube nicht. Das Publikum und die Journalisten merken sehr wohl, wie pluralistisch wir sind. Aber unsere Konkurrenten wollen uns das natürlich nicht attestieren. Das müssen sie auch nicht. Zu sagen, wir seien politisch befangen, ist doch das letzte, wenn auch unaufrichtige Argument, das man gegen uns vorbringt. Wir haben in den vergangenen vier Jahren bewiesen, dass wir keiner Partei verpflichtet, sondern für fast alle Positionen offen sind.

Letztlich muss sich die BaZ als Produkt im Lesermarkt und im Werbemarkt durchsetzen. Die Märkte interessieren die interne Wahrnehmung ja nicht.
Bollmann: Wir müssen einfach die klare Nummer eins in Basel sein und bleiben, dann mache ich mir keine Sorgen.
Somm: Man ging ja davon aus, dass wir in Basel untergehen werden. Deshalb wurde es nun sehr wohl wahrgenommen, dass wir den wirtschaftlichen Turnaround geschafft haben. Dass wir dieses Jahr schon schwarze Zahlen schreiben, hätte uns wohl niemand zugetraut.

Kann eine Regionalzeitung wie die BaZ alleine mittelfristig überhaupt gewinnbringend sein?
Bollmann: Alleine schon, wir müssen aber Synergien mit anderen Häusern nutzen. Vor allem im technischen Bereich gibt es noch viele Optimierungsmöglichkeiten.

Sie, Herr Bollmann, kamen von Tamedia zur BaZ. Da haben Sie die Gewinnvorstellung von 15 Prozent fast zur betriebswirtschaftlichen Maxime erklärt.
Bollmann: Ob diese 15 Prozent immer noch Maxime sind, entzieht sich meinen Kenntnissen. Eine zweistellige Rendite auf Stufe Betriebsgewinn sollte aber auch für uns möglich sein. Mein Ziel ist, dass auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten die Marge nicht unter zehn Prozent fällt.

Was ist es für ein Gefühl, nach vielen Jahren als Angestellter nun Unternehmer zu werden?
Somm: Es ist ein gute Aussicht. Es bedeutet eine grosse Freiheit, aber auch eine neue Art von Zwang und Druck, den man als Angestellter so nicht kennt. Das Denken verändert sich.
Bollmann: Es verändert sich das Verantwortungsgefühl. Ich bin sicher, dass es gut herauskommt, für die Mitarbeiter und für mich.

Eine gewisse patronale Verantwortung.
Bollmann: Ja, das trifft es gut. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.07.2014, 09:25 Uhr

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