Analyse

Am Ende des verdammten Tages

Ist die UBS ein krimineller Konzern? Und welche Rolle spielte Marcel Ospel?

Gezeichnet vom Milliardenverlust: Marcel Ospel an der ausserordentlichen Generalversammlung der UBS im Februar 2008.

Gezeichnet vom Milliardenverlust: Marcel Ospel an der ausserordentlichen Generalversammlung der UBS im Februar 2008. Bild: Reuters

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Die letzten Worte über Marcel Ospel? Seine Biografie «Herr der UBS» beendete «Bilanz»-Chefredaktor Dirk Schütz mit den Sätzen: «Investmentbanker benutzen gern eine Redewendung, die ihre Denkhaltung symbolisieren soll: am Ende des Tages. Sie bedeutet: Ergebnisse zählen, nicht schöne Worte.» Und er kommt zum Fazit: «Am Ende des Tages steht die Erkenntnis über Marcel Ospel: Viele Banker haben Pläne gewälzt, Studien erstellt, Konzepte erarbeitet, wie sie ihre Bank an die Weltspitze führen können. Er hat’s getan.»

Die Biografie erschien im Frühling 2007. Damals hatte sich der Aktienkurs der Bank in drei Jahren verdoppelt. Und die härteste Kritik in der Wirtschaftspresse lautete: Die UBS sei im Erfolg vielleicht «zu satt», «zu risikoscheu» geworden.

Ein Jahr später, am Ende des nächsten Tages, war Marcel Ospel ein bleicher, verbrauchter Mann. Die UBS hatte 50 Milliarden Verlust in den USA gemacht. Mehr als jede andere Bank.

Der amerikanische Traum

Heute, am Ende des übernächsten Tages, sieht die Bilanz noch finsterer aus: Liest man die Schlagzeilen, gleicht die UBS einer kriminellen Organisation. Sie ist die erste Bank, die sich in den USA in Sachen Betrug schuldig bekennen musste. Über zehn Jahre lang hatten UBS-Händler den Libor manipuliert, den wichtigsten Referenzzinssatz der Welt. Sie war auch die erste Bank, bei der die Schweiz das für Kriegsfälle entworfene Notrecht einsetzen musste. Der Bund lieferte Daten, nachdem UBS-Angestellte mit Geheimdienstmethoden systematisch Schwarzgelder aus den USA geschmuggelt hatten.

Und im Sommer 2012 brachte ein kleiner Händler die UBS fast um. Zeitweise hatte der Ex-Lehrling Kweku Adoboli fast 12 Milliarden Dollar ungedeckte Wetten; am Ende verlor er nur 2,3 Milliarden.

Was also passierte? Liest man Ospels Biografie nach, ist das Charmante, dass sich die Ursachen des Erfolgs mit den Ursachen des Scheiterns decken. Ospel wird als extrem vorsichtiger Mann beschrieben, aber als Mann mit einer Idee: dem Import von amerikanischem Banking. Er machte seine Karriere durch Fusionen mit US-Banken. Und an der Spitze baute er so ein Imperium auf.

Echte Leistungsorientierung

Das wichtigste Ziel, betonte Ospel, sei die Änderung der Kultur gewesen: von der Beamtenhierarchie der Schweizer Grossbanken zu einem meritokratischen System. Zu echter Leistungsorientierung. Ospels wichtigster Hebel waren die Löhne: Wer erfolgreich war, verdiente enorm. Die Boni waren auch das wichtigste Machtinstrument: Wer ihm gegenüber loyal war, wurde reich.

Die Folgen waren zunächst andere: Die UBS hatte Glück im Pech. Nach der Fusion 1998 und einem Milliardenverlust in den USA war die Bank gelähmt; sie verpasste den Einstieg in die New Economy. Als in New York die Blase platzte, war die Konkurrenz fast pleite. Die UBS aber galt als topseriös und hatte eine volle Kasse. Für den Einkauf. Die Expansion war derart eindrucksvoll, das Bild als seriöse Bank so solid, dass Ospel noch im Sommer 2007, als die Finanzkrise ausbrach, sagte: «Jetzt wollen wir in Amerika richtig Gas geben.»

Monströser Bastard

Das Desaster hatte also folgende Ursachen: 1. In der Zeit der Hypothekenblase war die UBS an der Spitze. 2. Der Konzern war so schnell gewachsen, dass er seine Aussenbereiche nicht mehr unter Kontrolle hatte. 3. Der Kulturwandel war erfolgreich. Die dortigen Händler handelten nach dem Leistungsprinzip: so viel Geld wie möglich zu machen. 4. Die UBS-Spitze glaubte an das eigene Image: Man hielt sich für erfolgreich amerikanisiert. Und für schweizerisch risikoscheu.

In Wahrheit war die UBS ein monströser Bastard geworden. Im Hauptsitz herrscht bis heute die ererbte Bürokratie. An den Aussenstellen sitzen Hunderte kaum kontrollierbare junge Männer, von denen potenziell jeder die Bank in die Luft jagen kann. Und in der Schweiz verfolgte man bis zum Crash das Schwarzgeldgeschäft, das für eine isolierte Insel entworfen wurde.

Kurz: Es war nicht kriminelle Energie, sondern Ospels amerikanischer Traum, der die UBS zur skandalösesten Bank der Welt machte. Ein Traum, der, von seinen Nachfolgern geteilt, der UBS schon bis 2011 in den USA 50 Milliarden Franken Verlust brachte. Und die Bank bis auf weiteres zu einem riesigen Pulverfass macht.

Am Ende des Tages war es also das Beste, was Ospel zu geben hatte, was das Schlimmste hervorbrachte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2013, 07:19 Uhr

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