Interlaken

Amerikanische Gelassenheit bei Wikipedia

Jimmy Wales, Mitbegründer von Wikipedia, spricht über den Blackout seiner Plattform, mit dem er gegen zwei US-Gesetzesvorlagen protestiert.

Siegerlächeln: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia war gestern nicht zu erreichen – Mitbegründer Jimmy Wales ist zufrieden über das Signal an die Politik.

Siegerlächeln: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia war gestern nicht zu erreichen – Mitbegründer Jimmy Wales ist zufrieden über das Signal an die Politik. Bild: Paul Schenk

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Die englische Wikipedia hat einen Blackout. Der Bildschirm bleibt schwarz. Und Jimmy Wales, Mitbegründer der weltumspannenden Online-Enzyklopädie, sitzt einfach nur da und lächelt – ein Siegerlächeln. Wales zeigt es nicht etwa in amerikanischen Fernsehstudios oder bei einer Video-Konferenz, sondern im Grand Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken, wo Entspannung und Gelassenheit gerne als Marke in Vollendung zelebriert werden.

Jimmy Wales ist einer der Stars des zehnten Alpensymposiums, wo er nach einem Vortrag von Hunderten Unternehmern frenetisch beklatscht wird. Schliesslich ist Wales ein Netz-Revolutionär. Der Hemdkragen steht offen, das Jackett sitzt locker, seine graue Jeans ist wohl die einzige im ganzen Luxushotel. Und wieder lächelt Wales gelassen.

In Amerika kämpfen derweil seine Truppen – rekrutiert aus der riesigen Wikipedia-Community – gegen zwei US-Gesetzesvorhaben, durch die Netzsperren im ansonsten unbegrenzten Internet drohen. «Wir setzen die Angelegenheit auf die Tagesordnung», sagt Wales mit ruhiger Stimme in dem kleinen Konferenzraum Ruchti. Er scheint sich seiner Sache sicher: Die englische Wikipedia.org ging gestern aus Protest für 24 Stunden vom Netz. Statt der üblichen Startseite prangte dort die Mahnung, dass der US-Kongress mit seinem Vorstoss das freie und offene Internet auf fatale Weise beschädigen könnte. Täglich nutzen 2,5 Millionen Menschen die englischsprachige Seite der Enzyklopädie, die in fast 270 weiteren Sprachen existiert.

Die Wirkung einer Lawine

Politiker sind sich stets bewusst, dass das Timing über die Wirkung öffentlicher Auftritte entscheidet – und die Präsenz. Wales beherrscht diese Kunst. In Interlaken schaut er gleich dreifach freundlich in den Raum mit dem überdimensionierten Konferenztisch. Zweimal lächelt er das halbe Dutzend Journalisten von einem grossformatigen Banner eines Luxusuhrenherstellers an, dessen Markenbotschafter er ist. Gleichzeitig ist er Botschafter für die Freiheit im Netz, in diesem Moment weltweit in allen Zeitungen präsent, wie er den Journalisten erklärt. Sein Lächeln wirkt jetzt fast selbstzufrieden. Es widerspiegelt Gewissheit: Der Wikipedia-Blackout entfaltet die Wirkung einer Lawine, die von einem Alpenhang ins Tal stürzt.

Der Protest der Wikipedia-Gemeinschaft gegen die Gesetzesvorhaben Sopa (Stop Online Piracy Act) im US-Repräsentantenhaus und Pipa (Protect IP Act) im Senat wird nämlich nicht nur von den Wissensmachern im Internet getragen, sondern auch von der englischsprachigen Seite des Branchenprimus Google sowie zahlreichen weiteren Internetseiten. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter hat der Widerstand eine Kaskade ausgelöst, die sich zu verstärken scheint. Aus Interlaken twitterte Wales gestern Mittwoch deshalb um acht Uhr morgens: «Ein sehr interessanter Tag.»

Keine weiteren Aktionen

Ein Tag, an dem der seit Monaten schwelende Konflikt um die geplanten US-Gesetze einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nach Überzeugung vieler Experten steht hinter Sopa und Pipa ein Vorstoss der Musik- und Filmindustrie, die ihre Rechte besser im Netz geschützt wissen will. Illegale Raubkopien kosten die Branche jährlich Milliarden.

Jimmy Wales will die grossen Konzerne nicht direkt attackieren. Er suche die Verantwortung bei den amerikanischen Abgeordneten, sagt er. Und: «Nein, es sind vorerst keine weiteren Aktionen geplant.» Der Protest soll sich entfalten dürfen. Da ist sie wieder spürbar, die amerikanische Gelassenheit in Interlaken.

Der Musik- und Filmindustrie reicht Wales allerdings die Hand: «Ich will mit ihnen gemeinsam an Lösungen arbeiten», sagt er. Ob das zusammenpasst, dürfte ein Experiment werden, bei dem auch die Wikipedia-Gemeinschaft ein Wörtchen mitreden wird. Anders als in manchen Unternehmen ist bei der Online-Enzyklopädie die Diskussion zum Prinzip erhoben worden. Nur so kommen gute, objektive Beiträge zustande, glaubt Wales, und er wird deshalb auch genau hinhören, wie die Gemeinschaft den aktuellen Protest bewertet. «Die überwältigende Mehrheit hat sich den Blackout gewünscht», sagt er.

Vorerst wird sich Wales darauf beschränken, die Einträge zu Sopa und Pipa bei Wikipedia im Auge zu behalten: «Dort habe ich selbst schon mitgeschrieben», erzählt er. Womöglich editiert er die Einträge irgendwann erneut. Sollten die geplanten Gesetze scheitern, lächelt er erneut sein Siegerlächeln. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.01.2012, 13:25 Uhr

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