Boykott kostet Youtube Hunderte Millionen

Die Video-Plattform spielt Werbung auch im Umfeld von extremistischen Videos aus. Darum boykottieren nun mehr als 250 Unternehmen Youtube.

Bunte Welt der Nettigkeiten: So präsentiert sich Youtube gern. Doch auch weniger liebe Menschen tummeln sich auf der Videoplattform.

Bunte Welt der Nettigkeiten: So präsentiert sich Youtube gern. Doch auch weniger liebe Menschen tummeln sich auf der Videoplattform. Bild: Lucy Nicholson/Reuters

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Der Familienwagen rollt leise über die Strasse, die sich sanft durch bunte Frühlingswiesen windet. Kinder schauen verträumt aus dem Fenster auf blühende Bäume und sanfte Hügel, die Eltern sitzen lächelnd vorne und geniessen den Ausflug ins Grüne. Ein perfekter Sonntag – das die Botschaft des Autobauers. Dumm nur, dass die Werbung auch auf dem Youtube-Kanal des ägyptischen Hasspredigers Wagdi Ghoneim läuft, der Bin Laden als Märtyrer bezeichnet und die Amputation als Strafe bei Diebstahl befürwortet.

Seit Wochen steht Youtube deswegen in der Dauerkritik. Der Videodienst von Google finanziere indirekt Extremisten mit, so der Vorwurf. Denn jeder Betreiber eines Kanals bekommt pro Spot, der vor seinen Videos ausgestrahlt wird, Geld. Gemäss Schätzungen verdiente etwa Hassprediger Ghoneim mit seinen 207'000 Abonnenten und mehr als 30 Millionen von Videoaufrufen schon mehr als 70'000 Franken. Zugleich würden bekannte Marken durch die Ausstrahlung ihrer Werbung im Umfeld extremistischer Inhalte in den Schmutz gezogen. Das passiert nicht nur ausländischen Marken, sondern auch schweizerischen, wie Post, Micasa, Ricola oder Swisscom.

250 Firmen haben genug

Das wollen immer weniger Unternehmen tolerieren. Mehr als 250 von ihnen haben sich zu einem Boykott entschieden. Sie wollen nicht mehr bei Youtube werben, solange nicht sichergestellt ist, dass sie nur bei sauberen Inhalten erscheinen. Zu den Aussteigern gehören globale Konzerne wie General Motors, Walmart, Toyota oder Johnson & Johnson. «Wir sind extrem besorgt, dass unsere Spots neben Youtube-Inhalten erschienen sein könnten, die Terrorismus und Hass fördern», begründete etwa der Telekommunikationskonzern AT&T.

In der Schweiz haben sich gemäss SRF der Käsehersteller Baer und der Versicherer Swiss Life dem Boykott angeschlossen. Andere prüfen einen Ausstieg, so etwa Sunrise. Für Youtube geht das ins Geld. Bis zu 750 Millionen Dollar an Werbeeinnahmen könnten dem Videodienst verloren gehen, schätzen die Analysten des Börsenmaklers Nomura Instinet. Unter den Boykotteuren befinden sich einige der grössten Kunden. Insgesamt rechnet Youtube für 2017 mit Einnahmen von 10 Milliarden Dollar.

Youtube-Mutter Google reagiert

Youtube-Mutter Google reagierte bereits. Vergangene Woche kündigte der Internetriese in seinem Blog an, es Werbetreibenden einfacher zu machen, gewisse Umfelder zu sperren. Zudem beschränke man neu die automatisch zugelassenen Umfelder. Nicht zuletzt werde man in Sachen Inhalte strenger. «Wir werden Werbungen gezielter von Videos entfernen, die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Geschlechts oder ähnlicher Kategorien angreifen oder belästigen», so Google-Manager Philipp Schindler.

Noch wirken die Massnahmen unzureichend. Denn es ist eine Herkulesaufgabe. Jede Minute werden 400 Stunden neues Videomaterial auf Youtube hochgeladen. Hier die schwarzen Schafe herauszufiltern, ist aufwendig und technisch anspruchsvoll. Zudem lebt Youtube genau davon, dass die Angebotspalette riesig ist. Das Unternehmen selbst spricht von einer «kreativen und lebendigen Gemeinschaft».

Selbst schuld

Unschuldig an der Sache sind die Unternehmen indes nicht. «Immer öfter verlangen die Werbetreibenden möglichst tiefe Inseratepreise. Dadurch werden die Inserate dann möglicherweise auch auf weniger hochwertigen Seiten und Platzierungen ausgespielt», sagte Beat Muttenzer, Chef der Zürcher Digitalagentur Yourposition, kürzlich dem TA. Vielen war es also zumindest ein Stück weit egal, wo sie werben, solange sie billig ihre Kunden erreichen. Genau dafür ist das Werbenetzwerk von Google auch bekannt – es ist sehr breit ausgerichtet, einfach und günstig. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2017, 12:30 Uhr

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