Hintergrund

Coop entfernt Lasagne aus Regalen

Das Produkt, eine Eigenmarke, stammt vom französischen Hersteller Comigel. In Bern, Aarau und in der Westschweiz werden derweil Dutzende von Fleischsaucen und auch Hamburger überprüft.

Aus dem Verkauf gezogen: Die Fertiglasagne der Coop-Eigenmarke.

Aus dem Verkauf gezogen: Die Fertiglasagne der Coop-Eigenmarke. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch ist nicht klar, ob auch Schweizer Konsumenten Produkte mit Pferde- statt Rindfleisch gegessen haben. Vorsorglich hat Coop allerdings eine Lasagne seiner Eigenmarke aus den Tiefkühlregalen entfernt: Sie stammt von Comigel – dem französischen Hersteller der Fertiggerichte, die in Grossbritannien für einen Aufschrei sorgten. «Die Abklärungen laufen, ob und inwieweit die Ware falsch deklarierte Fleischsorten enthielt», sagt Coop-Sprecher Urs Meier. Der Grossverteiler führt zudem Stichproben bei weiteren Produkten durch – nur um auf Nummer sicher zu gehen, so Meier.

Parallel dazu sind die Kantonschemiker aktiv geworden: Das Kantonale Labor Bern überprüft 30 verschiedene Proben von Fertiglasagne aus sämtlichen Grossverteilern. Im Aargau werden ebenfalls 30 Proben von Fleischsaucen und Hamburgern überprüft. Der Kanton Waadt kümmert sich um die Produkte aus der Westschweiz. Ergebnisse sollen bis Ende Woche vorliegen, sagt Otmar Deflorin, oberster Kantonschemiker.

«Aussergewöhnliche» Aktion

Der Vertreter des Kantonalen Labors Bern bezeichnet die Aktion als «aussergewöhnlich». «Allerdings handelt es sich auch um ein aussergewöhnliches Ereignis», so Deflorin. Weil in Grossbritannien bis zu 100 Prozent Pferdefleisch in den Proben gefunden wurden, geht er von einem «gezielten Betrugsversuch» aus. «Ich bin etwas erstaunt, dass es innerhalb der EU zu einem solchen Fall gekommen ist», sagt der Experte. Schliesslich würden dort die gleichen Regeln gelten wie in der Schweiz. «Bei entsprechender krimineller Energie kann man so etwas aber nie ganz ausschliessen.»

Es wäre nicht das erste Mal, dass Fleischerzeugnisse in der Schweiz mit günstigem Pferdefleisch gestreckt wurden. 2005 fand das Amt für Verbraucherschutz Aargau in einem Drittel der getesteten Würste Pferdefleisch. Der Anteil betrug zwischen 10 und 40 Prozent. Allerdings glaubte man, das Problem im Griff zu haben: 2011 zeigte eine Analyse von Ravioli keine Spuren von Pferdefleisch. Zürich testete Würste, ebenfalls ohne auf Pferd zu stossen.

«Nicht-konformes» Rohmaterial

Comigel hatte seine Abnehmer am 2. Februar gewarnt, das seit dem 1. August 2012 angelieferte Rohmaterial sei «nicht-konform». Seither haben Supermärkte in Schweden, Grossbritannien und Frankreich Millionen von Fertiggerichten entsorgt. Die französischen Behörden haben mittlerweile die Lieferkette zurückverfolgt: via Frankreich, Luxemburg, Frankreich, Zypern, Holland nach Rumänien.

Produziert wurde die Ware aber nicht von Comigel sondern von Tavola im luxemburgischen Capellen. Sie hat damit insgesamt 16 Länder beliefert. Der Leiter der luxemburgischen Veterinärinspektion, Felix Wildschütz, geht von 20 Tonnen Pferdefleisch aus, das fälschlicherweise verarbeitet worden ist. Und: Tavola sei Opfer eines Betrugs. Auch der Lieferant, die französische Spanghero, reichte die Verantwortung weiter.

Untersuchungen in Frankreich

Frankreich will dem nun auf den Grund gehen: Agenten der Generaldirektion für Wettbewerb, Konsum und Betrugsbekämpfung haben die Hauptsitze der beiden verdächtigten Firmen durchsucht: Comigel im nordfranzösischen Metz und Spanghero im südfranzösischen Castelnaudary. Die Behörden wollen herausfinden, ob die beiden Firmen wussten, woher ihre Ware kam und was darin tatsächlich enthalten war.

Sogar der Staatspräsident hat sich in die Diskussion eingeschaltet: «Es wird Sanktionen geben», sagte François Hollande, «der Staat hat hier die Pflicht, für Transparenz zu sorgen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.» Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll prangerte die «Multiplikation der Zwischenhändler» an. Er räumte ein, dass ihm erst jetzt bewusst werde, wie komplex und undurchschaubar das europaweite Handelsnetzwerk sei. Das Schlagwort sei «Rückverfolgbarkeit».

Dezidierte Voten gab es auch aus der Industrie, die das Geschäft von innen kennt. Dominique Langlois, der Präsident des französischen Berufsverbandes der Fleischproduzenten, versuchte, den Skandal als Einzelfall darzustellen: «Es reicht! Es ist an der Zeit, dass der Staat die Schuldigen bestraft. Wir fordern absolute Unnachgiebigkeit.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2013, 06:20 Uhr

Die Lieferkette für das Pferdefleisch. Für Detailansicht auf Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

Fleischmarkt Schweiz: Wenig Nachfrage für Pferd und Fohlen

Fohlensteaks und andere Pferdefleischprodukte sind bei hiesigen Konsumenten verglichen mit Ländern Südeuropas oder auch Belgien und Frankreich nicht sehr gefragt. Nicht einmal 700 Gramm verzehren Schweizerinnen und Schweizer pro Kopf und Jahr. Dabei sind die Romands und Tessiner klar fleissigere Pferdefleischesser als die Deutschschweizer: Sie verzehren über drei Viertel der Fohlenfilets und Pferdesteaks.

Trotz bescheidener einheimischer Nachfrage werden rund 92 Prozent des in der Schweiz konsumierten Pferdefleisches importiert. Laut Statistik der Fleischbranche (Proviande) stammen nur gerade 7,6 Prozent des Angebots aus der Schweiz. Im letzten Jahrzehnt hat der Pferdefleischimport zugenommen: Von jährlich knapp 4000 Tonnen im Jahr 2000 auf etwas über 5000 Tonnen 2011.

Der Grossteil des Pferdefleisches stammt aus Kanada (2728 Tonnen) und Mexiko (1038 Tonnen), gefolgt von Argentinien (532 Tonnen), Frankreich und Australien ( je 230 Tonnen). Grösster Importeur ist die in Basel domizilierte Firma GVFI International, die im Jahr 2011 2500 Tonnen Pferdefleisch einführte. Sie beliefert Detailhändler, Grossisten, Fleischverarbeitungsbetriebe und Metzgereien. Zweitwichtigster Importeur ist der Fleisch- und Wurstwaren-Grosshändler Skin Packing, der auch die Migros mit kanadischem Pferdefleisch beliefert, das unter dem Markennamen Horse Line in die Läden kommt.

Pferdefleisch führen praktisch alle Schweizer Detailhandelsfirmen. Neben der Migros gibt es auch bei Coop, Aldi, Lidl, Denner, Volg und Spar Pferdesteaks und Fohlenfilets. Das meiste Fleisch kommt aus zwei Schlachthöfen in Kanada, welche die Firmen Bouvry Export und Richelieu führen. Coop bietet auch Pferdefleisch aus Argentinien und Polen an. Dabei gelangt das Fleisch immer über mehrere Stationen zu den Schweizer Detailhändlern. So wird etwa auch das in Polen geschlachtete Fleisch von Coop zollrechtlich als Pferdefleisch aus Italien in die Schweiz eingeführt. Die Verfolgung der Handelsketten ist dabei alles andere als einfach. (mai.)

Artikel zum Thema

«Die Schockwelle könnte fürchterlich sein»

Im Pferdefleisch-Skandal ist das Schwarzpeterspiel in vollem Gang. Hersteller und Händler haben eine Kaskade von Betrugsklagen angekündigt. Am Ende steht Rumänien – das wehrt sich vehement. Mehr...

Mafia soll am Pferdefleischskandal beteiligt sein

Der Skandal um als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch nimmt europaweite Dimensionen an. Britische Medien vermuten, dass Mafiagruppen darin verwickelt sein könnten. Mehr...

Pferdefleischskandal weitet sich aus

In Grossbritannien ekelt ein Ernährungsskandal die Konsumenten: Lasagne-Packungen enthielten Pferdefleisch statt Rind. Auch andere Länder nehmen Fertiggerichte aus dem Handel, die Schweiz scheint jedoch nicht betroffen. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...