Das System AWD

Tausende Geschädigte und eine Flut an Klagen: In Wien beginnt nächste Woche ein Gerichtsverfahren gegen AWD. Ein Opfer und ein Berater der Swiss-Life-Tochter erzählen, wie der Finanzdienstleister operierte.

AWD-Gründer und grösster Swiss-Life-Einzelaktionär: Carsten Maschmeyer.

AWD-Gründer und grösster Swiss-Life-Einzelaktionär: Carsten Maschmeyer. Bild: Keystone

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Angelika Z. wollte keine Aktien kaufen. Die Frau aus einer österreichischen Kleinstadt wollte ihr Geld nur sicher anlegen. Doch der Finanzberater aus der Nachbarschaft war hartnäckig. Ein halbes Jahr lang, schildert Z., habe sie der Nachbar verfolgt, sie vor der Haustür oder auf dem Parkplatz aufgehalten und ihr die Vorteile eines Aktienpakets beschrieben. Sie wolle eine eigene Wohnung kaufen? Da wäre es dumm, das Geld nicht gewinnbringend anzulegen.

Z. holte Erkundigungen über die Firma ein, für die ihr Nachbar arbeitete. Kein Problem, versicherte die Bank, der Finanzdienstleister AWD sei seriös. Also kaufte sie im Sommer 2006 auf Anraten des AWD-Beraters Aktien der österreichischen Immobiliengesellschaft Immofinanz. Ihr gesamtes Vermögen, rund 40 000 Euro, investierte sie in das Immobilienunternehmen. Sie könne mit 8 Prozent Gewinn pro Jahr rechnen, erinnert sich Z. an die Worte des Beraters: Die Aktie sei mündelsicher, und falls sie doch zweifle, könne sie jederzeit aussteigen. Gleichzeitig nahm Z. einen Kredit in Schweizer Franken im Wert von 60'000 Euro auf, weil die Zinsen günstig waren.

«Fast jeden Tag eine Klage»

Was Z. damals nicht wusste: AWD soll Berater speziell darauf geschult haben, Immofinanz-Aktien zu verkaufen, und sie sollen dafür eine höhere Provision als für den Verkauf anderer Produkte bekommen haben, sagt Rechtsberater Peter Kolba vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). Kolba nennt die Methoden von AWD «systematische Fehlberatung». Der VKI hat beim Handelsgericht Wien fünf Sammelklagen im Namen von 2500 Geschädigten eingereicht. Über die grösste dieser Sammelklagen wird ab kommender Woche verhandelt; gleichzeitig behandelt das Gericht auch private Klagen, sodass «ab jetzt fast jeden Tag eine Klage gegen AWD vor Gericht behandelt wird», sagt Kolba. Diese Woche gab das Handelsgericht einem Einzelkläger teilweise recht und verurteilte AWD wegen falscher Anlageberatung zu einer Schadenersatzzahlung von 50'000 Euro.

AWD weist die Anschuldigungen zurück und spricht von weniger als 2000 Fällen: Zu keiner Zeit habe es zentrale Empfehlungen oder Anweisungen gegeben, bestimmte Produkte bevorzugt zu verkaufen, erklärt Hansjörg Nagelschmidt, der Sprecher von AWD Österreich. Jeder Berater entscheide selbst, welche Produkte er empfehle. Innerhalb einer Produktart sei die Vergütung für jedes Produkt identisch. Gegen die Verurteilung in der Einzelklage will AWD Berufung einlegen. Diesem Gerichtsentscheid stünden viele Urteile gegenüber, «in denen Klagen von Anlegern abgewiesen wurden», heisst es in einer Pressemeldung von AWD.

Rücklagen bei Swiss Life

Die Verfahren werden in Zürich aufmerksam verfolgt, denn seit 2007 gehört der in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätige Finanzdienstleister zu Swiss Life. Der deutsche Gründer von AWD, Carsten Maschmeyer, ist heute grösster Einzelaktionär von Swiss Life und seit 2009 Mitglied des Verwaltungsrats. Der Streitwert aller Klagen beträgt 60 Millionen Franken. Konzernchef Bruno Pfister versicherte an einer Pressekonferenz, Swiss Life habe Rücklagen gebildet.

Für Angelika Z. und viele Kunden hingegen führte die Beratung von AWD geradewegs in eine Existenzkrise, wie sie ihre Lage heute beschreibt. Bald nach dem Aktienkauf und noch vor der Finanzkrise bekam Immofinanz grosse Probleme, die Aktie verlor stark an Wert. Im Sommer 2007 wollte Z. verkaufen, doch sowohl ihr AWD-Berater als auch ihre Bank erklärten, sie müsse noch mindestens ein Jahr warten. Z. beschreibt die folgenden Monate als «Spiessrutenlauf». Die Aktie fiel weiter, doch ihr Berater habe sie nicht verkaufen lassen. Das Motiv erklärt Konsumentenschützer Kolba: AWD verdiente nicht nur am Verkauf von Aktien, sondern auch, wenn diese von den Kunden gehalten wurden.

«Ich glaubte, damit etwas Gutes zu tun»

Für den Verkauf von Immofinanz-Aktien wurden die Berater extra geschult, erzählt Andreas F., der selbst rund zwei Jahre für AWD Finanzprodukte verkaufte. Dafür habe es einen eigenen Schulungskurs und ein Video gegeben, auf dem ein bekannter TV-Moderator die Vorzüge der Aktie pries. F. verkaufte Immofinanz-Aktien an seine Freunde und Familie – und kaufte sie auch selbst. «Ich glaubte, damit etwas Gutes zu tun», sagt er heute. Er erzählt aber auch vom extremen Konkurrenzdruck: Im AWD-Büro wurden auf Listen die Abschlüsse der Berater veröffentlicht; wer besonders gut war, wurde vor allen anderen gelobt, wer das Soll nicht erfüllte, flog raus. Manchmal sei ihm die Firma wie eine Sekte vorgekommen, sagt F.: Die Auftritte von AWD-Chef Maschmeyer wurden wie Messen zelebriert.

Heute plagt F. das schlechte Gewissen. Nicht nur er selbst, auch Freunde und Verwandte haben durch den Einbruch der Immofinanz-Aktien viel Geld verloren. Sicher, sagt F., er habe niemanden belogen und selbst an das Produkt geglaubt, «aber was ich getan habe, war nicht richtig». AWD-Sprecher Nagelschmidt sagt dazu, dass alle Produktpartner von AWD regelmässig Vorträge veranstalteten, in denen sie ihre Produkte vorstellten.

Angelika Z. konnte später doch noch ihre Aktien verkaufen, wenn auch mit Verlust. Den Kredit wird sie noch jahrelang zurückzahlen müssen. Ihr Glück im Unglück: Vergangenes Jahr konnte sie den Kredit von Franken in Euro umwandeln. Jetzt hofft sie, dass sie durch die Sammelklage einen Teil des verlorenen Geldes wieder bekommen wird. Vielleicht sogar die gesamten 40'000 Euro, damit könnte sie den Kredit tilgen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2010, 13:45 Uhr

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