Interview

«Der Fall Griechenland ist hoffnungslos»

Zusammen mit Starökonom Nouriel Roubini nahm Otmar Issing heute an einer Tagung im Dolder Grand teil. baz.ch/Newsnet sprach mit dem Ex-EZB-Direktor über den taumelnden Euro und die Schweiz.

«Auch die Schweiz hat festgestellt, dass sie keine Insel ist»: Das ehemalige EZB-Direktoriumsmitglied Otmar Issing im Dolder in Zürich.

«Auch die Schweiz hat festgestellt, dass sie keine Insel ist»: Das ehemalige EZB-Direktoriumsmitglied Otmar Issing im Dolder in Zürich.

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Herr Issing, wird der Euro die aktuelle Mitgliederstruktur überleben?
Wenn Sie mich vor zwei Jahren gefragt hätten, unweigerlich ja. Und zwar mit allen 17 Eurostaaten. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Der Fall Griechenland ist hoffnungslos. Aber ein Land kann nicht aus der Eurozone ausgeschlossen werden, das ist rechtlich nicht möglich. Was man aber tun kann, ist dem Land zu sagen, dass es die notwendigen Massnahmen umzusetzen hat. Das ist bis heute aber ohne zufriedenstellendes Ergebnis geblieben. Wenn die Basis für finanzielle Hilfe über so einen langen Zeitraum fehlt, dann muss man das beenden. Und es ist an den Griechen, zu überlegen, was sie jetzt tun wollen.

War der Euro ein Fehler?
Ich war damals gegen die zu frühe Einführung des Euro. Erst gestern sprach ich mit dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder darüber, dass der Euro zwar eine Frühgeburt ist. Aber wenn das Baby nun einmal schon da ist, kann man es nicht einfach weglegen. Ich habe immer gesagt, der Euro ist ein Experiment. Der damalige französische Staatspräsident Jacques Chirac sagte einmal, der Euro ist das grösste Abenteuer der Menschheitsgeschichte. Als Zentralbanker muss ich aber sagen, dass ich kein Freund von Abenteuern bin. Das heisst nicht, dass ich ein Gegner des Euro bin, aber ich habe immer, auch während meiner Amtszeit, auf die Schwachstellen hingewiesen.

Was ist seither schiefgelaufen?
Deutschland war vor zehn Jahren das einzige Land, das wirklich seine Hausaufgaben gemacht hat. Bevor das Land den Euro einführte, waren die D-Mark überbewertet und die Realzinsen und die Arbeitslosigkeit hoch. In anderen Ländern gab es insofern einen gegenteiligen Effekt, als zum Beispiel Portugal plötzlich hohe Lohnstückkosten hatte, die im Vergleich zu Deutschland um 30 Prozent gestiegen waren. Dieser Effekt hat die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern wie Portugal oder Italien in Mitleidenschaft gezogen.

Wenn man sich die Anleihenspreads ansieht, strafen die Märkte die Länder jetzt im Nachhinein ab?
Was wir brauchen, ist eine Kontrolle der Märkte. In den Jahren vor der Währungsunion waren Spreads von Staatsanleihen nicht einmal präsent. Wir haben in der EZB damals eine Studie in Auftrag gegeben, um die Reaktion von Märkten auf negative Neuigkeiten zu untersuchen. Die Studien ergaben damals, dass die Märkte um nicht mehr als zwei Basispunkte reagierten.

Die Märkte reagierten nicht immer so abstrafend?
Die damalige griechische Regierung hatte ein Budgetdefizit von 3,7 Prozent angegeben. Als es zu einem Regierungswechsel kam, waren es plötzlich 14 Prozent. Seitdem schauen die Märkte sehr genau auf die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern.

Sie als ehemaliges EZB-Direktoriumsmitglied: Ist das derzeit günstige Geld der EZB an die Banken die Bazooka durch die Hintertür?
Vor allem die angloamerikanischen Medien haben davon gesprochen, dass jetzt mit der Big Bazooka zu rechnen sei. Daran waren grosse Erwartungen geknüpft. Nach dem letzten EU-Gipfel waren dann alle enttäuscht. Dabei war klar, dass ein Gipfel dazu nicht ausreichen wird. Es werden noch viele weitere folgen müssen.

Wie geht es weiter?
Europa befindet sich am Schweideweg. Viele halten eine Währungsunion ohne eine politische Union für absurd. Das Schlüsselwort dafür lautet heute Fiskalunion. Ich bin allerdings der Meinung, dass eine Fiskalunion nicht ohne eine politische Union funktionieren kann. Die Entscheidungen, die dahin führen, müssen aber demokratisch legitimiert sein. Dazu braucht es eine echte europäische Regierung, ein echtes europäisches Parlament und europäische Parlamentswahlen. Ich sehe aber nicht, dass das bald passieren wird. Diejenigen, die für eine Fiskalunion eintreten, wissen das.

Braucht die Schweiz den Euro?
Der Fortbestand des Euro ist für die Weltwirtschaft von essenzieller Bedeutung. Um den Fortbestand des Euro sollte aber insbesondere die Schweiz beten. Die Kollegen der SNB wussten und wissen das. Das hat man an den jüngsten Spekulationen gegen den Franken gesehen.

Ist die ewige Sonderlösung für die Schweiz ein Affront für EU und Währungsunion?
Nein, dafür sind wir schon zu lange freundschaftlich verbundene Nachbarn. Die Schweiz hat sich für diesen Weg entschieden, das hat Vor- und Nachteile. Man hat ja gesehen, wie stark der Franken aufgewertet hat und wie die Schweiz damit zurechtkommt. Aber auch die Schweiz hat festgestellt, dass sie keine Insel ist.

Sollte der Euro überleben, wird die Schweiz ihn langfristig einführen?
Das weiss niemand. Man wird erst einmal sehen, wie sich die Quasi-Anbindung an den Euro auswirken wird. Aber eines steht fest: Kein Land kann eine Insellösung in Europa sein. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.01.2012, 14:11 Uhr

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Zur Person

Otmar Issing (75) ist ein deutscher Ökonom. Als früherer Chefvolkswirt und ehemaliges Direktoriumsmitglied der EZB war er 1998 massgeblich am Entwurf der geldpolitischen Strategie der EZB beteiligt.

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