Portrait

Der Ikarus der Schweizer Luftfahrt

Moritz Suter, der Crossair- und Hello-Gründer, träumte immer davon, Chef einer grossen Airline zu werden. Mit seinen Plänen stürzte Suter jedoch immer wieder ab.

Moritz Suter hat seine Träume vom Chefposten bei einer globalen Airline begraben und die Chartergesellschaft Hello gegroundet.

Moritz Suter hat seine Träume vom Chefposten bei einer globalen Airline begraben und die Chartergesellschaft Hello gegroundet.

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Vordergründig war es der Höhepunkt seines unternehmerischen Lebens: Es ist der 14. März 1991 und Moritz Suter darf für dreissig Minuten neben dem grossen Swissair-Präsidenten Armin Baltensweiler Platz nehmen. Auf dem Kopf trägt er ein etwas verbeultes Swiss­air-Pilotenkäppi, auf den Lippen ein Lächeln. Während die Fotoapparate klicken, erfährt eine verdutzte Öffentlichkeit, dass die Nationale Airline gerade die Stimmenmehrheit des Basler Regionalcarriers Crossair übernommen hat und Moritz Suter sitzt endlich dort, wo das Scheidungs- und Internatskind immer hin wollte: am Tische der ganz Grossen.

Diese Sucht nach Aufmerksamkeit zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Und Aufmerksamkeit bemisst sich in der Wahrnehmung des Moritz Suter stets nach der Währung des Airliners: eine grosse Flotte an Flugzeugen bedeutet komplementäre Grösse für das eigene Ego. Dafür ist ein Moritz Suter auch bereit, seine unternehmerische Seele zu verkaufen. So ist das auch an diesem Märztag des Jahres 1991, als die Swissair Mehrheitseignerin wird an seiner Crossair – die Öffentlichkeit erfährt nämlich fast en passant, dass sich der Gründer persönlich schon drei Jahre zuvor verpflichtet hatte, der nationalen Airline die Mehrheit seiner Crossair zu übergeben – notabene ohne seine Aktionäre darüber ins Bild zu setzen.

Es ist eben so, wie stets seit der Gründung seiner Crossair im Jahre 1978: Der Hunger nach Fliegern ist immer grösser als die Tiefe seiner Taschen. Und weil seine Gesellschaft nach einer ausgiebigen Shopping-Tour wieder einmal klamm ist, pumpt er diesmal zum Preis des Kontrollverlusts an der Firma die Swissair an.

Auf der Suche nach Investoren

Eine Konstante im unternehmerischen Leben des Moritz Suter auch dies. Dass die finanziellen Polster dünn sind, ist typisch für ein Start-up-Unternehmen. Typisch für Moritz Suter ist freilich auch, dass es ihm nie gelingt, dieses Stadium der klammen Kassen wirklich zu überwinden. Es ist der letzte Dienstag im November des Jahres 1978, als Moritz Suter ein erstes Mal Geld organisiert, um seine Flugzeug-Träume zu finanzieren. Exakt eine Million Franken Gründungskapital braucht er, damit seine Crossair abheben kann. In Basel, in der Elisabethenstrasse 15, im Büro des Notars Peter Lenz finden sich siebzehn Personen ein, die dem Ruf des Moritz Suter gefolgt sind und Geld geben wollen. Alles Freunde des Patrons. Thomas Heberlein etwa, ETH-Ingenieur aus Zürich. Oder Michael Pieper, Franke-Chef, auch Alfred Widerkehr, Anwalt an der Zürcher Bahnhofstrasse, und auch der Vater Robert Suter zeichnet 50 Aktien. Und Sohn Moritz bestellt seine ersten Flugzeuge für stolze 14 Millionen Franken – er hofft schon zu dieser Zeit, die Swissair als Geldgeberin gewinnen zu können.

Umsonst – eine anfängliche Zusage zieht die nationale Airline wieder zurück. Moritz Suter reagiert, wie es seine Art ist: Er organisiert frisches Geld bei Unternehmern, die ihm zugetan sind, etwa bei Ingvar Kamprad, dem in der Schweiz ansässigen Ikea-Gründer, oder auch bei Urs Bühler, dem Spross der Ostschweizer Industriellen-Dynastie, und ordert im Jahre 1981 für stolze 100 Millionen Franken zehn Saab Cityliner.

Als er Ende der Achtzigerjahre wieder neue Flieger kaufen will, veräussert er einen Drittel seiner Airline an die Swissair – inklusive einer geheimen Option für die Mehrheit. Den Verlust seiner unternehmerischen Selbstständigkeit verarbeitet er dadurch, dass er Flugzeuge kauft auf Teufel komm raus, 25 Saab 2000 plus 25 weitere Optionen; er ordert vier 83-plätzige Jets BAe 146-200 und tritt damit mit seiner Firma in das Jet-Zeitalter ein. Bis 1997 investiert der Crossair-Patron eine halbe Milliarde Franken in neue Flieger.

Damit nicht genug: Auf dem Euro­Airport entsteht Anfang der Neunzigerjahre unterhalb des Cross­air-Hangars auf 15'000 Quadratmetern ein Schulungszentrum samt Flugsimulator sowie Kongresszentrum. Kostenpunkt: Knapp 74 Millionen Franken. Der Gründer der Crossair baut sich eine fliegerische Infrastruktur auf, die für seine damals 28 Flieger völlig überdimensioniert ist. Er hat dabei nur ein einziges Ziel im Auge: den Europa-Verkehr der Swissair einst in seine Crossair zu integrieren.

Die Geburt von «Phoenix»

Es ist der 30. Mai 1993, ein Sonntag, als Moritz Suter in dieser Angelegenheit aktiv wird. Während die Swissair-Gewaltigen in Zürich unter dem Projektnamen Alcazar ein Fusionsprojekt mit der österreichischen AUA, der skandinavischen SAS und der holländischen KLM vorantreiben, entwirft Moritz Suter ein siebenseitiges Strategiepapier mit dem pragmatischen Titel «Phoenix». Kern des Plans: Ein Grossteil des Kurz- und Mittelstreckenverkehrs und auch Teile des Langstreckenverkehrs sollen «auf der Kostenstruktur der Cross­air» in seine Firma integriert werden. Vor allem aber: Moritz Suter stünde gut sichtbar an der operativen Spitze dieser Airline. Bekanntlich wird nichts aus Alcazar und auch nichts aus «Phoenix», der Plan aber bleibt gut gespeichert in seinem Hirn. Und in der Öffentlichkeit gräbt sich die Mär von der profitablen Kostenstruktur der Crossair ins Bewusstsein.

Acht Jahre später, nach dem Grounding der Swissair, ist «Phoenix» wieder da als Basis für die Nachfolgefirma Swiss und die tiefe Kostenstruktur der Crossair. «Phoenix» wird zum Überlebenskit für die Schweizer Aviatik hochstilisiert. Tatsache ist: Ein Fünftel bis ein Drittel der Crossair-Flüge fliegt die Gesellschaft in diesen Jahren im sogenannten Wetlease im Auftrage der Swiss­air, welche für diese Flüge auch das unternehmerische Risiko trägt. Tatsache ist somit auch, dass es mit der hochgelobten Profitabilität der Crossair nicht weit her ist und Moritz Suter verfolgt in den Tagen und Wochen nach dem Grounding andere Absichten, als Politik oder Öffentlichkeit über derlei Nebensächlichkeiten aufzuklären.

Nun will er seine lang gehegten Ambitionen finalisieren, seine Cross­air-Flotte in die neue Swiss hinüberretten und sich selber als Präsident der neuen Swiss installieren. Dafür spricht er gar beim mächtigen Zürcher CS-Bankier und Nestlé-Präsident Rainer Gut vor – und beisst auf Granit. Private Investoren, die für die neue Swiss Gelder zur Verfügung stellen, so Gut, machen ihre Zusagen davon abhängig, dass Suter in der neuen Airline keine Rolle mehr spiele – und so ist dieses Spiel für Moritz Suter ausgespielt.

Immer nah an der Sonne

Zumindest mit der zweiten Absicht hat Moritz Suter Erfolg, und dies wird für die junge Swiss um ein Haar zum Sargnagel – während im Mittel- und Langstreckenbereich zahlreiche Flugzeuge der alten Swissair stillgelegt werden, fliegen die über siebzig Flieger der alten Crossair meist halb leer in Europa herum und produzieren für die Swiss vor allem eines: Verluste, welche die junge Gesellschaft an den Rand des finanziellen Kollapses bringen. Es braucht den Deutschen Christoph Franz, um diese historische Hypothek zu beerdigen.

Und Moritz Suter? Was bleibt zurück von seinem unternehmerischen Wirken? Es erging ihm wie Ikarus: Er war immer nah an der Sonne. Nah an dem grossen Ziel, gut sichtbar im Cockpit eine grosse, globale Airline pilotieren zu dürfen. Aber immer stieg er mit seinen Ambitionen zu weit in die Atmosphäre empor, bis er sich an der Hitze verbrannte und abstürzte. Zuletzt mit seinen vier Hello-Fliegern – Restposten einst hochtrabender Pläne. (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.10.2012, 10:42 Uhr

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