Der Mann, der das Establishment provoziert

Der Unternehmer Giorgio Behr ist so erfolgreich wie umstritten – Letzteres erst recht, seit er auch noch Hand an Georg Fischer gelegt hat.

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Wir treffen Giorgio Behr im grossen Besprechungszimmer seiner Firma «Behr Bircher Cellpack BBC» im aargauischen Villmergen. Er nimmt auf der andern Seite des riesigen Sitzungstisches Platz, in sicherer Distanz. Mit gerunzelter Stirn hört er sich den Satz an, den die «Finanz und Wirtschaft» kürzlich über ihn gedichtet hat: Behr sei «flamboyant», schrieb die Zeitung, und die «Bugwelle seiner Persönlichkeit» werde «nicht durchs Band als pure Labsal empfunden».

Flamboyant heisst so viel wie «grell», «farbenprächtig». Was man rein sprachlich auch als Kompliment deuten könnte, empfindet Behr als ungerechtfertigte Kritik an seiner Person, anonym kolportiert durch einen Schaffhauser Antipoden.

Behr steht in seinem Heimatkanton im Gegenwind, seit er sich vor Monatsfrist zum grössten Einzelaktionär des Georg-Fischer-Konzerns (GF) aufgeschwungen hat. Dessen Führung macht kein Hehl daraus, dass ihr der neue Mitbesitzer missfällt. GF-Präsident Martin Huber erklärte präventiv, er wolle «keinen Verwaltungsrat, der dominant in Erscheinung tritt», und schon gar keinen, «der dem Konzernchef dreinredet». Er und Behr hätten «unterschiedliche Auffassungen darüber, wie das Leben läuft und worauf es ankommt».

Jahrelang waren in den Medien vor allem Behrs Fachkommentare als Uni-Professor und Experte für Rechnungslegung gefragt. Erst seine jüngsten Anläufe, Aktienpakete bei Schweizer Firmen wie Sia Abrasives, Baumgartner und nun GF zu schnüren und so an Einfluss zu gewinnen, führten zu öffentlichen Kontroversen.

«Bin nicht der einfachste Mensch»

Frage also an Giorgio Behr: Warum kommt Skepsis auf, sobald Ihr Name fällt? Er sagt: «Ich bin nicht unbedingt der einfachste Mensch auf der Welt und habe ein gewisses Selbstbewusstsein.» Später ergänzt er: «Es ist nicht mein erstes Ziel, mich als grosse Beliebtheitsnummer darzustellen. Ich will ja letztlich Erfolg haben, und zwar mit fairen Mitteln.» Und schliesslich: «Es gibt in Schaffhausen alteingesessene, sich gesellschaftlich im Vordergrund wähnende Personenkreise, die mir eher kritisch gegenüberstehen.»

Tatsächlich wird Behr vom Schaffhauser Wirtschaftsestablishment als Aussenseiter wahrgenommen. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, waren er und seine Geschwister sich von klein auf gewohnt, «dass man uns wegen unseres Tessiner Dialekts ‹Tschinggen› nachgerufen hat». Seine Familie gehöre nun einmal «nicht zum hiesigen Landadel».

Dass er trotzdem kein Blatt vor den Mund nimmt, dürfte seine Beliebtheit in den besseren Kreisen nicht heben. So quittiert er die Reaktion von Präsident Huber auf seine GF-Beteiligung mit feinem Humor: «Ich staune manchmal, wenn Wirtschaftsführer aufschrecken, als ob sie eine Tarantel gestochen hätte. Zuweilen wäre es besser, sie würden einfach kurz den Stachel ziehen und sich wieder hinsetzen.»

Noch ein Umstand dürfte die Ressentiments schüren: Behr weiss sehr gut Bescheid über die Industrie und die Märkte, in denen er tätig ist. Dazu hat er eine stattlich gefüllte Kasse. Damit ist er ein Ernst zu nehmender Partner – oder Gegner, je nachdem.

Aus seiner BBC hat Behr über die Jahre ein innovatives, erfolgreiches KMU gemacht. Mit seiner GF-Beteiligung könnte er nun zum unternehmerischen Akteur in der A-Klasse der Schweizer Industrie aufsteigen. Die «Schaffhauser Nachrichten» rätselten bang, ob das Motiv «dieser unfreundlichen Beteiligung» Behrs Ehrgeiz entspringe, «dem Präsidenten oder einem Mitglied des Verwaltungsrats den Platz streitig zu machen».

Die Frage treibt derzeit viele um: Welche Rolle will Behr im «Symphonieorchester» GF spielen? Jene des Posaunisten, jene des ersten Geigers – oder gar die des Dirigenten, die er bereits in seinem «Kammerorchester» BBC spielt? Obwohl selbst gelegentlicher Konzertgänger, bevorzugt Behr als begeisterter Handballer Bilder aus der Sportwelt. Bei der BBC sei er Coach, beim Autozulieferer ZF Friedrichshafen, den er seit kurzem präsidiert, der Sparringpartner des Managements. Bei der GF sei er «zurzeit nur ein Anleger, der den tiefen Börsenkurs für einen Aktienkauf genutzt hat». Was mittelfristig sein werde, hänge davon ab, «ob irgendjemand eine Rolle für mich vorschlägt». Für Gespräche sei er jederzeit offen, wobei er sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen brauche: «So unerfahren bin ich ja auch nicht.» Er könne aber «durchaus auch ein paar Jahre lang warten, bis das GF-Paket ohne mein Dazutun an Wert gewonnen hat».

Wer sich mit Behr auseinandersetzt, merkt schnell: Seine Fachkompetenz ist beeindruckend. Er ist der Chef, und er ist es gerne. Doch je länger man ihn befragt, umso klarer wird, dass Behr keiner ist, der diese Rolle demonstrativ herauskehrt. Er kann zuhören (was längst nicht allen Wirtschaftsführern gegeben ist), doch er erhebt auch freundlich, aber dezidiert Einspruch, wenn ihm etwas nicht passt. Zum Beispiel, wenn ihm eine Frage «nun wirklich allzu plakativ» erscheint.

Einen anderen Giorgio Behr erlebt man beim Rundgang durch die Fabrik. In den Produktionshallen fühlt er sich offensichtlich wohler als am Sitzungstisch. Angetan mit einem roten Arbeitskittel, einer Haube und Schutzhandschuhen, schreitet er zielstrebig voran. Er erklärt die Erzeugnisse seiner Firma: Verpackungen, vom Säckchen für Gummibärli bis hin zum Beutel für Zahnimplantate. Behr kennt jede Maschine, erläutert jeden Arbeitsgang detailliert, referiert über geplante Investitionen – und grüsst dazu links und rechts.

In der Abteilung für Kunststoffteile erklärt er das neue Bonussystem, das gerade erprobt wird: Jeder Mitarbeiter bekommt Ende Monat einen Betrag bar auf die Hand; alle erhalten gleich viel, unabhängig von ihrer Stellung. Je besser die Belegschaft (zusammen)arbeitet, umso höher wird die Produktivität – und umso attraktiver der Bonus, zuletzt lag er monatlich zwischen 100 und 150 Franken. «Das ist ein schöner Batzen für eine Arbeiterin», sagt Behr. Man nimmt ihm ab, dass ihm etwas liegt an seinen Leuten. Und man glaubt ihm, dass er in seinen Fabriken «eine gewisse menschliche Wärme verspüren und auch zurückgeben» möchte.

Ein Patron alter Schule

Behr ist ein Patron alter Schule. Mit Blick auf die Wirtschaftskrise sagt er, Entlassungen seien für ihn «die ultima ratio», die letzte aller Optionen. Er will seine Mitarbeitenden an Bord behalten und die unternehmerische Flexibilität ausreizen – Überstunden abbauen, Ferien beziehen lassen und letztlich Kurzarbeit einführen. Er wolle sich den Wiederaufschwung nicht vermiesen, indem er qualifizierte Leute auf die Strasse stelle, «die mir dann fehlen, wenn es wieder aufwärts geht».

Behr will sogar in die Offensive gehen. Er rechne damit, dass in den nächsten 12 bis 18 Monaten «einige gut zu BBC passende Unternehmen in Schwierigkeiten geraten; das sind Chancen, weiter zu wachsen», sagt er. Er sei in der Lage, den Umsatz seiner Gruppe durch Zukäufe auf 700 Millionen Franken fast zu verdoppeln: «Finanziell könnte ich das ohne Hilfe der Banken stemmen.»

Unternehmerisch ist und bleibt Behr ein Anhänger des Mischkonzerns, also eines Verbunds von Firmen, die von verschiedenen Konjunkturzyklen profitieren. Diese Philosophie wollte er bereits als Präsident von Saurer umsetzen, indem er versuchte, den Konzern mit Unaxis zu verschmelzen, was aber am Widerstand der damaligen Unaxis-Eigner scheiterte. Behr trat ab und setzte seine Überzeugungen in der kleineren BBC um, wo er die wichtigen Entscheidungen selber treffen kann.

Wo – wie in der Schweiz – grosser Wohlstand herrsche, sei es schwierig, «die Triebfeder Innovation immer gespannt zu halten», sagt Behr, seines Zeichens mehrfacher Millionär. Drahtig und von fast unheimlicher Schaffenskraft, scheint er selber über unerschöpfliche Energien zu verfügen. Wie lädt er seinen Akku?

Indem er sich die innere Ruhe verschaffe, die er brauche, um Leistung zu erbringen, sagt Behr. Er habe früh in der Jugend gelernt, «dass die Familie das Letzte ist, was dir bleibt». Daher verbringe er viel Zeit mit seiner sechsköpfigen Familie und pflege seine Hobbys: Eisenbahnfahren und Handball. Ausserdem mache er seit 1985 jedes Jahr zehn Wochen Ferien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2008, 23:05 Uhr

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