Die Uhr, die mit Wasser tickt

Auf diese Erfindung hat die Welt nicht gewartet – doch sie kommt an: Die Uhren des Bieler Unternehmens HYT zeigen die Zeit mit Flüssigkeit an.

Der innovative HYT-Firmenchef: Vincent Perriard

Der innovative HYT-Firmenchef: Vincent Perriard Bild: Keystone

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Nein, genauer als eine Swatch für 50 Franken ist auch diese Uhr nicht. Im Gegenteil: Wie alle mechanischen – also batterielosen – Uhren tickt sie einige Sekunden pro Tag daneben. Doch absolute Genauigkeit ist bei teuren Uhren nicht der Punkt, ganz besonders nicht bei dieser Marke.

Bei HYT ist der Name Programm: Er steht für Hydraulic Technology. Bei den Uhren des Bieler Unternehmens ersetzt ein Glasröhrchen den Stundenzeiger, eine neongrün leuchtende Flüssigkeit zeigt jeweils die aktuelle Zeit an. Der Minutenzähler hingegen ist ein konventioneller Zeiger. Die technische Meisterleistung dabei ist, dass das mechanische Uhrwerk zwei Pumpen antreibt und der ganze Mechanismus immer noch so klein ist, dass es an ein Handgelenk passt. Die erste Pumpe presst die Flüssigkeit einmal in zwölf Stunden rund ums Zifferblatt – die zweite dann innert Sekunden wieder zurück, sodass der Zyklus wieder von neuem beginnen kann.

Unweit des Hauptsitzes der grossen Luxusmarke Omega hat HYT ihre Räumlichkeiten. Diese platzen eineinhalb Jahre nach dem Einzug bereits aus allen Nähten – und so teilt sich auch Firmenchef Vincent Perriard sein Büro mit zwei Mitarbeitern. Die Belegschaft ist seit dem Einzug von 3 auf 20 Leute angewachsen. «Vorher arbeiteten wir bei mir zu Hause in Neuenburg – ganz nach dem Start-up-Klischee», sagt Perriard.

In der Schweiz nicht erhältlich

Zwei andere Jungunternehmerklischees treffen bei HYT aber überhaupt nicht zu: Es mangelt weder an der Nachfrage nach dem Produkt noch an Liquidität. Bei HYT standen die Kunden praktisch von Anfang an Schlange. Uhrenliebhaber haben sich laut Perriard äusserst interessiert gezeigt an der Uhr mit der hydrologischen Zeitanzeige. Die Firma verkauft ihre Modelle in 50 Luxusuhren-Boutiquen in Europa, Russland, Nord- und Südamerika. «Wir könnten 70 Stück pro Monat verkaufen, können derzeit aber nur 10 pro Monat produzieren.» Bis Oktober, so hofft Perriard, wird die Kapazität auf 50 Stück pro Monat erhöht. Trotzdem: Die Bestellungen türmen sich bei den Bielern so hoch, dass praktisch die gesamte Produktion für die nächsten zwölf Monate bereits vergeben ist. «Deshalb verkaufen wir unsere Uhren noch gar nicht in Asien und im Nahen Osten.» Auch in der Schweiz ist die Swiss-made-Uhr nicht zu kaufen. «Schweizer Kunden verweisen wir an den Händler in Paris», sagt der HYT-Chef nicht ohne Stolz.

Viele Uhrensammler warten anscheinend sehnsüchtig auf ihre HYT-Uhr. Denn rund ein Drittel der Besteller hat den Kaufpreis bereits im Voraus einbezahlt. Bei Ladenpreisen von 43 000 bis 65 000 Franken je nach Ausführung kommt dabei einiges an flüssigen Mitteln zusammen – sodass sich das Jungunternehmen keine Gedanken über allfällige Liquiditätsengpässe machen muss. Und so rechnet Perriard damit, bereits ab dem vierten Quartal dieses Jahres schwarze Zahlen zu schreiben.

Idee in zwei Köpfen entstanden

Entstanden ist die Idee zur Uhr mit Flüssigkeit parallel in zwei Köpfen. Vincent Perriard, früher Chef der Uhrenmarke Concord, hatte vor Jahren einmal die «Nonsense-Idee», Mechanik und Flüssigkeit in einem Uhrwerk zu verbinden. Im Jahr 2010 lernte er den Genfer Lucien Vouillamoz kennen. Der Erfinder und Entwickler hatte bereits seit einigen Jahren an einer Uhr mit flüssiger Anzeige getüftelt. Den Durchbruch erzielte er, als er die Idee hatte, den geschlossenen Wasserkreislauf über die beiden Pumpen zu regulieren – und ins Glasröhrchen zwei Flüssigkeiten zu füllen, die sich nicht vermischen: das farbig leuchtende Wasser, das auf dem Zifferblatt laufend weiter vorrückt, und das transparente Öl, das entsprechend verdrängt wird.

Die beiden Pumpen, eigentlich zwei kleine faltbare Metallhüllen, basieren auf Technik der Nasa. Insgesamt befänden sich etwa 200 Mikroliter (0,2 Milliliter) Flüssigkeit in der Uhr, sagt der Erfinder Vouillamoz. «Das System muss absolut dicht sein – jeder verlorene Mikroliter würde die Uhr ungenau machen.» Unter dem gleichen Dach wie HYT ist die Schwesterfirma Preciflex untergebracht, sie gehört den gleichen Investoren, unter ihnen Vouillamoz selbst. Die Preciflex-Ingenieure stellen das Flüssigkeitssystem der HYT-Uhren her und entwickeln dieses weiter. Und Vouillamoz schwebt vor, die Präzisionstechnologie auch in der Medizinaltechnik anzuwenden – womit sich dem Entwickler nochmals ganz neue Geschäftsfelder eröffnen würden.

Die Werke der HYT-Uhren produziert ein Unternehmen in Le Locle. Nächstes Jahr will Firmenchef Perriard aber auch die Uhrwerkproduktion nach Biel holen. Dann werden es bereits 30 Angestellte sein – und der Platz in den Büros wird definitiv nicht mehr ausreichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2013, 11:13 Uhr

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Eine HYT-Uhr kostet zwischen 43'000 und 65'000 Franken. (Video: HYT)

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