Interview

«Die ersten Taten beginnen nun zu verjähren»

Bundesanwalt Michael Lauber über die Tücken des Strafverfahrens gegen den einstigen Börsenguru Dieter Behring und zur riesigen Dimension dieses Falles.

«Es sind Leute wie Sie und ich»: Bundesanwalt Michael Lauber will den Fall Behring bald zur Anklage bringen. (27. September 2012)

«Es sind Leute wie Sie und ich»: Bundesanwalt Michael Lauber will den Fall Behring bald zur Anklage bringen. (27. September 2012) Bild: Keystone

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Acht Jahre und noch keine Anklage im Fall Behring. Herr Lauber, dauert das nicht unverhältnismässig lange?
Verhältnismässigkeit ist in einem Strafverfahren relativ, da es ja auch gilt, Unrecht zu vermeiden. Vor einem Jahr habe ich mein Amt angetreten und gewisse Strukturen und Abläufe innerhalb der Bundesanwaltschaft optimiert. Dazu gehört das neu eingeführte operative Fallcontrolling. Dabei wurden die wichtigsten laufenden Verfahren überprüft. So auch dieser Fall, und ich habe entschieden, hier eine Taskforce einzusetzen. Diese kann deutlich schneller agieren.

Heisst das, dass es nochmals Jahre dauern wird, bis es zu einer Anklage kommt? Das ist doch kein Zustand für Beschuldigte wie Geschädigte.
Jeder Beschuldigte hat das Recht, in angemessener Zeit beurteilt zu werden, das stimmt. Doch hier hängt die Dauer mit der Komplexität des Falles zusammen. Wir haben zehn Beschuldigte, die beurteilt werden müssen, wir haben über 1200 Geschädigte, wir haben 364 Bundesordner mit 835 Bank- und Kreditkartenverbindungen, wir haben Hunderte von Befragungsprotokollen. Ausserdem sind Beweiserhebungen im Ausland zeitaufwendig. Wir können nicht einfach hingehen und Zeugen einvernehmen, das müssen wir auf dem internationalen Rechtshilfeweg von Partnerbehörden vor Ort machen lassen.

Im Fall des Milliardenbetrügers Madoff in Amerika verstrich knapp ein Jahr zwischen Verhaftung und Verurteilung.
Das ist ein gutes Beispiel, um die Unterschiede zwischen den verschiedenen Rechtssystemen aufzuzeigen. In Amerika und auch in Deutschland wird – auf einer Zeitachse betrachtet – deutlich früher Anklage erhoben und die Beweisabnahme erfolgt zu ­einem grossen Teil erst vor Gericht. Bei uns passiert das im Vorverfahren. Insofern sind wir besser gerüstet, wenn es zum Prozess kommt.

Bekommen Sie überhaupt genügend Beweismittel zusammen?
Ich gehe davon aus, dass wir diese jetzt schon haben. Doch es reicht nicht, sie zu sammeln, sie müssen auch analysiert und den Beschuldigten vorgehalten werden.

Nun scheint ja Behring ein Meister der Blockierung zu sein. Wie schafft er es, dass sich der Fall derart in die Länge zieht? Offenbar hat er sich ständig mit seinen Anwälten überworfen und sie dann zum Teufel gejagt.
Es gab diesbezüglich tatsächlich ­einige Wechsel. Wir haben nun mit einer ausführlichen Verfügung einen Verteidiger eingesetzt und unser Vor­gehen ist vom Bundesstrafgericht ­gestützt worden.

Wer sind diese rund 1200 mutmasslichen Geschädigten – Grossverdiener oder Kleinanleger?
Es sind Leute wie Sie und ich. Teilweise haben sie vom Nachbarn gehört, dass dieses Anlagesystem lukrativ sei – das war es zu Beginn auch. Teilweise haben sie sich ihre Pensionskasse auszahlen lassen und stehen jetzt mittellos da. Dahinter verbergen sich ernst zu nehmende Schicksale.

Haben diese Leute eine Chance, zumindest einen Teil ihres Geldes zurückzubekommen?
Ich hoffe sehr. Wir haben von Behring verschiedene Bankkonten beschlagnahmt, seine exquisite Uhrensammlung, Bilder, Liegenschaften. Grundsätzlich stellt sich halt immer die Frage, wie früh ein derart umfangreiches Pyramidensystem entlarvt wird. Bei Behring war es relativ spät.

Wie hoch ist die Quote der sichergestellten Vermögenswerte?
(Überlegt.) Die Uhrensammlung ist eine der exquisitesten der Welt, sie ­lagert bei einer Bank im Safe. Die Liegenschaft an der Petersgasse ist ein Liebhaberobjekt und schwierig zu verkaufen. Insgesamt dürften es Vermögenswerte in der Grössenordnung von einem oberen zweistelligen Millionenbetrag sein. Geht man davon aus, dass sich der Deliktbetrag auf 800 bis 900 Millionen beläuft, so wäre das eine Quote in der Grössenordnung von vielleicht zehn Prozent.

Warum hat die Basler Staatsanwaltschaft den Fall nicht übernommen? Das vermutete kriminelle Geschehen fand ja in Basel statt.
Nach Gesprächen mit Basel-Stadt und auch Zürich hat der Bund beschlossen, den Fall im Rahmen seiner freiwilligen Kompetenz zu übernehmen. Das machte Sinn bei einem derart komplexen Fall mit starkem Auslandbezug.

Die Verjährung der ersten Vorwürfe beginnt jetzt zu laufen. Kann man diese noch verhindern?
Nein. Die Verjährungsfrist für Wirtschaftsdelikte dieser Art beträgt 15 Jahre. Die ersten Taten beginnen nun zu verjähren. Die Verfahrensdauer und damit im Ergebnis auch die Verjährungsfrage ist grösstenteils fremdbestimmt. Genau deshalb habe ich die Taskforce eingesetzt. Diese muss jetzt beurteilen, was realistischerweise noch vor Gericht soll und was eventuell fallen gelassen werden muss.

Was schätzen Sie, wie lange dauert es noch, bis es zur Anklage kommt?
(Zögert lange.)

Zwei Jahre vielleicht?
Wir sind ambitionierter.

Was droht Dieter Behring überhaupt?
Für gewerbsmässigen Betrug sieht das Gesetz Freiheitsentzug bis zu zehn Jahre vor. Kommt nun noch qualifizierte Geldwäscherei oder ein Urkundendelikt dazu, sind es nochmals fünf Jahre. Konkret liegt der Strafrahmen zwischen vier Tagen und 15 Jahren. Eine Zeit lang hat man Wirtschafts­täter in der Schweiz sehr mild angepackt, dies hat sich in der Zwischenzeit geändert.

Könnte es sein, dass er mit zwei bis drei Jahren davonkommt?
Das zu beurteilen, wird Sache des Gerichts sein. Bis zur gerichtlichen Beurteilung gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung. Doch eines ist sicher, am Ende dieses Verfahrens werde ich auch Ihnen und Ihren Kollegen Red und Antwort stehen müssen, was das Ganze gekostet und wie viel dabei herausgeschaut hat. Retrospektiv können meine Entscheide richtig oder falsch gewesen sein. Doch ich bin der Meinung, wir sind den vielen Geschädigten diesen Einsatz schuldig. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.03.2013, 10:40 Uhr

Aufstieg und Fall des Dieter Behring

In den 90er-Jahren rühmte sich der aus Trimbach stammende Dieter Behring, den genetischen Code des Börsenhandels geknackt zu haben. Mit seinem computergesteuerten Finanzsystem erreiche er eine Rendite von durchschnittlich 58 Prozent. Diese Aussicht aufs schnelle Geld lockte die Anleger scharenweise. Allerdings trat er kaum je selber in Erscheinung; er liess die Geschäfte über einige Anlageberater abwickeln. Zwischen 2000 und 2004 richtete der Börsenguru in Basel mit der grossen Kelle an. Er kaufte Liegenschaften im höheren zweistelligen Millionenbereich, baute sich ein kleines Bankenimperium auf und tat sich als Mäzen hervor. So wurde auch Stände­rätin Anita Fetz (SP) im Wahlkampf von ihm unterstützt.

Im Sommer 2004 begann das System zu bröckeln. Medien stellten die horrenden Renditen infrage und Anleger sprangen ab. Im August 2004 waren zwei Drittel der Kundengelder nicht mehr auffindbar. Am 19. Oktober 2004 um sieben Uhr morgens nahm ein ­Polizeikommando Behring an seinem Domizil an der Petersgasse fest. Ein halbes Jahr später wurde er mit der Auflage, sich für das Strafverfahren bereitzuhalten, aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass fast alle Investorengelder in eine Art Schneeballsystem geflossen sind. (ffl)

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