«Perle» ohne Glamour

Der Verwaltungsrat nennt sie «eine Perle»: Nach wenigen Monaten an der Konzernspitze der Post verströmt Susanne Ruoff allerdings wenig Glamour. Dafür bleibt ihr auch im kommenden Jahr gar keine Zeit.

Unerwartete Wahl: Mit Susanne Ruoffs Ernennung zur Postchefin haben nur wenige gerechnet. (Archivbild)

Unerwartete Wahl: Mit Susanne Ruoffs Ernennung zur Postchefin haben nur wenige gerechnet. (Archivbild) Bild: Keystone

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In Haus Nummer 5 in der Rue du Pas de l’Ours in Crans-Montana dürfte am 22. November 2011 Promi-Alarm geherrscht haben. Nicht Roger Moore – ebenfalls Einwohner des Touristen­ortes – war Urheber der Unruhe in der Postfiliale, sondern eine Frau, die bis zu diesem Zeitpunkt kaum für Aufsehen gesorgt hatte. Susanne Ruoff. Wer heute ihren Namen hört, kann wissen: Das ist die neue Chefin der Schweizerischen Post. In der Postfiliale Crans-Montana, Rue du Pas de l’Ours 5, wissen es ihre Angestellten ganz bestimmt.

Susanne Ruoff führt sie und ihre über 60'000 Kollegen in ein Jahr, das die Post tiefgreifend verändern wird. Der Staatsbetrieb wird zu einer Aktien­gesellschaft, unter deren Dach sich die einzelnen Bereiche Briefe, Pakete, das Postauto oder die Postfinance eigenständig behaupten müssen. Unternehmerische Neuerungen, die nicht überall auf helle Begeisterung stossen dürften. Eine grosse Aufgabe für eine Managerin, die zuletzt für 250 Mitarbeiter bei der British Telecom Schweiz verantwortlich war und selbst sagt, dass sie die Post zum Zeitpunkt ihrer Berufung nur von aussen als Kundin kannte. Seit ihrem Dienstantritt im September hat sie sich zwar eine «Tour de Poste» verordnet, aber ob die Gespräche mit mehreren Hundert Mitarbeitern reichen, die sie nach eigener Aussage in den ver­gangenen Monaten geführt hat, um den Koloss Post zu verstehen, bezweifelt sogar sie selbst.

Überraschung als Vorteil

Bei aller Skepsis, die ihr auch unmittelbar nach der Ernennung als externe Kandidatin entgegenschlug: Ihre Chancen für einen gelungenen Start stehen nicht schlecht. Da ist etwa der Vorteil der Überraschung. Ruoffs Name stand vor ihrer Berufung durch den Verwaltungsrat auf keinem Zettel – ausser dem des Headhunters, der ursprünglich 200 Namen umfasste. Dass die Mutter zweier Kinder am Ende das Rennen gemacht hat, verdankt sie vor allem ihren Er­fahrungen in der digitalen Welt. Für Postpräsident Hasler bringt Ruoff die besten Qualifikationen mit. Er nennt sie «einen Glücksfall» für die Post.

Es hat sich einiges verändert, seit Susanne Ruoff, damals 41, im Jahr 2000 als IBM-Managerin in einem Beitrag für «Das Magazin» über ihre Stelle schrieb: «In diesem Job spielt es keine Rolle, was man war, sondern was man im Moment ist.» Ruoff war von 1990 bis 2009 bei IBM, zuletzt in der Geschäftsleitung. Anschliessend leitete sie British Telecom Schweiz, ehe der Ruf der Post sie erreichte.

Ursprünglich hatte die heute 54-Jährige eine Lehrerausbildung absolviert und sieben Jahre unterrichtet. Warum die gebürtige Zürcherin dann den Weg in die Wirtschaft einschlug, lässt sie im persönlichen Gespräch offen. Etwas Neues habe sie ausprobieren wollen, erzählt sie. Durch den Wechsel folgten diverse Managementausbildungen, unter anderem an der renommierten Wirtschaftshochschule Insead bei Paris, und eine Weiterbildung an der Hochschule St. Gallen zum Modethema Corporate Governance – aus heutiger Sicht wichtige Karriereschritte.

Weil die Post ähnlich wie die SBB immerhin lange den Schweizer Nationalstolz genährt hat und es in Teilen immer noch tut, spielt es heute eine Rolle, woher Susanne Ruoff kommt, welche Vergangenheit sie hat. Grosse Überraschungen sind bei den Versuchen, Ruoff unmittelbar nach ihrer Ernennung ­auszuleuchten, allerdings ausgeblieben. Vermutlich ist das eine der Stärken dieser Frau, die im politischen Bern und in der Post ohne engmaschiges Netzwerk bestehen muss. Sie sagt, dass sie sich in der politischen Mitte befindet. Das klingt nach Neutralität. Die Schweiz in der Schweiz ist Ruoff dennoch nicht. Immerhin lässt sie durchblicken, dass sie sich eher der bürgerlichen Mitte ­verbunden fühlt.

Das Klischeebeladenste, was die Postchefin über sich selbst sagt, bezieht sich auf nicht vorhandene Kochkünste: «Bei mir brennt das Teewasser an», berichtet sie in allerlei Variationen in Interviews und überlässt deshalb ihrem Mann und Vater ihrer Kinder den Herd.

Die Ente mit der Ski-Nati

Auf der Suche nach Geschichten über die neue Postchefin, die noch niemand kennt, schrieben verschiedene Zeitungen über die vermeintliche Tatsache, dass die leidenschaftliche Skifahrerin früher in der ­Junioren-Nationalmannschaft die Pisten hinunterraste. Eine Falschmeldung, wie sich später herausstellte. Pikanterweise hatte sie Verwaltungsratspräsident ­Hasler ins Spiel gebracht. Genau dieser Hasler, der wohl das Bild von Ruoff ­etwas aufpolieren wollte, indem er sie sogar «eine Perle» nannte – und im Überschwang der öffentlichen ­Nominierung Ruoffs als Nachfolgerin von Postchef Jürg Bucher vor grossem Medienaufgebot vermutlich nicht daran dachte, dass damit auch eine Putzfrau assoziiert werden könnte.

Scheint hier der starke Wunsch des Verwaltungsrates durch, eine Managerin mit Strahlkraft präsentieren zu können? Denkbar ist es. Die naheliegendste Erklärung für die doppeldeutige Huldigung ist, dass sich Ruoff schliesslich ­gegen einen internen Kandidaten aus dem Postkader durchgesetzt hatte. Bis zuletzt rechneten die Beobachter damit, dass die Post in den eigenen Reihen fündig werden dürfte. Zumal Hasler diese Spekulationen noch mit Bemerkungen über die Förderung des eigenen Nachwuchses angeheizt hatte. In solch einer Situation ist zusätzlicher Glanz nützlich, um zumindest für kurze Zeit etwas von unerfüllten Erwartungen abzulenken. Dass es tatsächlich ein weiter Weg von der British Telecom Schweiz an die Spitze der Post ist, muss zu diesem Zeitpunkt Hasler wie Ruoff klar gewesen sein. Ruoffs Analyse der Post kurz vor Weihnachten im Kreis der Geschäfts­leitung und einiger Journalisten zeigte, dass sie nach 100 Tagen im neuen Job noch nicht vollends an der Konzern­spitze angekommen ist. Sichtlich nervös arbeitete sie sich in ihrer Präsentation von der Briefpost bis zur Postfinance durch. Wie weggeblasen waren die ­kleinen Unsicherheiten im persönlichen Gespräch. Dort kann Ruoff eine ihrer Stärken ausspielen: ihre gewinnende Art, ohne Starallüren.

Ohne Glamourfaktor

Grundsätzlich können die Post und, wie es scheint, auch Susanne Ruoff gut ohne grossen Glamourfaktor leben. Der Logik folgend kommt zusammen, was zusammen gehört. Die Post ist weit ­davon entfernt, aufregend zu sein. Das erwartet auch niemand von einem Staatsbetrieb und sollte es auch nicht von seiner wichtigsten Managerin.

Wohin es führen kann, wenn der Chef eines staatsnahen Betriebs offenkundig angestrengt die Öffentlichkeit sucht, zeigt das Beispiel des SBB-­Lenkers Andreas Meyer. Das Bonmot «Keine Feier ohne Meyer» – ursprünglich der Werbespruch eines Berliner Spirituosenhändlers – begleitet den SBB-Chef seit einigen inszenierten Auftritten in den Medien, beispielhaft ist das Bild in enger Badehose beim Aareschwimmen vom vergangenen Som­mer.

Für ein ähnliches Desaster dürfte Ruoff nicht zur Verfügung stehen: «Ich habe nicht vor, meine Wohnzimmertür zu öffnen», sagte sie jüngst auch der BaZ. Ganz entziehen kann allerdings auch sie sich dem Erwartungsdruck nicht: Bislang beschränkt sich ihr Weg in die Öffentlichkeit auf eine Wanderung mit der «Schweizer Illustrierten». Es mutet fast schon belanglos an, wenn sie dort darüber spricht, dass ihre Uhr vier Minuten vorgeht, damit sie rechtzeitig alle ihre Termine erreicht. Die Verbindung zur Pünktlichkeit der Post wirkt inszeniert, doch Ruoff hat sich den kleinen Selbstbetrug schon vor ­einigen Jahren angewöhnt.

Wichtiger als solche Details sind die Fragen, wie viel Zeit Susanne Ruoff für ihre ersten Schritte an der Postspitze bekommt und welchen Einfluss sie sich überhaupt erarbeiten kann. Die Strategie des Konzerns legt der Verwaltungsrat fest und grosse Teile des anstehenden Umbaus sind bereits auf den Weg gebracht worden. Die digitalen Geschäftsfelder – die Stärke Ruoffs – machen heute nur einen kleinen Teil des Geschäfts aus. Gleichzeitig ist gewiss, dass etwa künftige Schliessungen von Postfilialen nicht mit Peter Hasler und auch nicht mit dem Linienverantwortlichen Patrick Salamin in Verbindung gebracht werden, sondern mit Susanne Ruoff. Die wappnet sich für die kommende Zeit und erwartet, dass sie als Postchefin ­sicher «nicht nur Applaus» erhalten wird. Sie tut gewiss gut daran. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.12.2012, 17:19 Uhr

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