Hintergrund

Verhafteter Banker hatte Persilschein der Finma

Der in Italien verhaftete Ex-UBS-Banker Raoul Weil ist Geschäftsführer eines Schwyzer Finanzdienstleisters. Der Finanzmarktaufsicht hatte Weil gesagt, er habe zum Steuerstreit mit den USA «nichts verschwiegen».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Unvorsichtigkeit wurde ihm zum Verhängnis: Raoul Weil, 54, früherer Topmanager der UBS, wurde verhaftet, nachdem er am Wochenende in ein Luxushotel in Bologna eingecheckt hatte. Die örtliche Polizei war aufgrund der Onlinemeldung des Hotels auf den Schweizer aufmerksam geworden, gegen den seit bald fünf Jahren ein internationaler Haftbefehl der USA wegen Betrugs besteht. Ein Streifenwagen sei ausgerückt und habe den Manager ins Untersuchungsgefängnis der Stadt gebracht, bestätigte eine Polizeisprecherin baz.ch/Newsnet den Vorfall. Weil habe seinen Aufenthalt in Italien nicht begründet.

Weil hatte sich seit der Anklage der US-Behörden im Jahr 2008 nur noch in der Schweiz aufgehalten; er war davon ausgegangen, dass die Anklage gegen ihn erst fallengelassen würde, wenn die Schweiz mit den USA eine Globallösung im Steuerstreit ausgehandelt habe. Aus unbekannten Gründen ging Weil nun offenbar das Risiko ein, im Ausland verhaftet zu werden. Ihm droht die Auslieferung in die USA; das entsprechende Verfahren hat Italien bereits eröffnet. Der Auslieferungsvertrag zwischen Italien und den USA erlaubt die Auslieferung bei Straftaten, die sowohl unter italienischem als auch unter amerikanischem Recht strafbar sind. Gegen Weil fordert der Staatsanwalt fünf Jahre Gefängnis.

Ausdauernde US-Behörden

«Die Verhaftung unterstreicht, dass es für Schweizer Banker, die in den USA angeklagt werden, eine reelle Gefahr ist, die Schweiz zu verlassen», zitiert die Onlineausgabe des «Wall Street Journal» den Strafrechtler Dan Levy, früher Staatsanwalt, heute in der Anwaltskanzlei McKool Smith tätig. Somit wird die Schweiz für immer mehr Banker zum goldenen Käfig. «Die Verhaftung zeigt auch, wie ausdauernd und geduldig die US-Behörden sind», sagt Levy weiter.

Die Ausdauer überrascht wenig, wenn man sich vor Augen führt, von welchem Kaliber Raoul Weil ist. Gemäss Anklage soll er gemeinsam mit anderen UBS-Führungskräften 20'000 amerikanischen Bankkunden geholfen haben, rund 20 Milliarden Dollar am Fiskus vorbeizuschleusen – und zwar absichtlich und bewusst illegal. Die UBS hatte Weil 2009 nach erfolgter Anklage durch die USA freigestellt. Dieser war in der Folge untergetaucht. Sein Anwalt hatte die Vorwürfe der USA stets zurückgewiesen.

Führender Kopf der «Verschwörung»

Raoul Weil war gemäss Anklage einer der führenden Köpfe der «Verschwörung». So nennt die US-Justiz das damalige Vorgehen der UBS und ihre Schwarzgeld-Strategie. Als oberster Chef des Offshore-Bankings trug Weil die direkte Führungsverantwortung. In den Augen der Anklage schaute die Bank bewusst weg, was Steuern betraf, und sie tat das auch nach der Unterzeichnung des Qualified-Intermediary-Abkommens (QI) durch die UBS im Jahre 2001, das solche Praktiken eigentlich unterbinden sollte.

Gemäss QI war es den Banken bereits damals verboten, US-Kunden ohne Offenlegung per Telefon, Mail oder physisch zu beraten. UBS-Banker reisten dennoch noch jahrelang in die USA, um Kunden zu beraten. Die Anklage spricht von Strohmännern, chiffrierten Laptops, Nummernkonten und «anderen Geheimdiensttechniken», die eingesetzt wurden, um die Identitäten und Offshore-Vermögen der US-Kunden vor den US-Steuerbehörden zu verstecken.

Privat in Italien

Raoul Weil ist heute Geschäftsführer und Teilhaber der Reuss Private Group in Pfäffikon SZ. Diese ist gemäss Website «ein führender Verbund von Spezialdienstleistern mit einem umfassenden Produkt- und Serviceangebot für professionelle Vermögensverwalter, Family Offices und anspruchsvolle private Anleger». Insgesamt betreut die Reuss Private Group Vermögen in der Höhe von vier Milliarden Franken. Gemäss Sprecher Andreas Hildenbrand befand sich Weil jedoch aus privaten Gründen in Italien.

Die Tochter Reuss Private mit Sitz in Bremgarten AG hat im Februar dieses Jahres von der Finanzmarktaufsicht (Finma) die Bewilligung als Effektenhändler erhalten: Sie darf gewerbsmässig mit Wertschriften handeln. Im Rahmen des Bewilligungsverfahrens prüfte die Finma, ob das Reuss-Management die «Gewähr für eine einwandfreie Geschäftstätigkeit» erfüllt. Das gilt auch für Weil. Laut früheren Angaben des Reuss-Sprechers Andreas Hildenbrand in der «Aargauer Zeitung» musste Weil der Finma schriftlich bestätigen, er habe im Rahmen der Untersuchung über den Steuerstreit der UBS mit den USA «nichts verschwiegen».

«Keine Anzeichen für ein Mitwissen»

Die Vorläuferorganisation der Finma, die Eidgenössische Bankenkommission (EBK), erteilte den UBS-Chefs in ihrem 2009 publizierten Kurzbericht zur «Untersuchung des grenzüberschreitenden Geschäfts der UBS mit Privatkunden in den USA» die Absolution. Die EBK habe «keine Anzeichen für ein Mitwissen der obersten Organe der Bank» bezüglich der Machenschaften von UBS-Mitarbeitern gefunden. Die Finma hat «in dieser Sache dem Kurzbericht von 2009 nichts hinzuzufügen», erklärt Finma-Sprecher Tobias Lux dem baz.ch/Newsnet.

Die UBS sieht sich durch die Verhaftung ihres früheren Angestellten Weil nicht tangiert. «Für die UBS ist die Sache seit dem Settlement mit den USA im Jahr 2010 erledigt», sagt Sprecher Christoph Meier. Die UBS zahlte damals ein Bussgeld von 780 Millionen Dollar. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.10.2013, 13:26 Uhr

Artikel zum Thema

Raoul Weil in Italien verhaftet

In einem Luxushotel im Zentrum von Bologna hat die Polizei Raoul Weil festgenommen. Der ehemalige Topmanager der UBS hatte unter seinem richtigen Namen ein Zimmer bezogen. Mehr...

Devisenskandal könnte für die UBS teuer werden

Die Weko führt bereits eine Untersuchung gegen die UBS wegen Absprachen beim Libor. Im Wiederholungsfall sieht das Kartellgesetz eine Verschärfung der Strafe vor. Mehr...

«Grossbanken kann man nicht einfach pleitegehen lassen»

Oswald Grübel machte sich als unbequem auftretender UBS-Chef wenig Freunde bei den Behörden. Nun warnt er im Interview vor den Gefahren einer Bürokratisierung der Banken. Mehr...

Die Anklageschrift gegen Raoul Weil (2008). Zum öffnen des Dokuments auf das Bild klicken.

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...