«Von heute auf morgen ein Geächteter»

Der ehemalige Privatbankier Konrad Hummler über seine Familie, Schicksalsschläge, die Bank Wegelin und wieso er nie «Teil des Kuchens» sein wollte und durfte.

«Aus einer gediegenen Bude knallte ein Feuerwerk»: Konrad Hummler, aufgenommen im Februar 2009, über die Bank Wegelin.

«Aus einer gediegenen Bude knallte ein Feuerwerk»: Konrad Hummler, aufgenommen im Februar 2009, über die Bank Wegelin. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Herr Hummler, Ihr Vater war FDP-Nationalrat, Hochschulpräsident der Universität St. Gallen, ein hochrangiger Offizier, in der Zementindustrie tätig und später Stadtpräsident. Wie sind Sie aufgewachsen?
Meine Familie war sehr kosmopolitisch. Mein Grossvater mütterlicherseits war als Unternehmer häufig in Paris, London und den Vereinigten Staaten. Er war auch im Wahlkampfteam von Theodore Roosevelt, als Schweizer, als Republikaner. Die Familie meines Vaters kam ursprünglich aus Deutschland, namentlich Lindau. Sie sind nach Thun eingewandert. Mein Ururgrossvater war engagiert in der liberalen Bewegung in Deutschland. Er war Bürgermeister von Lindau und sorgte dafür, dass bei der Reichsgründung Lindau nicht den Habsburgern überlassen wird, sondern den liberaleren Bayern. Sein Sohn musste aber Mitte 19. Jahrhundert in die Schweiz umziehen und wurde da Unternehmer. Mein Vater wuchs in dieser unternehmerischen Umgebung auf. Unsere ­Familie war in St. Gallen aber nie ein Teil des Establishments.

Sind Sie heute ein Teil davon?
Nein. Ich sagte mir immer, dass es als Bankier besser sei, kein Teil des ­Kuchens zu sein.

War es eine Ablehnung dieser «arroganten Elite»?
In St. Gallen war dieser Kuchen von Textilern dominiert. Dieser fühlte sich immer sehr wichtig. Wir wollten nie dazugehören. Auch zu Zeiten, als mein Vater im Nationalrat war, wollte er es nicht. Im Gegenteil, da wurde es noch deutlicher. Im Nationalrat damals gab es häufig ein Zusammenspannen zwischen Freisinn und Sozialdemokraten. Vielleicht deswegen.

Stellen Sie im Nachhinein eine sozial­liberale Ader in Ihrer Familie fest?
Mein Vater war ein Vertreter der ­Industrie. Er hatte eine solide Arbeitsmentalität. Bei meiner Mutter ging das schon weiter, das Sozialliberale. Es gab damals in unserem Schulhaus ein Schulbad, in dem sozialbedürftige Familien einmal pro Woche ­duschen konnten. Meine Mutter verlangte von meinen Geschwistern und mir, Anfang Sechzigerjahre, dass wir auch einmal in der Woche dort ­duschen gehen.

Wieso das?
Ihr zufolge sollten die ärmeren Leute nicht den Eindruck haben, dass sich die Familie Hummler für etwas Besseres hält. Ein sehr probates Erziehungsmittel: Die Einstellung ist mir geblieben. Ein weiteres wichtiges Element in unserer Familie war die ­Musik.

Inwiefern?
Mein Vater war ein sehr guter Pianist und ein noch besserer Sänger. Er sang uns Schubert- und Schumann-Lieder am Klavier vor. Mein Bruder spielte Klarinette, meine Schwester Klavier und Orgel und ich Geige. Ich musste nie alleine üben, mein Vater begleitete mich immer.

Sie machten in St. Gallen die Matur. Wie war Ihre Jugend?
Die Kantonsschulzeit war schwierig für mich. Ich hatte zu viele Interessen und konnte nicht alles unter einen Hut bringen. Ich habe immer alles andere gemacht, als man in der Schule gerade machte. Mit Hausaufgaben und Formellernen war ich auf Kriegsfuss.

Was interessierte Sie denn?
Der Jugendchor, die Pfadfinderei, Projekte und das Geigenspiel. Politik natürlich auch. All das war mir immer wichtiger als die Schule.

Danach studierten Sie. Wieso gerade Rechtswissenschaften?
An sich eine Ersatzwahl. Ich wusste, dass mich die Volkswirtschaft interessierte. Ich wollte aber unbedingt aus St. Gallen weg. Mein Vater war Universitätsrat. Man kann nicht bei der eigenen Rekursinstanz studieren, deswegen ging ich nach Zürich. Das Jus-Studium war sicherlich nichts Falsches.

Wie war die Zeit als «Rechter», oder besser gesagt «Nicht-Linker», an der Uni Zürich damals?
Es herrschte Kalter Krieg; wir sahen die Linken als Verräter an der Idee der Freiheit und des Kapitalismus und als Handlanger der Sowjets. Sie ihrerseits sahen in uns Faschos und Herrensöhnchen. Die Auseinandersetzung war gehässig und durch und durch ideologisiert. Am liebsten wäre die Linke gleich zur Revolution geschritten, teilweise tat sie es ja auch in Form der Roten-Armee-Fraktion und den militanten Ablegern der Poch. Von einer zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit intellektuellen Ansprüchen konnte keine Rede sein.

Nach Ihrem Studium gingen Sie in die Staaten. Wie kam das?
Ja, nach Rochester. Das kam so, dass ich im Militär, in einer Baracke, im Oberwallis, beim Zähneputzen, den heutigen Professor für Banking und Finance an der Universität Zürich Martin Janssen gefragt habe, wie es in den USA war (lacht). Er war gerade aus den Staaten zurückgekommen. Und ich fragte ihn um Rat, wohin man in die Staaten gehen sollte.

Wieso wollten Sie unbedingt in die USA?
Ich wollte Abstand von Europa ­haben. Und damals ging in den USA intellektuell die Post ab, das muss man einfach zugeben. Janssen kannte den Wirtschaftsprofessor Karl Brunner. Dieser lehrte in Rochester, so kam ich dorthin. Er sagte immer zu mir, dass ich der erste und letzte Jurist sei, den er aufnehmen würde. Die Juristen denken zu normativ. Er gab mir die Möglichkeit, nicht mehr normativ zu denken. Er brachte mir die Analyse bei.

Wie war die Zeit in den USA?
Es war mein intellektuell produktivstes Jahr. Von morgens früh bis nachts sehr spät habe ich gearbeitet. Ich profitierte extrem. Brunner gab mir damals den Auftrag, eine politikökonomische Studie durchzuführen. Ich musste sehr viel Ökonomie nach­holen.

Wie kam der Einstieg in die Bankwirtschaft?
Beim St. Galler Management-Symposium, das ich leitete, lernte ich viele Menschen kennen. Darunter auch den späteren FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann, der mir vorschlug, in die Bankwirtschaft zu gehen. Ich landete also zuerst bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG).

Wie reagierte Ihr Vater auf Ihren Werdegang?
Mein Vater vertraute mir. Er sagte immer, ich sei gut erzogen und würde deswegen freie Hand haben. Ich fand mich in der SBG ziemlich schnell weit oben und das bestätigte seine Einstellung. Ich wurde Assistent von Robert Holzach, dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten der SBG.

Wie kamen Sie dann zu Wegelin?
Holzach wollte sich mit 65 zur Ruhe setzen. Als Holzachs rechte Hand wurde ich innerhalb von der SBG in eine Kommission delegiert, die eine Strategie für die Neunzigerjahre erarbeiten sollte. Damals hatten wir eine Vision, für die Weiterentwicklung der Strategie der Bank. Diese wurde von der Generaldirektion aber abgelehnt und ich entschied mich auszusteigen, weil die Reise in eine andere Richtung ging, als ich es wollte.

Das war ein Risiko.
Absolut. Zu Wegelin zu gehen war ein grosses Risiko. Ich kam von der Spitze einer riesigen Bank in ein Unternehmen, welches 27 Mitarbeiter hatte. Landete also wieder unten. Eine ­unternehmerische Herausforderung. Ich nahm junges Personal und stellte es ein. Studenten. Zeno Staub beispielsweise. Heutiger CEO von Vontobel. Wir hatten ein sehr gutes Team. Die Neunzigerjahre wurden ein Showcase. Aus einer gediegenen Bude knallte ein Feuerwerk und wir wuchsen rapide an.

Wie reagierten die Leute aus St. Gallen auf Ihren Erfolg?
Das Finanz- und Politikestablishment sah uns als «Neureiche» an. Genfer Privatbankiers klopften mir an Treffen auf die Schulter und gaben sich kollegial, aber es war spürbar, dass sie sich eigentlich fragten, was wir dort machen würden.

Wie war das damals für Sie?
Rückblickend und selbstkritisch muss ich sagen, dass wir manchmal zu schnell waren. Wir wollten allen den ultimativen Beweis liefern, dass wir die Besten sind. Wir «Wegelianer» müssten doppelt so gut und doppelt so schnell wie die Zürcher sein. Wir zahlten auch deutlich tiefere Löhne als die anderen Banken.

Wieso zahlten Sie tiefere Löhne?
Weil alle bei uns arbeiten wollten. Bei uns ging die Post ab, deswegen.

Gab es Konkurrenten, die Sie und die Wegelin «zerstören» wollten?
Vermutlich schon. Aber wir waren immer diejenigen, die frech auf Kundenfang gingen. Wenn es einen ­Finanzskandal gab, waren wir diejenigen, die in diese Wunde Salz streuten und sportlich Kunden abwarben. Das war die schönste Zeit. Ich schrieb damals auch viele Anlagekommen­tare. Wir machten alles, was man ­damals unter Banken nicht machte.

Wieso machten Sie das?
Für mich war das logisch. Ich tat es, um wirtschaftlich Erfolg zu haben und um zu wachsen.

Selbstüberschätzung oder «Grössenwahn»?
Vermutlich wurden wir hinter vor­gehaltener Hand längst als «Bank, die es nicht geben dürfte» gehandelt. Es gibt, nicht nur hierzulande, einen ­Reflex des Kartells der Strukturhüter gegen die Parvenüs. Aber in unserer kleinräumigen Schweiz ist es schwerer als anderswo, auszuweichen. Selbstüberschätzung, Grössenwahn? Wer sich nicht wenigstens ansatzweise in diesen Kategorien bewegt, wird nie Unternehmer werden. Mit Erbsenzählern wird die Welt keinen Fortschritt mehr sehen.

Und plötzlich kam die Klage aus den Staaten. Wie reagierten Sie an diesem Tag?
Über die Nachrichtenagentur Reuters erfuhren wir von der Klage. Der «black swan» war eingetroffen. Zuvor hatten wir noch lange nicht geglaubt, dass es wirklich so schlimm kommen könnte. Nun waren wir aber vorbereitet und hatten einen Notfallplan, den wir sofort einleiteten. Drei Mitarbeiter waren angeklagt. Und uns war klar, dass dieser Klage gegen diese drei Mitarbeiter auch eine Klage ­gegen die Bank ­folgen würde. Ich war aber relativ gelassen in der ganzen Zeit.

Wie konnten Sie denn gelassen sein?
Vier Wochen vor der Klage wurde ich an der Bauchspeicheldrüse untersucht und die Ärzte hatten einen ­Verdacht, dass es Krebs sein könnte. Ende 2011 musste ich also mit meinem Tod rechnen. Das war der ­Moment, an dem ich angefangen habe loszulassen.

Innerhalb kurzer Zeit ging vieles unter für Sie.
Ja. Zunächst starb mein Bruder an einem chirurgischen Eingriff. Dann starb mein Vater, obendrauf mein Schwiegervater. Dann hatte ich die Befürchtung an Krebs erkrankt zu sein. In diese Zeit fielen auch der Tod meiner ersten Enkelin und ein tödlicher Unfall eines Musikers der Bach-Stiftung. Danach kam die Sache mit der Bank.

Würden Sie heute anders handeln, wenn Sie wüssten, dass es so weit kommen wird?
Zum Glück wissen wir das nicht. Aber: Auch so bin ich heute «weiter».

Wie reagierten die Medien und die ­Menschen damals auf die Situation von Wegelin?
Die Medien droschen auf uns ein. Ich war von heute auf morgen ein Geächteter. Auf einmal kam der ganze Neid. Die Menschen, die einen jahrelang auf der Strasse grüssten und dann plötzlich wegschauten, wenn man sie sah.

Konnten Sie sich die Fehler die Wegelin und Sie begangen haben eingestehen?
Absolut. Zu meinen Fehlern stehe ich. Lustigerweise lernte ich das in den Staaten.

Also in jenem Staat, der Wegelin anklagte. Somit schliesst sich der Kreis.
Das ist etwas vom Positivsten der amerikanischen Lebensweise. Wer hinfällt, kann dort immer wieder aufstehen. Das prägte mich sehr. Wir gaben den Fehler vor Gericht zu und bezahlten eine Strafe von 74 Millionen Franken. Jeder begeht Fehler, das ist ein Teil des Lebens. Ich bin aufgestanden und bin nun wieder freier Unternehmer. So ist der Lauf der Dinge. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.05.2014, 12:59 Uhr

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