«Wir müssen noch nicht bei Dignitas anrufen»

Der ehemalige CEO von Tamedia, Martin Kall, sieht für die Basler Zeitung gute Chancen im Markt. Er glaubt, dass in der Branche allgemein zu viel gejammert wird.

«Es wurde mir schon angedichtet, ich selbst würde Gudula Heinrich heissen.» Martin Kall stellt klar, dass er Martin Kall und nicht «Gudula Heinrich» heisst wie die AG, die er gründete.

«Es wurde mir schon angedichtet, ich selbst würde Gudula Heinrich heissen.» Martin Kall stellt klar, dass er Martin Kall und nicht «Gudula Heinrich» heisst wie die AG, die er gründete. Bild: Nicole Pont

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BaZ: Herr Kall, als Sie 2012 als CEO von Tamedia zurückgetreten sind, sagten Sie in einem Interview der NZZ am Sonntag: «Ich fühle mich wie ein Kind vor der Weihnachtsbescherung.» Erzählen Sie uns von Ihren Weihnachten?
Die Weihnachtsbescherung hat die grossen Erwartungen des Kindes erfüllt. Es gab keinen Tag, an dem ich meinem alten Posten nachgetrauert hätte. Ich möchte aber betonen, dass auch Tamedia meinen Weggang keinen Tag betrauerte.

Das wissen Sie ja gar nicht.
Das sagen mir die entscheidenden Leute. Ich habe mittlerweile verschiedene spannende Mandate. Daneben geniesse ich eine Freiheit, wie ich sie seit dem Studium nicht mehr hatte. Letzte Woche war ich bei meiner Mutter, die 93 Jahre alt ist. Ich habe sie im Rollstuhl durch die Stadt geschoben. Da fragte sie: «Wieso sind da heute so viele Menschen?» Ich sagte: «Es ist halt Dienstag.» Dann meinte sie, ich sei zum ersten Mal in 25 Jahren unter der Woche bei ihr. Sie assoziierte mich nur mit Wochenende.

Bleibt das jetzt so bis zu Ihrer Pensionierung oder werden Sie operativ wieder stärker tätig werden?
Meine Bank, die CS, hat jedenfalls reagiert und mir im Januar eine Broschüre geschickt für Leute, die in Rente gehen. Die haben wohl gemerkt, dass sich auf meinem Konto nichts mehr tut. Aber ehrlich, die Pensionierung ist für mich noch weit weg.

Mittlerweile sind Sie auch Unternehmer und Minderheitsaktionär des Schweizer Bauer. Wie kommt es, dass Sie sich an dieser Zeitung beteiligen?
Die Geschichte ist etwas skurril, weil ich als Tamedia-CEO damals den Schweizer Bauer an die OGG, die Ökonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern, selber verkauft habe. Für die Gesellschaft ein sehr mutiger Schritt, denn sie musste grosse Schulden aufnehmen. Im Januar 2013 rief mich dann der Präsident der OGG an. Er meinte: Ich hätte ja nichts zu tun, und schliesslich sei ich es gewesen, der der OGG den Schweizer Bauer so teuer verkauft und ihm eine fantastische Zukunft prophezeit habe – jetzt solle ich operativ helfen. Aus einer guten Zusammen­arbeit ist dann irgendwann die Idee einer Beteiligung entstanden.

Da haben Sie nicht gezögert?
Nein, denn mir ist diese Zeitung sehr sympathisch. Das sind keine Leute, die Renditejagden veranstalten. Die wollen ihre Unabhängigkeit bewahren. Mich interessiert auch die Geschichte: Beim Schweizer Bauer handelt es sich um die älteste Fachzeitung für Landwirtschaft in der Welt. Sie wurde 1846 gegründet.

Als Mehrheitsaktionär haben Sie die Gudula Heinrich AG gegründet. Was ist das für ein merkwürdiger Name?
Ich sage Ihnen das gerne, denn es wurde mir schon angedichtet, ich selbst würde so heissen. Gudula ist der Name einer Tante von mir, die Ministerialdirigentin und Mitglied der SPD war und 1933 von den Nazis abgesetzt wurde. Heinrich hiess ein Onkel von mir, der Oberbürgermeister von Trier war und 1933 von den Nazis faktisch ein Dienstverbot bekam. 1945 haben ihn dann die Engländer als Oberbürgermeister von Duisburg eingesetzt, später war er Mitgründer der CDU. Der Name ist eine Hom­mage an meine Verwandten.

Sie haben der Schweiz als CEO von Tamedia mit 20 Minuten die Gratiszeitungskultur eingebrockt, Sie putzten die kleinen und mittleren Presseunternehmen von der Zeitungslandschaft und Sie haben die ganze Marktmacht der Medien verschoben: Nummer 1 ist seit Ihrem Abgang klar Tamedia. Sind Sie stolz auf Ihr Vermächtnis?
Vermächtnis ist viel zu hoch gegriffen. Die Entwicklungen bei den ­Regionalzeitungen gab es schon vorher. Nehmen Sie Basel: Hier haben Zeitungen schon in den Siebzigerjahren fusioniert. Man kann erst in zehn, zwanzig Jahren sagen, ob das gute Entscheidungen waren, die wir fällten. Derjenige, der selbst involviert war, kann das selber sowieso nie beurteilen. Es war damals, als ich anfing, eine spannende und offene Ausgangslage: Heute könnten auch die Basler Zeitung Medien die Marktstellung von Tamedia haben. Tamedia fällte mutige Entscheidungen.

Geht die Konsolidierung so weiter und haben Regionalzeitungen alleine überhaupt noch eine Überlebenschance?
Ich bin eigentlich gekommen, um die BaZ zu kaufen (lacht). Nein, schauen Sie: In der Schweiz herrschen sehr gute Voraussetzungen für die Zukunft von Regionalzeitungen. Das Land ist sehr wohlhabend, die Ausbildung ist auf einem hohen Niveau, viele Entscheidungen in hoher Kadenz werden regional gefällt. Ich glaube, dass es nach wie vor viele Verlage gibt, die ein gutes Geschäft mit ihren Regionalzeitungen machen, daneben aber vieles tun, das völlig überflüssig ist. Dazu gehören: eine grosse Zeitungsdruckerei betreiben, eigene IT entwickeln, Immobilien besitzen. Die BaZ hat all das abgestossen und sich so erfolgreich aus den Turbulenzen ­manövriert. Ich finde aber auch: Wenn in Basel eine Regionalzeitung nicht mehr in der Lage ist, gut zu wirtschaften und publizistisch zu überzeugen, wo dann? Die Stadt bietet ja alles, was die Publizistik braucht: Wirtschaft, Kultur, Sport, Politik, Wissenschaft – alles ist erster Güte.

Würden Sie einer Regionalzeitung raten, alles auf die Redaktion zu reduzieren?
Abgesehen von der lokalen und regionalen Redaktion und deren Vermarktung muss man zumindest alles zur Disposition stellen. Wir haben beim Schweizer Bauer die Finanzen ausgegliedert an einen Treuhänder. Wir haben die IT ausgegliedert, wir haben den Druck ausgegliedert. All das machen andere kompetenter als wir.

In der Medienbranche herrscht eine Stimmung, als würden wir uns in Kürze vom Leben verabschieden. Gibt es in zehn, zwanzig Jahren noch Zeitungen?
Also mal ehrlich, wer weiss schon, was in zehn Jahren ist? Speziell an der Medienbranche ist, dass wir verwöhnt waren mit wunderbar definierten Regionalmonopolen, hervorragenden Renditen, sodass wir alle von den Verlegern bis zu den Mitarbeitern dachten, es könne nichts passieren. Nun müssen wir akzeptieren, dass wir diese Sicherheiten nicht mehr haben. Und wir müssen den Mut aufbringen zu experimentieren. Ich bin voller Zuversicht: Meine Mutter und viele ältere Menschen lesen weiterhin Zeitung, und es gibt auch jüngere Menschen, die das tun. Wenn nicht auf Papier, dann eben digital.

Sind die Journalisten zu ängstlich?
Wir Medienleute sind eine Gilde von Jammerern. Wir weinen lieber der Vergangenheit nach, als uns auf die Zukunft zu freuen. Der letzte Teil der Medienunternehmen, der vom Strukturwandel erfasst wurde, ist der Journalismus. Journalisten fordern alle möglichen Branchen und Menschen auf, sich zu rechtfertigen, sich zu verändern. Jetzt müssen sich auch die Journalisten fragen und fragen lassen, ob sie ihr Geld eigentlich wert sind. Ich finde das gut.

Heute ist der einzelne Journalist eine Marke. Er wird über den eigenen Namen und nicht mehr nur über den Zeitungs­titel wahrgenommen.
Schauen Sie doch, wie heute Fussball gespielt wird, und vergleichen Sie das mit den 70er-Jahren. Es gibt keine Position mehr, an der man es dulden könnte, jemanden aufzustellen, der nicht gut ist. Das gilt auch für Zeitungen. Der Druck ist immens gewachsen. Der Beitrag des Einzelnen wird noch klarer erkennbar, und er wird wertvoller in der Wahrnehmung.

Was für den Journalisten ja eine gute Sache sein kann, weil er unter Umständen auch mehr Geld verdienen kann.
Ja, absolut. Ich glaube, wir gehen in ein System, in dem es für ausserordentliche Leistungen mehr Geld geben wird. Das ist nicht schlecht. Auch in anderen Kreativitätsbranchen gibt es einen Kampf um die Talente: im Theater, in der Oper, in den Wissenschaften. Selbst an den Universitäten ist das Ranking ein Muss. Der Zahlen- und Rankingfetischismus ist aber noch ziemlich krude, muss ich sagen.

Ein Problem bleibt, dass die journalistischen Inhalte im Netz gratis sind. Auch die Bezahlschranke des Tages-Anzeigers funktioniert nicht. Wir sind noch nie auf die Paywall gestossen.
Sie nutzen es offensichtlich gar nicht, sonst kämen Sie an die Wall.

Doch. Sind Sie schon mal zur Paywall gelangt?
Nein, aber ich habe auch ein Abonnement.

Dann können Sie das vielleicht nur begrenzt beurteilen. Was halten Sie von der Möglichkeit, Artikel einzeln online anzubieten wie Musikstücke auf iTunes?
Natürlich kann man sich Artikel selber zusammensuchen. Aber es wird auch eine Kundengruppe geben, die diese Mühsal nicht auf sich nehmen will. Sie will eine Redaktion haben, die genau diese Arbeit für sie erledigt. Wir sind doch alle dauerbeschäftigt, gehen kaum mehr über ein Tramgleis, ohne unsere Augen auf ein Display zu richten – anstatt auf das Tram, das uns gleich überfahren könnte.

Sie sagen, was in zehn Jahren ist, können wir nicht voraussehen. Gleichzeitig raten Sie, etwas zu riskieren. Konkret: Was müssen wir jetzt riskieren?
Hinter dieser Frage verbirgt sich eben der Wunsch nach einer finalen Antwort, was zu tun ist. Die gibt es aber nicht. Ich bin jetzt 53. In meinem ­Alter gibt es Menschen, die sich sagen: Ich bin vielleicht nicht mehr ganz so fit wie einst, aber ich kann noch ein fantastisches Leben haben und es lohnt sich, in mich zu investieren. Dann gibt es andere, die sich mental schon auf die Rente einstellen – dieser Fall entspricht manchem in der europäischen Medienbranche. Die Medienbranche ist aber noch nicht auf Pflegestation 3, und wir müssen auch noch nicht bei Dignitas anrufen. Im Gegenteil: Es gibt Hunderttausende von Abonnenten, junge Leute rennen uns die Bude ein, weil sie Journalisten werden wollen. Es ist nicht so, dass unser Angebot keiner mehr will.

Experimentelle Zuversicht verbreitet das Online-Portal Watson, in das Peter Wanner 20 Millionen investiert. Kann dieses Unternehmen Erfolg haben?
Ich persönlich würde da nicht investieren. Ich halte es für ausgeschlossen, dass dieses Portal wirtschaftlich funktionieren kann. Das Angebot für Online-News ist in der Schweiz schon gesättigt. Mit Tamedia, Ringier und der NZZ gibt es da schon drei grosse Player, die sich stark und auf hohem Niveau engagieren. Bei den Fachmedien für Bauern beispielsweise gibt es zwei Marktführer, schon für die Nummer drei ist es praktisch ausgeschlossen, Geld zu machen.

Diese Konkurrenten wollen Sie nun in kallscher Manier zur Schnecke machen?
Schnecken gehören zur Landwirtschaft und sie sind eine Köstlichkeit. Aber: nein. Wenn man am Ende Marktführer in einem Markt ist, der nur aus einem selbst besteht, ist das eigentlich traurig. Das macht einen faul, wenig risikofreudig, und es zeigt auch, dass der Markt vermutlich nicht wahnsinnig interessant ist.

Wie konnten Sie sich eigentlich die gute Laune in dieser Branche im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen bewahren?
Das liegt vielleicht an meiner allgemeinen Mentalität. Ich finde, man sollte nicht in einer Branche arbeiten, wenn man keine Freude hat. Sie gehen in ein Restaurant, und man sagt Ihnen um 13.45 Uhr: Die Küche ist schon geschlossen. Sie gehen in Geschäfte von Luxuslabels und haben das Gefühl, das Personal betrachtet Sie als Störung des allgemeinen Ambientes. Es ist in jeder Branche gleich: Es braucht Begeisterung! Der Leser muss den Eindruck haben, dass wir Zeitungen mit grosser Leidenschaft, und Zuversicht machen. Dieses depressive Herumnörgeln ist schrecklich und geschäftsschädigend. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.05.2014, 10:58 Uhr

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