«Die Klimadebatte hat nur sehr geringen Einfluss»

Der Klimastreik läuft, und Fliegen wird verteufelt. Trotzdem melden Flughafen Zürich und Swiss weiter Rekordzahlen.

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Die Rekorde überschlagen sich. Nicht nur jene der Temperaturen, weil es auf der Erde wärmer wird, sondern auch jene der Passagierzahlen am Flughafen Zürich. Letztes Jahr flogen erstmals über 30 Millionen Reisende über Kloten, davon stammten über 22 Millionen aus der Schweiz und den Grenzregionen. Der Flughafen meldete diese Woche Rekordumsätze, die Swiss Rekordgewinne. Und Sorgen bereiten dabei vor allem die Verspätungen und das Chaos am Himmel. «Die Flughäfen in Europa sind am Limit und können nicht mit dem steigenden Reisebedürfnis der Menschen mithalten», warnte Swiss-CEO Thomas Klühr an der Pressekonferenz vom Donnerstag.

Gleichzeitig gehen heute weltweit hunderttausende Menschen für mehr Umweltschutz auf die Strasse. Ein Feindbild des Klimastreiks: das Fliegen. Die junge Schwedin Greta Thunberg ist das Gesicht der Proteste, sie begann schon vor Monaten mit ihrem Streik vor dem schwedischen Parlament, daraus ist innert Kürze eine globale Bewegung geworden. Thunberg reist nur mit dem Zug, fordert den Flugverzicht und wurde diese Woche für den Friedensnobelpreis nominiert.

In der Schweiz gab es noch vor Weihnachten die ersten Schülerstreiks; das Klima-Thema ist so dominant, dass selbst FDP-Präsidentin Petra Gössi ihre wirtschaftsfreundliche Partei auf Umweltschutz trimmen will. Grünen und Grünliberalen werden bei den Kantonswahlen in den nächsten Wochen und bei den Nationalratswahlen im Herbst Gewinne vorausgesagt. Der Ruf nach Flugverzicht wird lauter, Politiker sollen auf Europareisen nicht mehr fliegen, alle anderen am Besten auch nicht.

Immer mehr Passagiere und Flüge

Am Flughafen Zürich ist davon wenig zu spüren. Im Januar verzeichnete man 5,8 Prozent mehr Passagiere als im Vorjahresmonat, im Februar noch 3,4 Prozent. Das Bedürfnis nach globaler Mobilität hält an, sagt Mediensprecherin Jasmin Bodmer dazu. Der Flughafen rechnet für das Jahr 2019 und darüber hinaus aber etwas konservativer, mit einem Wachstum von 3 Prozent bei den Passagierzahlen und 1,5 Prozent bei den Flugbewegungen. «Die Klimadebatte hat gemäss unserer Einschätzung aber nur sehr geringen Einfluss darauf», sagt Bodmer.

Die Passagierzahlen nehmen in Kloten stetig zu, unterbrochen wurde dieser Trend nur durch das Swissair-Grounding 2001. Die Flugbewegungen schwanken seither, sind nun aber im Aufwärtstrend. Grafik: Patrick Vögeli

Flughafen-CEO Stefan Widrig glaubt nicht an eine Trendumkehr in der Luftfahrt. Gerade die Jungen würden kaum weniger fliegen, selbst wenn die Ticketpreise künstlich verteuert würden. «Eine Flugsteuer wird nicht dazu führen, dass in einer immer stärker vernetzten Gesellschaft weniger geflogen wird», sagte Widrig an der Jahresmedienkonferenz von letztem Dienstag.

Davon geht auch die Swiss aus, wie deren CEO Thomas Klühr an der Jahres-Medienkonferenz letzten Mittwoch sagte. Die wichtigste Fluggesellschaft in Kloten rechnet im Sommer mit mehr Passagieren als im Rekordjahr 2018. Sie will neue Flugzeuge einflotten und bald zwei neue Langstrecken-Destinationen bekannt geben.

Damit die Emissionen dabei nicht ausarten, schwärmt Swiss-Chef vom CO2-Kompensationsprogramm Corsia (Carbon Offsetting and Reduction Scheme). Darin setzen sich die Mitgliedsstaaten der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (Icao) CO2-Ziele, auch die Schweiz gehört dazu. Ab diesem Jahr müssen die CO2-Emissionen erfasst werden, ab 2021 sollen die Airlines einen Teil davon auch kompensieren müssen.

Anteil global: 0,6 Prozent

Ob in der Schweiz nun mehr oder weniger geflogen wird, hat auf die globale CO2-Bilanz aber ohnehin nur wenig Einfluss. Der weltweite Anteil der CO2-Emissionen durch die Luftfahrt beträgt rund 3 Prozent – das gesamte Transportwesen verbraucht rund 24 Prozent, davon fällt mit knapp 18 Prozent der Grossteil auf die Strasse.

Für die Schweiz sieht das zwar leicht anders aus, der Flug- und Schiffsverkehr hat einen Anteil von knapp 10 Prozent am gesamten CO2-Ausstoss. Weltweit betrachtet, beträgt der Schweizer Anteil am globalen Luftverkehr bezüglich Emissionen aber nur gerade 0,6 Prozent – 5 Millionen Tonnen Schweizer CO2 stehen 781 Millionen Tonnen weltweit gegenüber.

Neue Flugzeuge, neue Technik

Der Anteil soll aber reduziert werden. Die Swiss will das über neue, energieeffiziente Flugzeuge machen. So sollen die veralteten Airbus A340, die mit vier Triebwerken viel Treibstoff verbrauchen, bald durch A350 oder Boeing 787 abgelöst werden. Die Swiss erhält damit eine weissere Weste, durch die neue Technologie sei man in Zürich in den letzten Jahren CO2-neutral gewachsen, sagte CEO Klühr an der Jahres-Medienkonferenz.

Die alte Technologie verschwindet aber nicht einfach so, wie die Vergangenheit zeigt, sondern wird von anderen Airlines weiterbenützt: Als die Swiss ihre Flotte mit der Boeing 777 erneuerte, wanderten die A340 teilweise zur Schwestergesellschaft Edelweiss.

Es gibt aber auch Bemühungen der gesamten Branche: Neu entwickelte Flugzeuge müssen Grenzwerte einhalten, schon ab 2020 greifen diese.

Flughafen senkt CO2-Ausstoss

Der Flughafen selber bemüht sich ebenfalls um weniger CO2-Ausstoss, was gemäss dem eigenen Klimareport auch gelingt. Von einst über 50'000 Tonnen CO2 im Jahr 1990 konnte dieser Wert trotz mehreren Ausbauten und Passagierzuwachs auf unter 30'000 Tonnen gesenkt werden. Bis 2030 sollen es gar nur noch etwas über 20'000 Tonnen sein, wie Mediensprecherin Jasmin Bodmer bestätigt.

In der Luftfahrt sei das Ziel des Flughafens nicht möglichst viel Verkehr, sondern möglichst viele Direktverbindungen. Dafür wolle man eine adäquate Infrastruktur zur Verfügung stellen.

Schüler: «Ausnahmen sollten möglich sein»

Die Feststellung bleibt: Trotz wachsender Klimaschutz-Bewegung wird in der Schweiz munter weitergeflogen. 2018 mehr als je zuvor, und auch 2019 zeigt der Trend nur nach oben. Der Grund dafür ist einfach, wie der Zürcher Schüler und Klimaaktivist Jonas Kampus im Interview sagt: «Solange das Fliegen viel billiger ist als das Zugreisen, ist es ja logisch, dass die Leute viel fliegen.»

Und selbst die Schweizer Maturanden, welche an ihren Gymnasien ein Flugverbot erkämpften, möchten privat nicht auf Flugreisen verzichten, wie einer der Aktivisten erklärt: «Ausnahmen sollten möglich sein. Auch wenn wir uns fürs Klima einsetzen, sollten wir unser Leben noch geniessen dürfen.»

Klühr: Weniger Umwege fliegen

In einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» spielt Swiss-CEO Thomas Klühr auf diesen Punkt an. «Die Jungen fliegen einfach mehr als die ältere Generation», stellt Klühr fest. Man sei globaler geworden, studiere im Ausland und habe dort Freunde. Er stelle sich deshalb die Frage, wie sich die Jungen die Mobilität in den nächsten Jahrzehnten vorstellten. «Ich finde das Engagement der Klimastreik-Jugend stark, aber es muss auch erlaubt sein, Fragen zu stellen», sagt Klühr.

Eine mögliche Antwort liefert Klühr gleich selbst: Ein einheitlicher Luftraum in Europa würde effizientere Routen ermöglichen. Heute müssten Flugzeuge oft Umwege fliegen. Für Klühr ist der Single European Sky das grösste Klimaschutzprojekt in Europa – 12 Prozent der Flugemissionen könnten damit eingespart werden, sagt er im Interview.

Flughafen: «Zug ist geeignetes Verkehrsmittel»

Am Flughafen Zürich ist man sich bewusst, dass der Klimawandel eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit ist. «Die Lösung beginnt bei unserem eigenen Konsum, und in dieser Hinsicht ist auch ein bewusster Umgang mit dem eigenen Reiseverhalten sinnvoll», sagt Mediensprecherin Bodmer. «Wichtig ist aber auch, zu verstehen, dass Klimaschutz nur wirksam ist, wenn die grossen weltweiten Verbraucher eingebunden sind, weshalb es zwingend globale Lösungen braucht.»

Der Flughafen weist auch auf weitere Effekte hin. «Die Wirtschaft, der Tourismus sowie der Technologie- und Forschungsplatz Schweiz benötigen möglichst viele interkontinentale Direktziele», sagt Jasmin Bodmer. «Eine Einschränkung des Flugbetriebs würde uns wie auch dem Wirtschaftsstandort Schweiz schaden», erklärt die Mediensprecherin. Aber auch der Flughafen gibt zu: «Innerhalb von Europa ist sicherlich auch der Zug ein geeignetes Verkehrsmittel.»

Ob der Betrieb in Kloten denn auch nur mit Langstreckenverbindungen funktionieren würde, verneint Bodmer allerdings. «Die Langstreckendestinationen sind auf den Umsteigeverkehr und eine starke Wettbewerbsfähigkeit angewiesen», sagt die Sprecherin. Diese Transferpassagiere machen derzeit rund 28 Prozent aller Reisenden aus. 72 Prozent kommen also aus der Schweiz und den Grenzregionen, das waren 2018 über 22 Millionen Passagiere. Knapp 9 Millionen waren nur zum Umsteigen am Flughafen Zürich, und diese brauche es weiterhin, sagt Bodmer: «Ein Einbruch der Umsteigepassagiere hätte einen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit von Langstreckenangeboten.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 17:37 Uhr

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