Erdrücken Swisscom und Post die Kleinen?

Sie sind gross, potent und ganz oder mehrheitlich im Besitz des Bundes: Wovor der Seco-Chefökonom warnt, wenn er über Swisscom und die Post spricht.

Was braucht es, um gegen die Grossen zu bestehen? Die Hightech-Werkstatt Fab Lab in Winterthur. (4. August 2015) (Bild: TA/Dominique Meienberg)

Was braucht es, um gegen die Grossen zu bestehen? Die Hightech-Werkstatt Fab Lab in Winterthur. (4. August 2015) (Bild: TA/Dominique Meienberg)

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Mit überraschend kritischen Worten liess sich gestern Seco-Chefökonom Eric Scheidegger zitieren: In einem Interview mit der «SonntagsZeitung» äusserte er seine Sorge darüber, dass sich «dominante bundesnahe Unternehmen» stark in den neuen Märkten der digitalen Wirtschaft ausbreiteten. Und er nennt Beispiele: etwa die Swisscom, die letzte Woche ein Joint-Venture mit Ringier und der SRG für die Vermarktung ihrer Werbeplätze verkündete; die Post mit ihren elektronischen Patientendossiers sowie die Postfinance mit ihren Bemühungen beim Aufbau eines mobilen Zahlungssystems. Es sind bemerkenswerte Aussagen aus dem Mund eines Vertreters der Bundesverwaltung.

Langer Gang, potenter Player: Swisscom-Hauptsitz in Bern.

Jean-Marc Hensch vertritt als Geschäftsleiter beim Verband der Informations-, Kommunikations- und Organisationstechnik-Anbieter (Swico) jene Unternehmen, die sich gegen die mächtigen Player behaupten müssen. Er begrüsst die Diskussion, will aber den Schwarzen Peter nicht einseitig Swisscom & Co. zuschieben: «Es ist völlig nachvollziehbar, dass auch grosse bundesnahe Unternehmen in neue Märkte einsteigen – insbesondere wenn die traditionellen Geschäftsfelder rückläufig sind.» Die Unternehmen besässen alles, worauf es ankomme – Know-how, Netzwerk, Kundendaten – diese Trümpfe gelte es zu nutzen. «Der Fehler liegt nicht bei der Firma, sondern beim Eigner», sagt Hensch. Sprich, im Falle der Post und der Swisscom: beim Bund als alleiniger bzw. grösster Aktionär. Seine Forderung: Der Staat als Aktieninhaber sollte in einer Eignerstrategie die Aktivität seiner Firmen steuern und könnte diese auf einzelne Geschäftsfelder einschränken. Hensch spricht sich gegen eine politische Regulierung aus: «Es braucht kein Gesetz, das hoheitlich für alle Unternehmen gilt. Der Eigner soll spezifisch für das einzelne Unternehmen handeln.» Geschehe dies nicht, müsse die Politik dem Bund den entsprechenden Auftrag erteilen.

Eine staatliche Regulierung lehnt auch Jean-Pierre Vuilleumier ab. Er leitet die Investorenvereinigung CTI Invest für Jungunternehmer. Konkurrenz durch grosse halbstaatliche Unternehmen sei indes kein Problem, sagt Vuilleumier. Im Gegenteil: «Neue Player auf dem Markt sind begrüssenswert. Konkurrenz belebt das Geschäft.» Start-ups würden vom Wissen und Marktzugang der grossen Mitbewerber profitieren oder könnten sich später zu einem guten Preis aufkaufen lassen. Vuilleumier fordert jedoch mehr staatliche finanzielle Unterstützung für neu gegründete Hightech-Firmen, etwa mittels eines durch die Pensionskasse gespiesenen Fonds. «So könnten Start-ups auch grossen Firmen die Stirn bieten, und die guten Leute würden nicht ins Ausland abwandern.»

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Etablierte bundesnahe Unternehmen drängen in den Markt der digitalen Wirtschaft.





Swico-Geschäftsleiter Jean-Marc Hensch weist zudem auf die schwierige Position grosser Unternehmen hin. Denn sie bewegen sich im Spannungsfeld zwischen nationaler und globaler Geschäftstätigkeit: In der Schweiz dominieren sie den Markt, im internationalen Vergleich mit Firmen wie Apple oder Facebook sind sie unbedeutend. Die Zusammenlegung ihres Werbeverkaufs bezeichneten SRG, Swisscom und Ringier letzte Woche auch als Reaktion auf die marktbeherrschende Stellung der US-Giganten im digitalen Werbemarkt. «Soll man die Aktivitäten von Swisscom, SRG und Ringier in der Schweiz nun einschränken, nur weil sie sich international orientieren?», sagt Hensch und verweist auf die Weko, die den Deal noch bewilligen muss. Allerdings dürfe es auch keinen Freipass für grosse Unternehmen geben, in der Schweiz alle andere Akteure an die Wand zu drücken. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2015, 14:55 Uhr

Eric Scheidegger ist Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik und Stellvertretender Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Bild: www.seco.admin.ch

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