«Meine Zuversichtskurve zeigt steil nach oben»

Severin Schwan über die Zukunft von Roche, den Traum vom ewigen Leben und die Schweiz als zweite Heimat

Von Innsbruck nach Basel: Severin Schwan (50), seit 25 Jahren bei Roche, seit zehn Jahren als CEO.

Von Innsbruck nach Basel: Severin Schwan (50), seit 25 Jahren bei Roche, seit zehn Jahren als CEO. Bild: Florian Bärtschiger

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BaZ: Herr Schwan, der medizinische Fortschritt lässt die Lebenserwartung immer weiter steigen. Sie selbst haben drei Kinder. Wie lange werden Ihre Enkel und Urenkel leben?
Severin Schwan: Ich hoffe bis 100. Das dürfte jedenfalls in Zukunft keine Seltenheit mehr sein. Aber das Entscheidende ist nicht die Lebensdauer an sich, sondern die Lebensqualität. Wir wollen gesund älter werden. Da hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Unsere Grosseltern waren mit 60 oder 70 alt, heute sind die meisten Menschen in dem Alter topfit. Diese Entwicklung wird weitergehen, aber nicht ewig. Irgendwann ist Schluss.

Der Tod lässt sich nicht in Schach halten …
So ist es. Wir werden den Tod nie überwinden.

Es ist ein uralter Menschheitstraum.
Aber ist es auch ein schöner Traum? Das Leben ist lebenswert, weil es begrenzt ist – davon bin ich überzeugt. Wir arbeiten bei Roche natürlich daran, das Leben der Menschen zu verlängern. Der Fortschritt ist gewaltig. Aber wir kennen auch dessen Grenzen.

Wo zeigt sich der Fortschritt?
Ein gutes Beispiel ist die Krebsimmuntherapie: Das körpereigene Immunsystem zerstört Krebszellen, unterstützt von Medikamenten. Eine faszinierende Entwicklung mit grossartigem Potenzial. Wenn alles klappt, wie wir es uns vorstellen, wird es künftig möglich sein, Krebs zu heilen, der bereits Metastasen gebildet hat. Das galt bis vor nicht allzu langer Zeit als unmöglich. Wir stecken mitten in einer medizinischen Revolution.

Ein ehemaliger Roche-Manager wurde jüngst mit der Aussage zitiert, das Unternehmen habe die Entwicklung in der Krebsimmuntherapie verschlafen.
Natürlich wollen wir überall die Ersten sein, auch wenn das nicht immer gelingen kann. Aber wir haben aufgeholt und mit Tecentriq ein Medikament lanciert, das bereits bei Blasen- und Lungenkrebs eingesetzt wird. Wir testen es auch bei anderen Krebsarten wie Brustkrebs. Die ersten Daten, die wir erhalten haben, stimmen uns zuversichtlich.

Sie brauchen dringend neue Einnahmequellen, weil die Patente auf drei Blockbuster auslaufen oder ausgelaufen sind. Ihnen drohen 40 Prozent des Umsatzes wegzubrechen, über 20 Milliarden Franken jährlich. Analysten sagen, das sei in der Geschichte der Branche einmalig.
Es ist zumindest in der Geschichte von Roche einmalig. Dass Patente auslaufen, gehört zum Geschäft, aber in dieser Häufung haben wir das noch nicht erlebt. Gleichzeitig sind wir so produktiv wie nie. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren sechs Medikamente auf den Markt gebracht, darunter sehr wichtige – das ist ein riesiger Erfolg. Normalerweise lanciert man in dem Zeitraum zwei, drei, vielleicht vier neue Produkte. Zudem haben wir eine Pipeline mit 15 Medikamenten, die ein spätes Entwicklungsstadium erreicht haben. Das ist ein Rekordwert.

Werden Sie damit den Umsatzrückgang bei den Blockbustern kompensieren?
Ich bin zuversichtlich, dass wir weiter wachsen werden.

Sie werden den Umsatzrückgang also überkompensieren?
Natürlich gibt es immer gewisse Unsicherheiten. Nicht alle 15 Medikamente, die jetzt in der späten Entwicklung stehen, werden auf den Markt kommen. Aber Stand heute bin ich zuversichtlich, dass wir den Umsatz steigern werden, ja.

Das klang an der Bilanzmedienkonferenz im Februar noch anders. Was hat sich in der Zwischenzeit geändert?
Ich sehe, wie sich unsere neuen Produkte entwickeln. Wir gewinnen Marktanteile und schneiden in Studien hervorragend ab. Ocrevus ist sogar eine der erfolgreichsten Lancierungen in der Geschichte der Pharmaindustrie, zunächst in den USA und jetzt auch in anderen Ländern. Es wird eingesetzt in der Therapie von Multipler Sklerose. Das ist für uns ein völlig neuer Bereich.

Gibt es weitere Beispiele?
Nehmen Sie Hemlibra, ein Medikament gegen die Bluterkrankheit. Da konnten wir gerade ausgezeichnete Studienergebnisse präsentieren. Es wird das Leben der Patienten entscheidend verbessern. Oder Alecensa, ein Medikament gegen eine bestimmte Form von Lungenkrebs, dessen Langzeitdaten fantastisch sind. Damit werden wir einen neuen Therapiestandard setzen. Oder Perjeta, ein Medikament gegen Brustkrebs, mit dem wir zweistellige Wachstumszahlen erzielen. Es gab viele gute Nachrichten in jüngster Zeit.

Im Februar sprachen Sie von einem Gewinnwachstum zwischen «null und einem niedrigen einstelligen Wert». Der Aktienkurs von Roche liegt auch deshalb über zehn Prozent tiefer als Anfang Jahr. Waren Sie damals zu pessimistisch?
Nein, auch wenn ich nicht gerne auf Vorrat optimistisch bin. Die Situation präsentierte sich damals anders als heute. Wenn ich meine Zuversichtskurve über die letzten Monate anschaue, kann ich sagen: Sie zeigt steil nach oben.

Der Umbau des Portfolios ist vor allem eine operative Aufgabe. Was fordert Sie strategisch? Wohin steuert Roche in den nächsten Jahren?
Das grosse Thema ist die Digitalisierung. Wenn Sie Ihren Arzt besuchen, zieht er wahrscheinlich immer noch ein Dossier aus der Schublade und macht sich dort Notizen. Das wird verschwinden, keine Frage. In der klinischen Praxis werden immer mehr Daten elektronisch erfasst. Es entsteht ein riesiger Datenschatz, der für die Entwicklung neuer Medikamente von unschätzbarem Wert ist. Darauf müssen wir reagieren.

Das heisst, Sie gründen übernächste Woche ein Facebook für medizinische Daten?
Hm.

Sie zögern.
Ja, denn es geht uns nicht darum, die Daten zu besitzen. Entscheidend ist, dass wir darauf zugreifen können. Das wird eher in Kooperationen geschehen, mit Ärzten oder Spitälern, aber auch mit Patienten oder staatlichen Stellen. Wir wollen nicht die Daten an sich kommerzialisieren, sondern damit unsere Produkte verbessern. Das ist ein Unterschied zu Facebook.

Was ist das Ziel: eine Plattform, an der die ganze Gesundheitsbranche teilhaben kann?
Ich glaube, es wird sogar mehrere Plattformen geben, je nach Krankheit. Wir haben zum Beispiel eine Software entwickelt, die Ärzte bei der Behandlung komplexer Krebserkrankungen unterstützt. Sie trägt relevante Informationen zusammen: Wie ist der Tumor genetisch beschaffen? Was sagt die wissenschaftliche Literatur? Alles, was helfen kann, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Das ist aber nur ein Aspekt. Indem die Software mit Patienteninformationen und Therapieergebnissen gefüttert wird, lassen sich Muster erkennen, die wiederum helfen, die Medikamente zu verbessern. Das ist für uns entscheidend. Wir stehen vor ganz neuen Möglichkeiten. Die Digitalisierung verändert in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren alles, auch unser Unternehmen.

Wie zeigt sich das konkret?
Roche ist geprägt von Biologen, Chemikern und Medizinern. Das wird zwar auch künftig so sein, aber wir brauchen jetzt zum Beispiel auch Experten für künstliche Intelligenz, die mit riesigen Datenbanken arbeiten können. Unser Geschäftsmodell, das auf Pharma und Diagnostik beruht, bekommt eine neue Dimension: das Datenmanagement.

Bietet die Schweiz dafür gute Voraussetzungen?
Sie bietet dafür eigentlich beste Voraussetzungen, allein schon mit der ETH. Trotzdem ist es so, dass viele Talente früher oder später in die USA gehen. Das gilt aber für alle europäischen Länder.

Warum ist das so?
Europa ist fragmentiert. Das ist oftmals ein Vorteil – ich bin ein Befürworter des föderalen Systems –, aber wenn es um Big Data geht eben ein echter struktureller Nachteil. Nehmen Sie das elektronische Patientendossier: Das nützt den Patienten wirklich, das kann niemand bestreiten. Aber in Europa dauert es viel zu lange, bis eine solche Idee umgesetzt ist. Die USA sind da schneller.

In Europa hat der Datenschutz einen anderen Stellenwert.
Der Datenschutz ist wichtig, lässt sich aber regeln. Schauen Sie, die Digitalisierung ist eine Realität, ob wir wollen oder nicht. Würden die Europäer vorangehen, könnten sie diese Realität immerhin nach ihren kulturellen Vorstellungen mitprägen. Und das Abseitsstehen hat natürlich wirtschaftliche Folgen. Das sehen sie ja auch bei Roche.

Wo genau?
Wir haben in den USA für zwei Milliarden Dollar ein Unternehmen namens Flatiron gekauft, das sich mit dem Datenmanagement in der Krebstherapie beschäftigt. Ein solches Unternehmen hätte in Europa gar nicht entstehen können, einfach weil die Daten dafür nicht vorliegen. Das kann sich wiederholen und wiederholen, und irgendwann werden wir vielleicht nach links und rechts schauen und uns wundern, wo die ganzen Unternehmen geblieben sind.

Sie übertreiben …
Nein. Das geschieht natürlich nicht über Nacht, und die Schweiz ist auch gut positioniert, aber man muss aufpassen, dass man den Anschluss nicht verpasst. Wenn wir heute in Europa über die Digitalisierung reden, erinnert mich das manchmal an die Neunzigerjahre, als man über die Gentechnologie stritt.

Tatsächlich?
Jetzt übertreibe ich wirklich ein bisschen, aber viele sahen damals schon geklonte Zombies durch die Strassen wanken. Die Schweiz entschied sich in einer Volksabstimmung zum Glück gegen ein Technologieverbot. Wäre es anders herausgekommen, gäbe es Roche in der heutigen Form nicht.

Warum nicht?
Wir erzielen 70 Prozent des Umsatzes mit Produkten, die biotechnologisch hergestellt werden, davon viele auch in der Schweiz. Wäre das verboten, würden wir hier nicht mehr viel investieren. Die Biotechnologie hat unsere Branche verändert – und die Digitalisierung wird das auch tun.

Sehen Sie politische Initiativen, die Roche ähnlich treffen könnten wie seinerzeit die Forderung nach einem Gentechverbot?
Am Ende ist ein Unternehmen so stark wie seine Mitarbeiter, da hat sich meine Meinung über die Jahre nur gefestigt. Wir sind angewiesen auf Innovation und damit auf Talente, die diese Innovation hervorbringen. Sie können sagen, das sei offensichtlich, aber manchmal muss man die Leute an das Offensichtliche erinnern.

Sie meinen die Personenfreizügigkeit mit der EU?
Genau, oder sagen wir: die Offenheit. Die besten Leute der Welt sollten die Möglichkeit haben, hierherzukommen. Das war immer eine Stärke der Schweiz, ein Grund für ihren Erfolg.

Ginge das nicht auch ohne Personenfreizügigkeit? Sie sind ja das beste Beispiel dafür: Als Sie in den Neunzigerjahren als Österreicher nach Basel kamen, steuerte die Schweiz ihre Zuwanderung noch mit Kontingenten.
Das war weniger einfach, als man heute vielleicht denkt. Ich bewarb mich bei Unternehmen in ganz Europa, darunter auch bei mehreren in der Schweiz, und einige schrieben mir zurück, sie könnten mir keine Stelle anbieten, weil ihr Kontingent ausgeschöpft sei. Und wenn ich heute erlebe, wie bürokratisch die Verfahren mit den Drittstaatkontingenten sind …

Haben Sie Probleme, Leute aus Drittstaaten anzustellen?
Wir nicht, aber für kleinere und mittelgrosse Unternehmen ist es schwieriger.

Die Personenfreizügigkeit mit der EU ist das eine, das Rahmenabkommen das andere. Christoph Franz, der Präsident von Roche, sagte kürzlich, ohne Rahmenabkommen entginge dem Unternehmen ein dreistelliger Millionenbetrag.
Natürlich ist es für Roche wichtig, dass die Schweiz gute Beziehungen mit der EU unterhält. Ideal wäre ein Abkommen, das Augenhöhe zwischen den Partnern garantiert, aber die Unabhängigkeit und Neutralität der Schweiz wahrt. Ihre Selbstständigkeit hat sich bewährt. Es ist jetzt die Aufgabe der Politiker, etwas Gescheites auszuhandeln. Dass das nicht so einfach ist, ist mir klar.

Sie leben schon lange in der Schweiz. Haben Sie sich je überlegt, Schweizer zu werden?
Ich kann mir das gut vorstellen. Aber ich bin gebürtiger Österreicher, und das werde ich immer bleiben, und das wird man auch immer hören.

Tiroler eigentlich.
Na, im Ausland definieren wir uns eher als Österreicher. Aber Sie haben recht: In Österreich bezeichne ich mich als Tiroler. Jedenfalls ist mir die Schweiz zur zweiten Heimat geworden. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass wir in der Schweiz gar nicht realisieren, wie gut wir es hier haben.

Wann zum Beispiel?
Wenn Sie in Innsbruck aufwachsen, haben Sie den Patscherkofel hinter sich und die Hungerburg vor sich. Sie sitzen in der Enge. Ich wollte immer ausbrechen und in einem internationalen Umfeld arbeiten. Die Schweiz bietet einem jungen Menschen, wie ich einer war, ganz andere Möglichkeiten als Österreich. Dort gibt es kaum Unternehmen, die wirklich global tätig sind, hier schon. Wenn Sie mit einem Schweizer reden, sagt er: «Wir haben kleine, mittlere und grosse Unternehmen, das ist ganz normal.» Als Österreicher sage ich dann: «Nein, das ist nicht normal.»

Die Schweizer halten allzu viel für selbstverständlich?
Dass man die Dinge um sich herum nicht immer genug wertschätzt, ist menschlich. Manchmal muss man etwas erst verlieren, bevor man merkt, wie wichtig es ist.

Gibt es Szenarien, die einen Wegzug von Roche vorsehen?
Nein, gar nicht. Das würde, wenn überhaupt, ganz langsam geschehen, indem die Investitionen nicht mehr hier erfolgen, weil es sich nicht mehr lohnt. Aber die Schweizer tragen Sorge zu ihrem Standort. Es gibt einen echten Bürgersinn. Dass man hier sogar über Steuern abstimmt, konnte ich anfangs nicht glauben. Ich bin in einem politischen Haushalt aufgewachsen, wo ein gewisses Ohnmachtsgefühl vorherrschte, weil die Politik in Wien gemacht wurde. Als ich in die Schweiz kam, war das ein Gefühl, als ob ich frische Luft atmete.

Das heisst, Sie werden noch eine Weile hier bleiben?
Ja, sogar sehr gerne.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 02.06.2018, 07:55 Uhr

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