Schweizer Passagieren entgehen bis zu 100 Millionen Franken

Fluggesellschaften müssen Passagiere bei Streiks entschädigen. Das hat das oberste EU-Gericht entschieden. Nur müssen Kunden ihre Rechte auch einfordern.

An Schweizer Flughäfen waren im letzten Jahr 276'000 Passagiere von Verspätungen betroffen.

An Schweizer Flughäfen waren im letzten Jahr 276'000 Passagiere von Verspätungen betroffen. Bild: Siggi Bucher/Keystone

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So werden die Ferien zum Frust. Stundenlanges Warten am Flughafen wegen Verspätungen strapazieren jedes Jahr die Nerven Tausender Schweizer Reisenden. Einen Trost gibt es: Airlines müssen Passagiere bei längeren Verspätungen mit bis zu 600 Euro entschädigen. Dies gemäss europäischem Fluggastrecht, das auch für die Schweiz gilt. Dank einem neuen Gerichtsurteil können nun noch mehr Passagiere von diesem Recht Gebrauch machen.

Bei nicht angekündigten Streiks weigerten sich Airlines bisher, Entschädigungen zu zahlen. Dies mit Verweis auf aussergewöhnliche Umstände, die sie von Zahlungen befreien. Ein Gerichtsurteil des Europäischen Gerichtshofs macht mit dieser Praxis Schluss. Die Luxemburger Richter urteilten am Dienstag, dass ein «wilder Streik» die Fluggesellschaften nicht von Zahlungen befreit.

Im konkreten Fall ging es um die deutsche Airline Tuifly. Nachdem die Gesellschaft im Herbst 2016 Umstrukturierungen ankündigte, meldeten sich fast 90 Prozent der Piloten und 60 Prozent der Flugbegleiter krank. Mehr als 100 Flüge fielen dadurch aus. Nun muss Tuifly bezahlen. Meinungsverschiedenheiten sind laut den EU-Richtern bei Umstrukturierungen nicht ungewöhnlich.

Das Urteil kann für alle Airlines teuer werden

Die Airline fliegt im Sommer ab Basel verschiedene Ferienorte in Spanien, Griechenland und der Türkei an. Doch das Urteil kann auch für andere Airlines teuer werden. Denn von Verspätungen und Annullierungen geplagte Passagiere dürfen Entschädigungen bis zu drei Jahre rückwirkend einfordern. Dank dem jüngsten Gerichtsurteil haben solche Ansprüche gute Chancen. «Durch das Urteil werden nun Tausende bereits geschlossene Fälle wieder geöffnet», sagt Christian Nielsen, Rechtschef des Fluggasthelferportals Airhelp. Den Fluggesellschaften drohe nun eine Klagewelle.

Passagiere können ihre Ansprüche über Onlineportale wie Refund.me, Airhelp oder Euclaim zurückfordern. Die behalten allerdings bis zu 50 Prozent der Entschädigungssumme als Provision. Ein anderer Weg, um an Schadenersatz zu kommen, führt über die Airlines direkt. Antwortet die Fluggesellschaft nicht oder weigert sie sich zu zahlen, können Passagiere beim Bundesamt für Zivilluftfahrt online eine Anzeige erreichen. Klappt es auch auf diesem Weg nicht, haben Geschädigte immer noch die Möglichkeit, auf die Hilfe von Internetportalen zurückzugreifen. Denn immer wieder versuchen Airlines, sich mit juristischen Spitzfindigkeiten vor Zahlungen zu drücken.

Schweizer Passagiere haben Anrecht auf 100 Millionen Franken

Nicht in jedem Fall sind die Airlines in der Pflicht. Bei Unfällen, Unwetter oder medizinischen Notfällen müssen Fluggesellschaften nicht bezahlen. Solche Fälle gelten als übergeordnete Gewalt. Ein kaputtes Triebwerk oder andere technische Störungen verpflichten dagegen in den meisten Fällen zur Entschädigung. Gemäss Gerichtsurteilen müssen die Airlines in solchen Fällen in der Lage sein, eine Reservemaschine bereitzustellen.

Das EU-Gesetz kann für Airlines eine kostspielige Angelegenheit werden. Laut Berechnungen von Airhelp hätten im vergangenen Jahr allein ab Flughäfen von der Schweiz 276'000 Passagiere Anrecht auf Entschädigung gehabt. Die Schadensumme: rund 100 Millionen Franken. Doch nur ein Bruchteil der Kunden macht seine Ansprüche geltend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 15:48 Uhr

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