Wie fehlender Tomatensaft Hass bei Fluggästen schürt

United nimmt Tomatensaft aus dem Sortiment – und kassiert einen Shitstorm. Auch bei der Swiss gibt es das Kultgetränk nicht für jeden.

Schmeckt in der Luft anders: Tomatensaft.

Schmeckt in der Luft anders: Tomatensaft. Bild: Getty Images/iStockphoto

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Ein Plastikbecher roter Saft, gepaart mit einer Prise Salz und Pfeffer: Viele Flugpassagiere können sich ihre Reise ohne Tomatensaft nicht vorstellen. Erfreut sich der Gemüsesaft am Boden keiner besonderen Beliebtheit, ergab eine Auswertung von Austrian Airlines kürzlich, dass der Tomatensaft an Bord für jeden dritten Fluggast «einfach dazugehöre». Bei der Airline würden jedes Jahr 180'000 Liter von dem roten Saft konsumiert.

Dass der Gemüsesaft bei Fluggesellschaften zum Standardsortiment gehört, ist allerdings längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Zuletzt strich die US-Airline United den Tomatensaft aus ihrem Angebot, woraufhin auf sozialen Medien ein Shitstorm losbrach.

«Ihr könnt mich mal!»

«Ernsthaft, United? Ihr lasst Tomatensaft auf euren Flügen weg?», fragte ein Nutzer auf Twitter und drohte, mit der Konkurrenz zu fliegen, wenn diese Tomatensaft serviere.

«Ihr könnt mich mal! Ich fliege nie wieder mit euch», schrieb ein anderer. Die Proteste gingen so weit, dass die Airline beschloss, das Getränk wieder auf die Speisekarte aufzunehmen.

United zeigte sich überrascht ob der heftigen Reaktionen: Genaue Datenauswertungen hätten gezeigt, dass nur eine sehr kleine Anzahl ihrer Passagiere tatsächlich Tomatensaft trinke, sagte Linda Jojo, Digitalchefin der Airline, an einer Veranstaltung. «Aber diese Tomatensaft-Trinker sind offenbar extrem lautstark und präsent auf sozialen Medien.» Allein das Wissen, theoretisch einen Tomatensaft bestellen zu können, scheint viele Gäste glücklich zu machen.

Die Wiederaufnahme des Saftes ins Sortiment bei United begrüssten denn auch Passagiere und Flugbegleiter, die sich künftig nicht mehr vor schlechtgelaunten Tomatensaft-Liebhabern rechtfertigen müssen: «Ich bin erstaunt, wie schnell die Titanic ihren Kurs angepasst hat», sagte ein Flugbegleiter dem US-Finanzportal CNBC. «Mein Tag ist nun sehr viel glücklicher.»

Swiss: Kein Tomatensaft in Economy

Auch bei den Schweizer Airlines ist Tomatensaft keine Selbstverständlichkeit: Mehrere Leser berichteten dieser Zeitung von Passagieren in der Economy Class, die versucht hatten, Tomatensaft zu bestellen. Die Antwort der Flugbegleiter: Nicht im Angebot. Auch auf sozialen Medien beschweren sich Nutzer immer wieder über den fehlenden Gemüsesaft auf ihren Swiss-Flügen. «Die Swiss bietet auf Kurzstreckenflügen nicht einmal Tomatensaft an. Meiner Meinung nach disqualifiziert sie sich, sich überhaupt Airline nennen zu dürfen», schrieb ein Nutzer.

Auf Nachfrage erklärt die Airline, Tomatensaft sei noch nie auf allen Flügen in der Economy Class angeboten worden.

«Seit Jahren bieten wir Tomatensaft auf Europaflügen nur in der Business Class an, ausser auf den Flügen nach Moskau und St. Petersburg, wo er auch in der Economy Class verfügbar ist», sagt eine Sprecherin zu baz.ch/Newsnet. Auf längeren Flügen wolle man den Kunden ein erweitertes Angebot an Speisen und Getränken offerieren.

Erst ab Langstrecke für alle

Ähnlich sieht es bei der Swiss-Schwester Edelweiss aus: Auch hier wird Passagieren nur auf der Langstrecke Tomatensaft gratis offeriert. Auf der Kurzstrecke wird dieser nur in der Business Class angeboten, in der Economy erst ab einer Flugzeit von 3½ Stunden. Sprecher Andreas Meier erklärt dies mit der geringeren Nachfrage nach Tomatensaft auf kürzeren Flügen. Der Platz würde hier für andere Getränke verwendet, bei welchen die Nachfrage höher sei.

Während bei Ryanair ganz auf den Verkauf von Tomatensaft verzichtet wird, können Passagiere bei Konkurrent Easyjet jederzeit und in allen Klassen in den Genuss des Gemüsesafts kommen – allerdings müssen sie dafür zahlen. Eine Dose«Big Tom Tomato Juice» von 250 Millilitern kostet 2.50 Euro (rund 2.90 Franken). Tomatensaft sei ein beliebtes Produkt bei den Easyjet-Passagieren und ein fester Bestandteil des Bordmenüs auf allen Flügen, auch ab der und in die Schweiz, sagt eine Sprecherin.

Auf ihre Kosten kommen Tomatensaft-Liebhaber derweil besonders auf den Flügen mit Austrian Airlines: Hier wird Tomatensaft gratis und auf fast allen Strecken in jeder Buchungsklasse serviert. Nur auf sehr kurzen Inlandflügen würde man auf Tomatensaft verzichten, sagt ein Sprecher.

Anderer Geschmack in der Kabine

Bleibt die Frage, was den Tomatensaft im Flugzeug so beliebt macht. Aussagen der Swiss zufolge liege der Erfolg des Saftes daran, dass Tomaten Träger des Umami-Geschmacks seien. Als Umami werden würzige Noten bezeichnet. Diese gelten als die fünfte Dimension des Geschmacks neben salzig, süss, bitter und sauer. «Da die Geschmacksnerven in der Luft allgemein weniger wahrnehmen als am Boden, haben die Passagiere ein besonders starkes Bedürfnis nach etwas vergleichsweise besonders Würzigem», erklärt Swiss-Sprecherin Sonja Ptassek.

Auch eine Testreihe des Fraunhofer-Instituts im Auftrag der Lufthansa hatte ergeben: Tomatensaft sei am Boden geschmacklich als erdig und muffig beschrieben worden. «Unter Kabinendruck traten hingegen angenehm fruchtige Gerüche und süsse, kühlende Geschmackseindrücke in den Vordergrund», so die Forscher.

Waffeln gestrichen – Shitstorm

United hat derweil aus dem Debakel mit dem Tomatensaft nichts gelernt: Das Kultgetränk ist zwar wieder im Sortiment, dafür hat die Airline einen bei den Passagieren beliebten Snack entfernt: niederländische Waffelkekse, auch Stroopwafeln genannt. Diese würden mit einem Ahornkeks ersetzt, hiess es zuletzt. Ein weiterer Shitstorm brach über United Airlines los.

United Airlines sah sich gezwungen, erneut die Wogen zu glätten und zu präzisieren: Man werde die Stroopwafeln abwechslungsweise mit den Ahornwaffeln anbieten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2018, 14:25 Uhr

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