«Wir wollen keine Kunst sammeln»

Olivier Audemars über das Kunstengagement von Audemars Piguet an der Art Basel.

Arbeit für die Art Basel. Der chilenische Künstler Sebastian Errazuriz hat für die Lounge ein spezielles Werk geschaffen.

Arbeit für die Art Basel. Der chilenische Künstler Sebastian Errazuriz hat für die Lounge ein spezielles Werk geschaffen.

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BaZ: Worin besteht für Sie der Zusammenhang zwischen der Uhrmacherkunst und der Bildenden Kunst?
Olivier Audemars: Der Künstler und der Kunsthandwerker sind nahe Verwandte. Es ist nicht nötig, ein Bild oder eine Fotografie an der Wand hängen zu haben. Und man braucht heute keine mechanische Uhr. Um nur die Zeit anzuzeigen, genügt ein Blick auf das Handy. Aber es gibt eben Dinge, die das Herz und die Sinne stärker berühren als den Kopf. Der Künstler und der Kunsthandwerker sprechen eine ähnliche Sprache. Beide wollen etwas schaffen, das Emotionen weckt und die Menschen glücklich macht.

Wie ist es zur Zusammenarbeit von internationalen Künstlern mit Audemars Piguet gekommen?
Das liegt fünf Jahre zurück. Der britische Fotograf Dan Holdsworth wurde im Rahmen der Aktivitäten, welche für den 40. Geburtstag der Royal Oak in Planung waren, ins Vallée de Joux & Le Brassus eingeladen. Ursprünglich waren seine Bilder nur ein kleiner Baustein des ganzen Projekts. Rückblickend hat Dans Arbeit viel mehr bewirkt und verändert. Die Fotos, die er gemacht hat, haben uns auf den ersten Blick schockiert. Für uns ist das Vallée de Joux ein idyllischer Ort, wo die Sonne scheint und der See blau ist. Dan hat die Landschaft aber ganz anders gesehen, schroff, karg, hart. Die Aufnahmen hätten auch aus Schottland stammen können. Doch dann haben wir akzeptiert, dass es eben auch unser Vallée ist, nur aus einem anderen Blickwinkel. Und wir haben begonnen, diese andere Sicht zu übernehmen. Dank Dans Arbeit hat sich Audemars Piguet die Frage gestellt, was der Ursprung des Unternehmens bedeutet. Wie es war, als die Uhrmacherei im Tal Fuss fasste. Auf einmal wurde klar, dass Dans Blickwinkel der Realität besser entsprach als die Meinung, die sich über die Jahre im Unternehmen verbreitet hat. Dass die Werbekampagne heute mit Dans Bildern betrieben wird, ist der konsequente Schritt aus diesem Bekenntnis.

Und so wurde Kunst für das Unternehmen wichtig?
Künstler haben die Fähigkeit, Dinge anders zu sehen. Es ist wichtig, dass man sich ab und zu die Brille eines Künstlers ausleiht und durch seine Gläser blickt. Für unser Unternehmen ist dies ein guter und wichtiger Weg, um die Zukunft anzugehen. Dieser weite Blick der Künstler macht uns auf Entwicklungen aufmerksam, die für uns bedeutsam werden.

Und wie gestalten Sie die Zusammenarbeit mit den Künstlern?
Wir haben die Audemars Piguet Art Commission gegründet. Da wir als Uhrenmanufaktur nicht Kunstexperten sind, mussten wir Leute finden, die sich in diesem Bereich auskennen. In unserer Art Commission haben wir ausgewiesene Kunstexperten, die das internationale Geschehen kennen. Jedes Jahr wählt die Commission einen Gastkurator aus, der uns mehrere Künstler vorschlägt. Diese Künstler laden wir dann nach Le Brassus ein, wo sie die Landschaft, die Menschen und die Manufaktur kennenlernen. Aus mehreren Projekten wählen wir schliesslich eines aus.

Aber es sind keine Auftragswerke?
Das Werk muss sich mit den Themen «Origins, Precision and Complexity» befassen. Wir unterstützen sie bei der Realisierung ihrer Projekte nicht nur finanziell, sondern auch mit Know-how. Als Robin Meier vor zwei Jahren in Basel sein Projekt «Synchronicity» mit Glühwürmchen realisiert hat, haben wir für ihn Wissenschafter gefunden, die ihm geholfen haben, diesen Dschungel mitten im Volkshaus aufzubauen.

Suchen Sie vor allem junge Künstler?
Ja, wir möchten Künstler, die noch nicht allzu sehr etabliert sind. Aber sie sollen in der Lage sein, ein grosses Projekt umzusetzen. Wir wollen den Künstlern ein Plattform geben, die ihnen hilft, die nächste Stufe ihrer Karriere zu erreichen und international bekannter zu werden.

Wie stark nimmt die Unternehmensleitung auf die Auswahl der Künstler und der Projekte Einfluss?
Gar nicht. Wir wollen uns von den Projekten überraschen lassen und von ihnen lernen. Wenn wir das Resultat vorgeben, können wir nicht überrascht werden. Wir haben ein Vetorecht. Aber das beschränkt sich nur darauf, dass der finanzielle und zeitliche Rahmen eingehalten wird. Aber inhaltlich nehmen wir keinen Einfluss.

Für die diesjährige Art Basel hat der in New York lebende chilenische Künstler Sebastian Errazuriz das Werk «Second Nature» geschaffen. Ist dies als Referenz an die Herkunftsregion von Audemars Piguet zu verstehen?
Am Stand während der Art Basel wollen wir den Besuchern zeigen, was Audemars Piguet ist. Sebastian Errazuriz zeigt uns genauso wie Dan Holdsworth, wie er das Vallée de Joux sieht. Dazu kommt eine Videoarbeit des chinesischen Künstlers Cheng Ran. Vor drei Jahren hat Kurt Hentschläger ebenfalls ein Video gemacht, das aber ganz anders ist, weil er als Österreicher die Bergwelt besser kennt als der Chinese Cheng Ran. Er hilft mir zu verstehen, wie ein Mensch aus China das Vallée de Joux sieht. Und wenn ein Chinese dieses Video anschaut, bekommt er einen leichteren Zugang zu unserer Welt, als wenn ihm das ein westlicher Künstler vor Augen führt. So werden mit der Kunst auch Brücken gebaut.

Ist dies auch der Grund, dass Sie mit der Art Basel zusammenarbeiten?
Ja. Als Kunstmesse aus Basel hat die Art hier in der Schweiz, wo wir auch leben und arbeiten, ihre Wurzeln. Auf der anderen Seite ist die Art Basel global geworden. Wenn wir in Hongkong sind, treffen wir dort Künstler aus Taiwan, Japan, China usw. Sie zeigen uns ihr Verständnis der aktuellen Geschehnisse in Gesellschaft, Politik und Umwelt. Und genauso ist es in Miami mit Künstlern aus Nord- und Südamerika. Die Art vermittelt unserer kleinen Firma in der Schweiz eine globale Betrachtungsweise. Dadurch verstehen wir viel besser, was in dieser Region der Welt abläuft.

Hat das wirklich einen Einfluss auf Ihre Firmenpolitik?
Ich meine, Audemars Piguet ist heute anders, als es die Firma ohne die Zusammenarbeit mit diesen Künstlern wäre. Der Schock, den wir durch die Fotos von Dan Holdsworth bekommen haben, hat uns wachgerüttelt. Wir arbeiten übrigens bis heute mit ihm zusammen.

Sind Sie daran, eine firmeneigene Kunstsammlung aufzubauen?
Nein, wir wollen keine Kunst sammeln. Die Kunst soll uns als Firma verändern. Die Kunstwerke, die die Künstler dank unserer Unterstützung schaffen, gehören ihnen. Manchmal kaufen wir etwas an, aber nicht, um eine Sammlung aufzubauen, sondern einfach, weil uns diese Kunst gefällt.

Ihr Kunstengagement ist also nicht bloss ein Marketinginstrument, sondern vor allem eine Firmenphilosophie?
Ja. Kunst soll uns helfen, die Firma auf die raschen Veränderungen in dieser Welt vorzubereiten.

Als letzte Schweizer Uhrenfirma, die immer noch im Besitz der Gründerfamilie ist, pflegen Sie ja auch eine eigene Unternehmensphilosophie?
Für uns ist der Begriff Gemeinschaft sehr wichtig. Mein Grossvater hat sechzig Jahre lang im Männerchor in Les Brassus gesungen. Dort war er nicht der Firmenschef, sondern ein ganz normales Chormitglied. Es zählt einfach die Gemeinschaft. Ich habe von meinem Vater und Grossvater gelernt, dass die Firma nicht uns gehört, sondern den Menschen, die mit uns arbeiten. Ihnen, ihren Familien und dem Vallée de Joux gehört Audemars Piguet. Wir verwalten das Unternehmen für kurze Zeit und übergeben es dann der nächsten Generation. Wir sind nicht Besitzer, wir sind Verwalter.

Können Sie deshalb langfristiger planen?
Wir denken nicht in Quartalsberichten, sondern in Generationen. Ich übernehme noch immer Entscheide, die mein Grossvater vor 50 Jahren getroffen hat, und meine Enkel werden hoffentlich meine Entscheide als richtig ansehen. Wir sehen uns als Glied in einer langen Kette.

Momentan ist die Lage auf dem Schweizer Uhrenmarkt schwierig. Doch Audemars Piguet ist da eine Ausnahme. Die Verkäufe laufen bestens, und von Entlassungen ist keine Rede, sie stellen sogar Leute ein. Weshalb ticken Sie anders?
Wir haben den Vorteil, dass wir nicht Shareholdern verpflichtet sind, die auf Gewinn aus sind. Es geht darum, stets erfolgreich zu sein, das Geschäft so zu steuern, dass die Unabhängigkeit gewährleistet werden kann. Wir haben unsere Produktion und unsere Verkaufsstellen reduziert. Nicht, weil die Uhren schlecht laufen, sondern weil wir langfristig denken und nur so unsere Qualität und unsere Firmenphilosophie aufrechterhalten können. Als ich bei Audemars begonnen habe, waren wir 200 Leute in der Firma. Als ich ein Kind war, in der Zeit meines Grossvaters, haben rund 50 Leute für Audemars Piguet gearbeitet. Heute sind wir weltweit 1500. Die Uhrenproduktion ist in dieser Zeit aber bloss um 80 Prozent gewachsen. Wir brauchen mehr Leute, weil wir einerseits in die Produktion und in die Forschung für die Zukunft investieren und andererseits unsere Distribution selber kontrollieren. Das ist sehr kostenintensiv, es ist aber der einzige Weg, um die Unabhängigkeit des Unternehmens weiterhin zu garantieren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.06.2017, 09:46 Uhr

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