Versteckspiel mit den Fahndern

Griechische Betriebe scheuen keine Tricks, um die hohe Steuerlast zu reduzieren.

Quittungen nicht ausgestellt. Über 200 Betriebe schloss die griechische Steuerbehörde vorübergehend wegen Verdachts auf Steuerbetrug.

Quittungen nicht ausgestellt. Über 200 Betriebe schloss die griechische Steuerbehörde vorübergehend wegen Verdachts auf Steuerbetrug. Bild: Keystone

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Die Steuer- und Abgabenlast in Griechenland ist so hoch wie nie zuvor. Entsprechend wächst die Kreativität sowohl der griechischen Steuersünder als auch der Fahnder. Das Katz-und-Maus-Spiel ist filmreif.

«Loukéto», übersetzt «Vorhängeschloss». Loukéto bedeutet, dass ein Geschäft für mindestens 48 Stunden von den Fahndern geschlossen wird, wenn der Besitzer nachweislich Steuern hinterzogen oder Schwarzarbeiter beschäftigt hat. Vor allem Tavernen, Bars, Cafés und Nachtclubs sind betroffen und damit in erster Linie die touristischen Regionen des Landes.

Schon jetzt auf der Hitliste der griechischen Steuersünder: Vier illegale Strandbars an den Küsten der Insel Gaidouronisi. Alle acht dort vorhandenen Registrierkassen waren so programmiert, dass sie gefälschte Belege ausgaben – an die Gäste wurden auf diese Weise mehr als 22 000 für die Staatskasse wertlose Zettelchen verteilt, wie Steuerfahnder Anfang Juli ermittelten.

Ungültige Belege

Ausserdem ganz vorne mit dabei ist ein Snack-Stand auf der Insel Chrysi südöstlich von Kreta. Der Besitzer operierte mit der Steuernummer eines seit Jahren geschlossenen Souvlaki-Ladens und gab im Laufe der Zeit unter diesen falschen Angaben mehr als 16 500 ungültige Belege aus. Übertroffen wird er nur von einem grossen Nachtclub auf der Touristeninsel Santorini. Dort konnte der Inhaber nicht nur keine Kassenzettel, sondern nicht einmal eine Registrierkasse vorweisen.

Auch auf dem Festland werden die Fahnder fündig. Sogar mitten in Athen, etwa im Café des bei Touristen beliebten Numismatischen Museums. Zwölf Mal wurde dort während einer verdeckten Prüfung keine Quittung ausgegeben. Prompt folgte ein 48-stündiges Loukéto. Von Ostern bis Anfang Juli seien so mehr als 200 Betriebe vorübergehend geschlossen worden, heisst es bei der griechischen Steuerbehörde. Bei 270 Ermittlungen habe die Betrugsquote 66 Prozent betragen.

Der Chef der griechischen Steuerfahnder, Giorgos Pitsilis, zeigt sich angesichts der Zahlen optimistisch. «Wir haben für dieses Jahr einen umfassenden Aktionsplan und werden die Prüfungen mit aller Intensität durchführen.» Dazu gehöre auch, mit der Zeit zu gehen. «Wir sind klüger geworden», sagt er. So mischen sich mittlerweile Fahnder in Bermudas und Badehose unter die Touristen, um unentdeckt zu bleiben.

Denn gerade auf den Inseln gibt es längst Vorwarnsysteme: Steigen die Beamten mitten im Sommer im Anzug und mit Aktentasche unterm Arm von Bord, laufen die Telefone zwischen den Betrieben heiss. Und damit nicht genug: Manchmal beziehen die Fahnder gar Prügel, so wie jüngst zwei Beamte auf Patmos, denen ein aufgebrachter Barbesitzer an den Kragen ging.

Der oberste Steuerfahnder Pitsilis betont deshalb, wie wichtig es sei, dass die normalen Bürger beim Kampf gegen Steuersünder helfen und so Steuerpflicht zur Selbstverständlichkeit wird. Das aber hat für die Griechen etwas Denunziatorisches und widerstrebt den meisten zutiefst. Die Steuerbehörde versucht daher, den Bürgern die Jagd spielerisch schmackhaft zu machen. So soll demnächst eine App auf den Markt kommen, die es Kunden erlaubt, eine Quittung an Ort und Stelle mit dem Smartphone auf ihre Legalität zu überprüfen. Als unfair empfinden viele Griechen den Betrug dabei durchaus.

Nicht zuletzt, weil es zahlreiche Betriebe gibt, die sehr wohl ordnungsgemäss abrechnen. Tankstellen achten darauf, dass der Kunde die Quittung auf jeden Fall mitnimmt, weil sonst beide dran sind – Kunde wie Tankwart.

Kioske, die für jeden Kaugummi ein Zettelchen ausdrucken und darauf pochen, dass der Käufer es einsteckt. Selbst auf dem Wochenmarkt hackt der Händler die 50 Cent für ein Kilo Wassermelone missmutig in seine kleine elektronische Kasse und stopft den Zettel zur Melone in die Tüte.

Sprung ins Wasser

Das Katz-und-Maus-Spiel mag zwar lustig anmuten. Etwa, wenn vor den Augen verdutzter Touristen der illegal beschäftigte Kellner ins Wasser springt und so tut, als würde er baden, weil Fahnder die Taverne betreten. Doch für viele Selbstständige ist die Situation bitterernst.

Die Steuer- und Abgabenlast liegt nach den unzähligen Erhöhungen der vergangenen Jahre bei bis zu 70 Prozent. «Würde ich meine Bücher vollständig legal führen, müsste ich spätestens bei der fälligen Vorauszahlungen am Ende der Saison draufzahlen. Gearbeitet hätte ich umsonst», sagt ein Wirt von der Insel Kefalonia.

Und so nimmt die kreative Buchführung kein Ende. Mal ist der offizielle Besitzer des Ladens längst verstorben, ein anderes Mal lebt er als Mönch im Kloster. Mal werden alte Quittungen vom Geschäft nebenan ausgegeben, mal Quittungen vom Vorjahr. (SDA)

Erstellt: 10.08.2017, 07:44 Uhr

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