Volatilität gibt ein Comeback an der Wall Street

Über die Gründe der Kursausschläge lässt sich trefflich spekulieren.

Absturz und Erholung. Der einfachste Erklärungsansatz für die Ausschläge: Nach dem Hoch der vergangenen Monate musste früher oder später ein Kurswechsel erfolgen.

Absturz und Erholung. Der einfachste Erklärungsansatz für die Ausschläge: Nach dem Hoch der vergangenen Monate musste früher oder später ein Kurswechsel erfolgen. Bild: Keystone

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Der Ratschlag war gut gemeint – wirkte aber ein Stück weit hilflos. Die Investoren sollten sich von den wilden Kapriolen der Börse nicht ablenken lassen, sagte Finanzminister Steven Mnuchin gestern, habe er doch keine Zweifel, dass die amerikanische Volkswirtschaft stark und das Finanzsystem stabil sei. Investoren seien deshalb gut beraten, einen langen Atem zu beweisen und sich auf die längerfristigen Kursgewinne zu konzentrieren.

Als Mnuchin dies sagte, befand sich der Leitindex Dow Jones an der New Yorker Börse erneut tief in den roten Zahlen, mit einem Minus von gegen 570 Punkten kurz nach Eröffnung des Handels in den Morgenstunden. Dann erholte sich die Dow Jones und legte fast 1000 Punkte zu, bevor der Index nahe der Marke 24 912 Punkte einpendelte – 570 Punkte höher als der Wert, auf dem der Dow Jones am Montag einen äusserst turbulenten Handelstag beendet hatte.

Und wie immer in solchen Fällen suchten Analysten verzweifelt nach einer Erklärung für diese auf den ersten Blick irrationalen Kursausschläge. Der einfachste Ansatz: Nach dem Hoch der vergangenen Monate, in denen die Börsenhändler den Dow Jones von Rekord zu Rekord ritten, musste früher oder später ein Kurswechsel erfolgen. «Die Märkte erinnern mich an einen Vierjährigen, der an Halloween zu viele Süssigkeiten gegessen hat», sagte James Norman, der für den Finanzdienstleister QS Investors arbeitet, dem Wall Street Journal. Auf eine gewisse Zügellosigkeit folge zunächst ein Zusammenbruch mit vielen Tränen, woraufhin sich die Situation aber auch rasch wieder beruhige.

Alternative Theorien

Es gibt allerdings auch eine andere Theorie für den Kurseinbruch an den amerikanischen Börsen, der in der vorigen Woche seinen Anfang nahm – und diese Theorie hängt zum einen mit den Wirtschaftsdaten zusammen und zum anderen mit dem Führungswechsel an der Spitze der amerikanischen Notenbank Federal Reserve.

Am vergangenen Freitag gab das Arbeitsministerium in Washington bekannt, dass Amerikas Arbeitgeber im Januar unter dem Strich 200 000 neue Stellen geschaffen hätten – und dass die Arbeitslosenrate weiterhin bei 4,1 Prozent liege. Damit herrscht in den USA praktisch Vollbeschäftigung. Die eigentliche Überraschung war allerdings im Kleingedruckten der monatlichen Aussendung versteckt. Demnach sei der Durchschnittslohn für einen Angestellten im Privatsektor in den vergangenen zwölf Monaten um 2,9 Prozent (auf 26 Dollar und 74 Cents pro Stunde) gestiegen, was dem grössten Zuwachs seit dem Ende der Finanzkrise entspricht.

Dieses Lohnwachstum sorgte an den Finanzmärkten umgehend für Verunsicherung, auch weil es die Angst vor einer Überhitzung der amerikanischen Volkswirtschaft – die im Jahr 2017 um 2,3 Prozent zulegte – weckte. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf die Steuerreform verwiesen, die das republikanisch dominierte Parlament in Washington im Dezember verabschiedete. Ökonomen gehen davon aus, dass die fiskalpolitischen Zugeständnisse an die Wirtschaftswelt sich zumindest kurzfristig positiv auf die Konjunktur oder zumindest auf das Konsumverhalten der Amerikanerinnen und Amerikaner auswirken werden.

Dazu passt, dass sich das Defizit in der US-Handelsbilanz im Jahr 2017 auf 566 Milliarden Dollar erhöhte, auch weil die Nachfrage nach billigen Gütern aus China unverändert anhält. Und dass Washington das Geld mit beiden Händen ausgibt und im laufenden Finanzjahr (das am 1. Oktober 2017 begann) ein Budgetdefizit von bis zu 1000 Milliarden Dollar anhäufen wird.

Erwartungen an die Fed

Der neue Fed-Chef Jerome «Jay» Powell, der sein Amt am Montag offiziell antrat, könnte sich deshalb versucht sehen, diese Party vorzeitig zu beenden. Bereits im vergangenen Jahr waren Beobachter davon ausgegangen, dass die Federal Reserve im laufenden Jahr dreimal an der Zinsschraube drehen werde – auch weil die Notenbank verhindern will, dass die Kapitalmärkte allzu heftig auf das Ende des geldpolitischen Experiments reagieren, mit dem die Fed nach der Finanzkrise die am Boden liegende US-Konjunktur wieder ankurbelte. Nun gibt es plötzlich Stimmen, die von der Notwendigkeit von vier Zinserhöhungen (um insgesamt einen Prozentpunkt auf 2,25 bis 2,5 Prozent) sprechen.

Powell, der als Fed-Gouverneur seit 2012 bereits unter seiner Vorgängerin Janet Yellen eine wichtige Rolle bei der Formulierung der US-amerikanischen Währungspolitik spielte, wird sich erstmals am 21. März der Presse stellen müssen, nach der nächsten Sitzung des Fed-Offenmarktausschusses. Bis zu diesem Zeitpunkt lässt sich trefflich über den Kurs des neuen Währungshüters spekulieren.

Und vielleicht, so jedenfalls ist an der Wall Street zu vernehmen, war der Kurssturz in den vergangenen Tagen auch eine Provokation an die Adresse Powells – weil die Börsenhändler nicht bis Ende März warten wollen, um herauszufinden, wohin die Reise unter dem neuen Fed-Chef geht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.02.2018, 08:50 Uhr

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