Wie wichtig Kultur für den Erfolg ist

Kennzahlen und Profitstreben treiben die Wirtschaft an. Eine Tagung hat deutlich gemacht, wie wichtig auch weiche Faktoren für das Gedeihen von Unternehmen und Volkswirtschaften sind.

Die historische Altstadt von Shanghai, umrahmt von modernen Gebäuden. Chinas Kultur der Geduld hat einen positiven Einfluss auf die Wirtschaft. Foto: Novarc Images/Alamy Stock Photo

Die historische Altstadt von Shanghai, umrahmt von modernen Gebäuden. Chinas Kultur der Geduld hat einen positiven Einfluss auf die Wirtschaft. Foto: Novarc Images/Alamy Stock Photo

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Ökonomie dreht sich um Wachstum und Gewinne, Kultur dagegen um ganz andere Aspekte des menschlichen Lebens. Das war lange die herrschende Meinung. Doch Kultur und Wirtschaft sind eng miteinander verwoben. So hängt von der Qualität der Kultur der wirtschaftliche Erfolg eines Landes ab.

Diese Erkenntnis ist eigentlich nicht neu, doch sie war lange in Vergessenheit geraten. Mittlerweile ist dieser Zusammenhang wieder ins Zentrum des Interesses der Ökonomen gerückt, wie eine Veranstaltung des UBS Center for Economics in Society vergangene Woche gezeigt hat, an der weltweit führende Vertreter der Wissenschaft teilnahmen.

Kultur bedeutet mehr als nur Regeln und Gesetze

Unter Kultur verstehen Ökonomen soziale Normen, die das Handeln von Menschen anleiten, erklärte der in Zürich lehrende Ökonom Ernst Fehr. Dabei geht es nicht nur um explizite Regeln und Gesetze, sondern mindestens ebenso sehr um implizite Normen: Das heisst, Menschen halten ein Handeln für richtig oder falsch, ohne den Grund dafür zu kennen. Es sind innere Werte und Überzeugungen, die sie dabei leiten.

Armin Falk, Wirtschaftsprofessor in Bonn, zeigte den Zusammenhang zwischen Haltungen und ökonomischem Erfolg an einem konkreten Beispiel auf: So würden Länder, deren Bevölkerungen sich durch eine grössere Geduld auszeichneten, auch ein höheres Wachstum erreichen. Das gilt zum Beispiel für Westeuropa, China und Australien.

Geduld bedeutet, dass die Menschen eher auf den sofortigen Konsum des Erarbeiteten verzichten und daher mehr sparen. Das ermöglicht Investitionen und damit ein höheres Wachstum.

Vertrauen und Ehrlichkeit

Wie entsteht eine wirtschaftlich erfolgreiche Kultur? Als wesentliche Elemente wurden an der Tagung Werte genannt, die zu funktionierenden Märkten führen. Dazu gehört Vertrauen gegenüber Fremden, sodass Menschen überhaupt miteinander Handel betreiben. Wichtig sind auch Ehrlichkeit und die Bereitschaft, nicht jeden sich bietenden Vorteil auf Kosten des anderen auszunutzen.

Bedeutend für eine erfolgreiche Kultur ist ferner der Grad der individuellen Unabhängigkeit. Der Evolutionsbiologe Joseph Henrich von der US-Eliteuniversität Harvard sieht den wichtigsten Grund für den wirtschaftlichen Erfolg des Westens darin, dass in Westeuropa die zuvor über Jahrhunderte dominierenden Verwandtschaftsbeziehungen überwunden worden sind. Steht der Clan bzw. die Verwandtschaft im Zentrum der wirtschaftlichen Beziehungen, kann sich der Individualismus als Voraussetzung von Märkten zwischen Fremden schlecht entwickeln.

Wie die Kirche den Einfluss des Clans zurückdrängte

Deshalb spielte laut Henrich die Kirche im Westen eine grosse Rolle, weil sie durch eine Reihe von Massnahmen ausgedehnte Verwandtschaftsstrukturen verhindert hat: Dies erreichte sie vor allem durch den Bann, Verwandte zu ehelichen, von Inzest im Speziellen, oder durch das Verbot der Polygamie.

Wo der Einfluss der westlichen Kirche am längsten währte, haben sich laut der Forschung von Henrich auch die höchsten Werte an Vertrauen und Fairness gegenüber Fremden entwickelt. Die Menschen aus diesen Regionen seien auch eher bereit, für ein allgemeines Gut Beiträge zu leisten. Das lasse sich zum Beispiel an der Bereitschaft erkennen, Blut zu spenden.

Der Einfluss der Kirche führte zu einer ausgeprägten Ähnlichkeit der kulturellen Ausrichtung zwischen Norditalien, Frankreich, Deutschland, dem Süden von Grossbritannien, dem Norden von Spanien und auch der Schweiz.

Unterschiede zeigen sich vor allem in jenen Gegenden, die anderen Einflüssen ausgesetzt waren, insbesondere dem Islam. Das betrifft vor allem Südspanien und Süditalien und alle Länder, die nicht von der westlichen, sondern der östlichen Kirche geprägt wurden, was für den grössten Teil Osteuropas gilt.

In der EU hat die Bedeutung der nationalen Identität zu- und nicht abgenommen.

Die kulturellen Einstellungen sehr viel direkter untersucht hat der Ökonomieprofessor Guido Tabellini von der Bocconi-Universität in Mailand. Er wollte wissen, ob die Unterschiede in den Einstellungen zwischen den Ländern Europas ein Grund für die ökonomischen und politischen Schwierigkeiten der EU und der Eurozone sind.

Dazu wertete er umfangreiche Erhebungen aus, die zwischen 1980 und 2008 in den Ländern der EU durchgeführt wurden – und damit noch vor der Finanz- und der Eurokrise.

Mittels der Erhebungen wurde unter anderem die Einstellung zum Vertrauen gegenüber Fremden, der Haltung gegenüber harter Arbeit, gegenüber dem Einhalten von Regeln, die Einstellung zu Geschlechterrollen, Sexualmoral, Religion, Ideologie und zur Rolle des Staats in der Wirtschaft untersucht.

Anders als gängige Vorurteile vermuten lassen, förderte die Auswertung von Tabellini hier nur verhältnismässig geringe Unterschiede zwischen den Ländern der EU zutage.

Die Öffnung der Märkte allein genügt nicht

Ganz anders sieht es aus, wenn man die Differenzen innerhalb der Länder betrachtet: Sie sind zehnmal grösser als jene zwischen den Ländern. Bezieht man aber die Einstellungen in der Türkei in die Betrachtung ein, sind die Unterschiede zu den europäischen Ländern ausgeprägt.

Für die Grundidee der Europäischen Union hat der Ökonom allerdings eine wenig beruhigende Botschaft. Die Grundthese der EU bestand darin, dass die Mitgliedsländer sich als Folge der wirtschaftlichen Öffnung kulturell annähern würden. Die Auswertungen des italienischen Ökonomen zeigen aber, dass genau das Gegenteil geschehen ist: Die Unterschiede haben sich vergrössert. Und die Bedeutung der nationalen Identität hat in allen Ländern zu- und nicht abgenommen.

Der Ökonom erklärt das Phänomen unter anderem damit, dass die EU zwar die Märkte geöffnet hat. Sie hat es aber versäumt, den Menschen ein Sicherheitsnetz zu knüpfen, das sie vor den Unsicherheiten schützt, die mit der wirtschaftlichen Öffnung der Länder verbunden sind.

Auch auf Sozialverhalten achten

Welche Kultur vorherrscht, hat auch für den Erfolg von Unternehmen grosse Bedeutung. Nur eine gute Unternehmenskultur kann gewährleisten, dass die Beschäftigten ihr Bestes geben, auch dann, wenn ihre Leistungsbereitschaft nicht perfekt überwacht werden kann, und dass sie nicht jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um sich zu drücken – etwa indem sie sich krank melden, ohne tatsächlich krank zu sein.

Die Botschaft der Ökonomen: Schon bei der Rekrutierung von Personal ist es entscheidend, nicht nur auf die fachlichen Qualifikationen zu achten, sondern auch auf das Sozialverhalten.

Wie Ernst Fehr mit Verweis auf seine Forschung gezeigt hat, kann eine produktive Kultur sehr schnell zusammenbrechen, wenn ein Teil der Belegschaft ein unfaires Verhalten an den Tag legt. Leisten zum Beispiel einige Mitarbeiter auf Kosten anderer wenig und hat dieses Verhalten keine Konsequenzen, so fühlen sich die Leistungsträger betrogen und ändern als Folge ihr Verhalten.

Die Chefs müssen die Werte vorleben

Eine entscheidende Rolle kommt hierbei der Unternehmensführung zu. Sie muss dafür sorgen, dass die Vorgaben der Unternehmenskultur durchgesetzt werden. Es reicht dabei nicht, wenn die Chefs hehre Verhaltensweisen wie Leistungsbereitschaft und Kooperation im Unternehmen predigen. Sie müssen diese Werte vorleben.

«Vertrauen zu kreieren, ist eine kostspielige Investition. Es braucht Klarheit darüber, ein Verständnis, was die grundlegenden Prinzipien sind. Und es braucht Glaubwürdigkeit», sagte Raffaella Sadun, Professorin an der US-Eliteuniversität Harvard, am Rande der Veranstaltung des UBS Centers dieser Zeitung.

Warum aber wird dieses einfache Prinzip in der Praxis oft nicht gelebt? «Einige Leute spielen lieber Golf, als sich damit auseinanderzusetzen», erklärt Sadun das Verhalten vieler Topmanager. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.11.2018, 23:43 Uhr

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