Wilder Westen bei Bitcoin

Streit über die Zukunft der digitalen Währung hat zu einer revolutionären Abspaltung geführt.

Moderne Minenarbeiter. Über die Hälfte der Bitcoins werden in chinesischen Mining-Farmen erarbeitet.

Moderne Minenarbeiter. Über die Hälfte der Bitcoins werden in chinesischen Mining-Farmen erarbeitet. Bild: Keystone

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Bitcoin gehört niemandem. Die digitale Währung unterliegt auch keiner Zentralbank und ist völlig unabhängig von Geldpolitik und Zinsniveau. Trotzdem wird innerhalb der Bitcoin-Gemeinschaft ähnlich heftig gestritten wie im globalen Finanzsystem. Der vorerst letzte Streit zwischen rivalisierenden Gruppen führte vergangene Woche zu einer Abspaltung. Seit dem 1. August existiert neben dem ursprünglichen Bitcoin der neu geschaffene Bitcoin Cash.

«Es war sehr politisch, ein Machtspiel», resümiert Lucas Betschart, Präsident der Bitcoin Association Switzerland, die Geschehnisse auf Anfrage. Unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft der bekanntesten Kryptowährung bestehen seit mindestens drei Jahren. Doch der Konflikt hat ein neues Ausmass angenommen, bestätigt auch Fabian Schär, Blockchain-Dozent an der Universität Basel. Blockchain ist die den digitalen Währungen zugrunde liegende Technologie (siehe Kasten).

Der Streit ist eine Konsequenz des Erfolges von Bitcoin. Die noch junge Geschichte der Digitalwährung ist eindrücklich. Ein unbekannter Programmierer mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto hatte das virtuelle Geld 2008 als Antwort auf die Finanzkrise erfunden. Inzwischen kostet eine Bitcoin-Einheit über 2700 Franken. Das ist doppelt so viel wie eine Feinunze Gold.

Der Bitcoin ist längst nicht mehr nur für Ideologen und Computer-Nerds interessant. Risikofreudige Anleger haben ebenfalls Gefallen an der digitalen Währung gefunden. Auf die steigende Beliebtheit hat die Schweizer Handelsplattform Swissquote reagiert. Als erste europäische Onlinebank bietet sie seit einigen Wochen Investitionen in Bitcoin an.

Die modernen Goldschürfer

Bitcoin-Anhänger werden nicht müde, zu betonen, dass ihre Währung ohne höhere Instanz auskomme und die Macht demokratisch verteilt sei. So gibt es auch keine offiziell anerkannten Repräsentanten. Welche Akteure haben aber in dieser für Aussenstehende kaum greifbaren Welt überhaupt etwas zu sagen?

Das Bitcoin-Netzwerk besteht zum einen aus den Nutzern, welche Bitcoin kaufen und diese als Zahlungsmittel, Wertspeicher oder Spekulationsinstrument verwenden. Zum andern tummelt sich eine Vielzahl von Firmen auf dem Markt, welche Zusatzdienstleistungen wie digitale Portemonnaies anbieten oder die Plattformen betreiben, auf denen Bitcoins gehandelt werden. Hinzu kommen die eigentlichen Garanten des Systems: die Bitcoin-Schürfer oder «Miner».

Die modernen Goldschürfer stellen Computer-Leistung zur Verfügung, lösen hochkomplexe Rechenaufgaben und bestätigen Bitcoin-Transaktionen der Nutzer. Als Belohnung für Ihre Dienste verlangen die Miner Transaktionsgebühren und sie erhalten Bitcoin. Für einen erstellten Daten-Block schürfen sie aktuell 12,5 Bitcoin, dies entspricht mehr als 35'000 Franken. Im Gesamtsystem lassen sich täglich rund fünf Millionen Franken beim Bitcoin-Schürfen umsetzen, rechnet Schär vor.

Die Zeiten von Hinterzimmer- oder Garagen-Romantik sind vorbei. Früher konnte sich eine Einzelperson mit dem persönlichen Computer am Bitcoin-Netzwerk beteiligen und virtuelle Münzen schürfen. Heute kann nur noch mithalten, wer über spezialisierte Hochleistungs-Chips verfügt. Der Markt ist umkämpft: Nur die Grössten und Leistungsstärksten überleben, also vor allem riesige Mining-Farmen in China und Island. Der Strompreis und im Falle von China auch Subventionen machen den Unterschied, denn ohne günstigen Strom könne eine Bitcoin-Mine nicht rentabel betrieben werden, erklärt Schär. Bis zu 200'000 Dollar nimmt eine grosse Miner-Firma pro Tag ein.

«Beim Mining hat eine gewisse Zentralisierung stattgefunden», sagte Jonas Schnelli von Bitcoin-Core, dem Kernentwicklerteam von Bitcoin, im Gespräch mit der BaZ. Der in Basel wohnhafte Programmierer ist einer der wichtigsten Entwickler im Bitcoin-Netzwerk.

Schnelli kann wie seine Kollegen Änderungen am Quellcode, also der DNA von Bitcoin, vorschlagen. Zugleich ist Schnelli einer von weltweit nur vier «Maintainer», die das Recht haben, das Kernsystem der Kryptowährung zu verwalten. Seit einem Jahr hat er die Aufgabe und Verantwortung, die vorgeschlagenen Änderungen nach der Annahme durch alle Entwickler in den Hauptcode aufzunehmen. «Aus technischer Sicht ist meine Funktion ein Privileg, aus hierarchischer Sicht jedoch nicht», so Schnelli. Für ihn ist die dezentrale Organisation von Bitcoin die grösste Errungenschaft, die es um jeden Preis zu verteidigen gilt. «Bitcoin gehört niemanden», wiederholt Schnelli.

Opfer des eigenen Erfolgs

Im jüngsten Streit spielte die Entwickler-Gruppe um Schnelli eine wichtige Rolle. Hintergrund der Kontroverse: Das Bitcoin-Netzwerk ist an die Grenzen seiner Kapazitäten gestossen. Die Meinungen gehen auseinander, wie das Problem gelöst werden soll, dass Zahlungen mit Bitcoin langsam und unpraktisch geworden sind. Mit steigenden Nutzerzahlen muss das System eine grössere Menge an Transaktionen bewältigen. Immer wieder kommt es zu Staus. Maximal kann das Bitcoin-Netzwerk sieben Zahlungen pro Sekunde abwickeln, in der Praxis sind es aber nur die Hälfte. Das ist im Vergleich zu den Kreditkarten-Firmen, die pro Sekunde mehrere Tausend Transaktionen bewältigen, sehr wenig. Vom Ziel, Bezahlungen in Echtzeit tätigen zu können, ist Bitcoin weit entfernt.

Das Kernsystem von Bitcoin sei noch primitiv und es brauche tiefe Veränderungen, sagte selbst Schnelli als Mitglied des Entwicklerteams. Seine Gruppe präsentierte eine aus seiner Sicht vernünftige, sanfte Lösung, um die Datenmenge jeder einzelnen Transaktion zu reduzieren. Dadurch wird die Anzahl möglicher Transaktionen pro Block erhöht. Eine sofortige Vergrösserung eines einzelnen Blocks wäre nicht notwendig. Die Gruppe argumentiert stets mit dem Hintergedanken, dass langfristig eine neue Methode namens «Lightning» das Netzwerk von Bitcoin revolutionieren könnte.

Der aktuelle Vorschlag der Programmierer ging einem Teil der Bitcoin-Community jedoch zu wenig weit. Die grossen gewinnorientierten Unternehmen, allen voran die Miner, wünschten sich eine weniger konservative Lösung. Mit dem Ziel vor Augen, dass Bitcoin möglichst schnell wachsen soll und sie damit ihre Einnahmen erhöhen, pochten sie auf eine unverzügliche Aufstockung der Blockkapazitäten. Zu einer versöhnlichen Lösung im auf Foren und Twitter heftig geführten Streit zwischen den zwei Parteien kam es nicht.

Abspaltungen sind nicht neu

«Bei grundlegenden Veränderungen von Bitcoin müssen sich alle Akteure einig sein», sagte Betschart. Es kann auch zu Abstimmungen kommen, an denen formell jedoch nur die Miner beteiligt sind. Wenn es zu keiner Einigung komme, könne man sich jederzeit abspalten. Diesen Weg, einen sogenannten «hard fork» oder harte Gabelung, wählte die Gruppe, die hinter dem neuen Bitcoin Cash steht. Bis zum Zeitpunkt der Abspaltung teilten die beiden Währungen die gleiche Blockchain, also die gleiche Geschichte. Nun arbeiten sie auf verschiedenen Strängen, sind nicht mehr kompatibel und funktionieren nach eigenen Regeln.

So kam es auch zu einer Kuriosität: Plötzlich besassen Bitcoin-Inhaber Guthaben in beiden Währungen. Dies sei vergleichbar mit einem Excel-Dokument, das verdoppelt wurde, erklärt Betschart. Doch viele Bitcoin-Handelsplätze und Dienstleister akzeptieren die neue Währung vorerst nicht. Die Duplizierung nützt nicht allen Anlegern, was zu Unsicherheit führte.

Neu ist das Phänomen von Dissidenten wie den Rebellen von Bitcoin Cash allerdings nicht. Es gab schon Tausende Abspaltungen vom ursprünglichen Bitcoin, für welchen Schnelli arbeitet. «Wirklich ernst zu nehmende Forks hat es bisher maximal fünf gegeben», so der Basler. Die meisten würden nach kurzer Zeit scheitern, da es ihnen an Entwicklern fehle. Schnelli selbst kümmert sich in eigenen Worten 24 Stunden pro Tag und sieben Tage die Woche um das Bitcoin-Kernsystem.

Der Start von Bitcoin Cash ist zumindest aus Sicht seiner Initianten geglückt. Die Newcomerin wurde auf Anhieb zur drittbegehrtesten Kryptowährung nach Bitcoin und Ethereum. Die neue Konkurrentin von Bitcoin hat aber bereits ihre erste Kurs-Achterbahnfahrt hinter sich: Nach einem Auftakt bei knapp über 300 Dollar stieg der Kurs zwischenzeitlich auf 750 Dollar, stürzte jedoch wieder auf unter 250 Dollar ab. Noch ist unklar, wie viele Anwender sich für die neue Digitalwährung entscheiden werden.

Eintagsfliege oder Konkurrent?

«Entscheidend ist, dass man die Firmen auf seiner Seite hat», so Betschart. Dazu gehören vor allem die Miner. Die Bitcoin-Schürfer müssen auswählen, auf welcher der beiden Blockchains sie ihre kostspielige Rechnerleistungen einsetzen. Es seien wohl ein paar Miner zu Bitcoin Cash gewechselt, doch wer auf die falsche Chain setze, werde kein Geld machen, gibt sich Schnelli gelassen. Die Grösse des Netzwerkes spricht klar für Bitcoin. «Bitcoin Cash wird nicht überleben, aus technischer Sicht sehe ich keinen Grund dazu», ist seine Meinung zum Konkurrenten. Auch Betschart, dessen Organisation in dieser Frage neutral sei, ist der Meinung, dass Bitcoin Cash in einem Monat wieder weg oder ein Nischenprodukt sein wird.

So unbeeindruckt wie Schnelli zeigte sich der originale Bitcoin von der Konkurrenz und antwortete mit einem Allzeithoch: Am Samstag hat der Bitcoin die 3000 Dollar-Marke geknackt. Das Gegenteil des befürchteten Wertverfalls ist eingetreten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.08.2017, 11:41 Uhr

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