Der kurze Traum vom Schweizer Silicon Valley

Zusammen mit der Industrie baute die ETH in den 50er-Jahren die erste rein schweizerische Rechenmaschine, die Ermeth. Dann sprang Chefingenieur Ambros Speiser zur amerikanischen Konkurrenz ab.

Museumsstück: Die Ermeth in der Ausstellung «As Time Goes By» (Museum für Kommunikation Bern 2007).

Museumsstück: Die Ermeth in der Ausstellung «As Time Goes By» (Museum für Kommunikation Bern 2007). Bild: Peter Klaunzer

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«Es ist erwünscht, dass Herr Speiser wenig im Institut erscheint, da er als Exponent einer ausländischen Kampfgruppe auf schweizerischem Boden womöglich nichts erfahren sollte von den Verhandlungen, die gegenwärtig mit der Schweizer Industrie laufen.» Das schrieb der Schweizer Informatikpionier Eduard Stiefel in einem Brief vom 25. Januar 1956 an Hans Pallmann, den Präsidenten des Schweizerischen Schulrats, der damaligen Aufsichtsbehörde der ETH. Stiefels unerbittlicher Bann traf Chefingenieur Ambros Speiser. Er war der Kopf beim Bau des ersten Schweizer Computers, der «elektronischen Rechenmaschine der ETH» (Ermeth).

Der Schriftwechsel, der aus den nun bis in die 60er-Jahre frei zugänglichen Akten im ETH-Archiv hervorgeht, offenbart einen regelrechten Wirtschafts- und Forschungskrieg zwischen den Schweizer Computerpionieren an der Hochschule und US-Unternehmen wie IBM. Denn Speiser hatte die ETH kurz vor Vollendung der Ermeth verlassen, um Direktor des neuen IBM-Forschungsinstitutes in der Schweiz zu werden. Dabei hätte der erste vollständig in der Schweiz entwickelte Computer den Grundstein für ein einheimisches Silicon Valley legen sollen. Dieser Traum war mit dem Abgang Speisers jäh geplatzt.

ETH auf der Poleposition

Drei Jahre zuvor, am 1. Mai 1953, war die endgültige Fassung des Projekts für den Bau der neuen programmgesteuerten Rechenmaschine niedergeschrieben. Sie sah einen dezimalen elektronischen Röhrenrechner vor – ein damals für die Schweiz völlig neuartiges Vorhaben. Bereits bei der Gründung des ETH-Instituts für angewandte Mathematik im Jahr 1948 hatte dessen Vorsteher Eduard Stiefel eine derartige Eigenentwicklung ins Auge gefasst. Der Bedarf an Rechenleistung für wissenschaftliche und technische Aufgaben war gross, die Arbeit mit Handrechenmaschinen mühsam und eintönig. 1951 waren im Ausland die ersten Universalrechner auf den Markt gekommen. Die Firmen Ferranti (England) und Univac (USA) vertrieben solche speicherprogrammierten Geräte.

Die ETH zog aber einen Eigenbau vor. Ein solcher sei besser auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten und hatte zumindest das Potenzial, den Grundstein für eine einheimische Informatikindustrie zu legen und somit die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern. Zudem hatte die ETH bereits wertvolle Erfahrungen mit dem Digitalrechner Z4 des deutschen Computererfinders Konrad Zuse gesammelt. 1949 hatte sie den Z4 in halb fertigem Zustand gemietet und auf ihre Kosten instand stellen lassen.

1950 war die ETH so als erste Universität auf dem europäischen Festland zu einem programmgesteuerten Digitalrechner gekommen. Die Voraussetzungen für eine Vorreiterrolle der Schweiz im anbrechenden Computerzeitalter konnten nicht besser sein.

Für die Fertigung der Ermeth war eine rund dreijährige Bauzeit vorgesehen, die Vollendung war für Ende 1955 geplant. Die erste technische Hürde war bald überwunden: Ursprünglich war man von einem Rechenautomaten mit einheimischen elektromechanischen Relais ausgegangen, die im Prinzip nichts anderes als einfache Ein-Aus-Schalter sind. Vorversuche der Berner Hasler AG (heute Ascom) hatten aber gezeigt, dass die Relais der Belastung nicht standhielten. So wich man auf Elektronenröhren aus, die zwar schneller, aber weniger zuverlässig waren.

Klagen über die «Kampfgruppe

Damals waren die Computer noch riesige Ungetüme, die hauptsächlich aus mächtigen Schränken für die Relais und Elektronenröhren bestanden. Das Sorgenkind war jedoch der Magnettrommelspeicher. Das waren zu dieser Zeit die gängigsten und billigsten Arbeitsspeicher, «Gedächtnis» genannt. Doch sie stellten sich als hartnäckige Knacknuss heraus. Magnettrommeln bestanden aus einem schnell rotierenden Zylinder mit magnetisch beschichteter Oberfläche, die als Speichermedium diente. Der Magnetkopf besorgte das Aufzeichnen und das Lesen der Daten. Probleme mit dem Luftspalt zwischen dem Schreib-Lese-Kopf und der Magnetschicht bereiteten den Ingenieuren bis 1957 erhebliches Kopfzerbrechen.

Ende 1955 war die Ermeth alles andere als fertiggestellt. Doch dann ging Chefingenieur Ambros Speiser von Bord. Im Sommer 1955 war bekannt geworden, dass er ein verlockendes Angebot erhalten hatte. Ab Anfang 1956 wurde Speiser Gründungsdirektor des IBM-Forschungslabors in Adliswil (heute in Rüschlikon). Der für die ETH überraschende Wechsel des technischen Kopfes des Ermeth-Projekts zur amerikanischen «Kampfgruppe», wie Eduard Stiefel das Unternehmen bezeichnet hatte, war für den Institutsvorstand eine enorme Belastung. Um die Vollendung der Ermeth zu gewährleisten, wurde im Juni, August und November 1955 in mehreren Verträgen zwar ein schrittweiser Abgang Speisers vereinbart. Doch die neue Aufgabe bei IBM beanspruchte ihn derart, dass er Anfang 1956 die ETH um eine Kündigung bat.Stiefel war erbost und beklagte sich bitter über Speiser. Dieser verharmlose die Auswirkungen auf das Computerprojekt der ETH: «Wir befinden uns gegenwärtig in der schwierigen und nervenaufreibenden Periode, wo die einzelnen Teile der Maschine zu einer funktionellen Einheit zusammengeschweisst werden müssen», schrieb er im eingangs erwähnten Brief Ende Januar 1956. Schon am 27. Juni 1955 hatte Stiefel IBM angegriffen: «Es scheint mir fast, dass Herr Direktor Herzog (IBM Schweiz, d. Red.) etwas die Absicht hatte, die Fertigstellung der Ermeth zu stören.» Neben Speiser hatte IBM noch einen weiteren leitenden Ingenieur, Hans Schlaeppi, abgeworben. Die ETH empfand die damals aufkommenden amerikanischen Forschungslabors als Bedrohung, denn sie warben Spitzenforscher mit höheren Löhnen ab.

Stiefels ETH-Kollege Ernst Baumann bezeichnete Speiser gegenüber Schulrats-Präsident Pallmann sogar als «äusserst egozentrisch» und als einen Menschen, der «seine persönlichen Interessen rücksichtslos» verfolge. Baumann war Professor für technische Physik und Leiter der Abteilung für industrielle Forschung der ETH und an den Gesprächen mit der Schweizer Industrie beteiligt. Darin hatten sich die ETH und die Fernmelde- und Feinmechanikunternehmen Hasler und Paillard in Yverdon auf ein Projekt zum Bau eines kleinen Elektronenrechners geeinigt.

Die Hasler AG, die entscheidend am Bau der Ermeth mitwirkte und die Konstruktion auch finanziell unterstützte, hatte noch 1954 vor, diese Maschine weltweit zu vermarkten. Sie schloss daher 1955 mit der ETH einen Lizenzvertrag zum Nachbau der Magnettrommel ab. Speisers Weggang zur Mitbewerberin IBM, die in den USA bereits ihre ersten programmierbaren Rechner anbot, hielt die Berner Firma vom Einstieg in den Rechnerbau ab. In einer Aktennotiz vom 7. Juli 1955 stellt Baumann trocken fest: «Seitdem die Zürcher Gründung eines Labors der IBM sowie die Verbindung IBM/Dr. Speiser zustande gekommen sind, interessiert sich die Hasler AG nicht mehr für die Ermeth. Der Vertrag zwischen der ETH und der Hasler AG betreffend den Nachbau der Ermeth ist als tot zu betrachten.»

Schweizer gucken in die Röhre

Die Berner Firma befürchtete, dass sich IBM mit Speiser auch das Wissen erschlich, für das sie der ETH Lizenzgebühren zahlen sollte. Ambros Speiser zerstreute diese Bedenken mit dem Hinweis, dass IBM in der Schweiz nur Grundlagenforschung betreiben und die Ermeth sicher nicht nachbauen werde, da ihre eigenen Entwicklungen in den Laboratorien schon wesentlich weiter fortgeschritten seien. Auf jeden Fall aber hätten die amerikanischen Mitbewerber den Absatz der Ermeth erschwert. Denn eine Vermarktung der schweizerischen Rechenmaschine hätte mindestens auf dem europäischen Festland Aussicht auf Erfolg gehabt, wie das Beispiel der Firma Zuse KG zeigt. Diese konnte ab 1958 über 50 Maschinen ihres ersten Röhrenrechners Z22 verkaufen.

Der Wirbel um den Abgang von Ambros Speiser und die vielen Wechsel brachten auch die Personalplanung beim ersten grossen Schweizer Computerprojekt immer wieder durcheinander. Die meisten Mitarbeiter waren nämlich befristet und oft nur für wenige Monate angestellt. Um die Arbeitsverträge zu verlängern, musste jeweils wieder um Geld gebettelt werden. Es bestand stets die Gefahr, dass deshalb die wenigen in der Schweiz verfügbaren Fachkräfte abspringen würden.

Beim Bau der Ermeth gab es weitere Rückschläge: Der Hersteller der Stromversorgung ging pleite, die Anzahlung war verloren. Zuletzt war auch die von Sulzer (Winterthur) gelieferte Klimaanlage unbrauchbar. Sie vermochte den vom Röhrenrechner erhitzten Maschinenraum nicht ausreichend zu kühlen.

Die späte Versöhnung

Die Ermeth konnte trotz aller Widerwärtigkeiten 1956 schrittweise in Betrieb genommen werden. 1957 lief endlich die grosse Speichertrommel. Statt knapp 800 000 Franken kostete der Bau aber eine gute Million Franken. Nachdem die Zangengeburt endlich überstanden war, flaute auch der Streit mit Ambros Speiser ab. 1986 erhielt der Chefingenieur den Ehrendoktor der ETH «für seine Pionierarbeit auf dem Gebiet der Computerwissenschaften». Und heute ist die Zusammenarbeit zwischen der Hochschule und dem IBM-Forschungsinstitut enger denn je.

Die Ermeth wurde bis 1963 erfolgreich genutzt. Heute ist sie im Museum für Kommunikation in Bern ausgestellt. Doch die Chance zum Aufbau einer eigenständigen Computerindustrie war endgültig vertan.

Museumsstück: Die Ermeth in der Ausstellung «As Time Goes By» (Museum für Kommunikation Bern 2007). Foto: P. Klaunzer (Keystone)

Ambros Speiser.

Eduard Stiefel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2013, 09:05 Uhr

Eduard Stiefel

Ambros Speiser

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