Der begnadete Wissenschafts-Erzähler

Der amerikanische Wissenschaftsautor Carl Zimmer schreibt fesselnde Bücher über Evolution, Genetik und Hirnforschung. Er selbst hat keine Ausbildung in Naturwissenschaften.

«Ich will so präzise wie möglich sein», sagt Carl Zimmer. Foto: Fabienne Andreoli

«Ich will so präzise wie möglich sein», sagt Carl Zimmer. Foto: Fabienne Andreoli

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Den grössten Schrecken seines Lebens erlebte Carl Zimmer in der Praxis einer genetischen Beratung in New York. Seine Frau war schwanger, und die beiden liessen sich über mögliche genetische Risiken für das Ungeborene orientieren. Es war 2001, kurz nachdem das menschliche Genom entschlüsselt worden war, in einer Zeit also, in der es noch keine routinemässigen Gentests gab. Die Beraterin befragte das Paar nach Krankheiten in der Verwandtschaft. Zimmer, einer der erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der USA, der selber viel über Genetik und Evolution schreibt, hatte nur vage Vorstellungen davon, als es ihm plötzlich dämmerte: «Ich hatte eigentlich keine Ahnung, was ich an mein Kind weitergebe. Und da ist mir zum ersten Mal die Bedeutung von Vererbung so richtig eingefahren», sagte Zimmer bei unserem Treffen im Dezember in der Lounge eines Zürcher Hotels.

Ein paar Monate nach dem Schreckmoment kam eine gesunde Tochter zur Welt, Charlotte, sie ist mittlerweile 17 Jahre alt und will Astrophysikerin werden, wie Zimmer erzählt, sichtlich stolz. Als er sie als Kleinkind angeschaut habe, sei dabei manchmal das Gefühl aufgekommen, er könne Vererbung hören. «Für meine Ohren hat sie das Lachen ihrer Mutter», schreibt Zimmer im Prolog seines Bestsellers «She Has Her Mother’s Laugh». Das Buch – es gibt keine deutsche Übersetzung – ist eine umfassende, lehrreiche und fesselnde Geschichte der Vererbung: Zimmer spannt dabei den erzählerischen Bogen von den blaublütigen Ahnentafeln des Mittelalters über die schrecklichen Ideen der Eugenik-Bewegung im frühen 20. Jahrhundert, die Entdeckung der DNA bis hin zu den modernen Genscheren-Methoden wie Crispr/Cas, die derzeit die Medizin und andere Bereiche der Lebenswissenschaften revolutionieren.

Vererbung ist viel mehr als nur klassische Genetik

Zwei Jahre lang hat Zimmer für das Buch recherchiert, dabei historische Orte aufgesucht wie die Vineland Training School in New Jersey, ein ehemaliges Heim für Schwachsinnige und Brutstätte des eugenischen Denkens (das später auch Adolf Hitler infizierte), oder den Garten und das Museum des genialen Pflanzenzüchters Luther Burbank in Santa Rosa, Kalifornien. Er hat auch Wissenschaftler in ihren Labors besucht, die an der Spitze der Vererbungsforschung arbeiten: solche, die herausgefunden haben, wie wir mit den Neandertalern verwandt sind, oder andere, die versuchen, die genetische Zukunft mit Crispr und Co. neu zu gestalten.

Herausgekommen ist ein Buch, das weit über die klassische Vorstellung von Vererbung hinausgeht, also darüber, welche Gene wir an unsere Nachkommen weitergeben. Die Mikroben, die den menschlichen Körper besiedeln, spielen dabei genauso eine Rolle wie die Kultur, in der wir aufwachsen, oder das höchst komplexe Zusammenspiel von Hunderten von Genen und Umwelteinflüssen, die Eigenschaften wie die ­Körpergrösse oder die Intelligenz bestimmen. Das Schwierige dabei sei gewesen, sagt Zimmer, einzelne Aspekte nicht zu stark zu gewichten. «Ich wollte so präzis wie nur möglich sein.»

Einer dieser heikleren Aspekte ist die «Epigenetik». Diese besagt, dass Umwelteinflüsse und Erfahrungen im Leben die Aktivität der Gene verändern können. In den USA sei das zu einer Art New-Age-Bewegung geworden, erzählt Zimmer. «Diese Menschen glauben, dass Gene selber total unwichtig sind und dass man dafür mit Meditieren die Genaktivität, also die Epigenetik verändern kann.» Das Forschungsgebiet sei zwar sehr faszinierend. «Aber ich bin überrascht, wie wenig die Wissenschaft über die Vorgänge der Epigenetik wirklich weiss.»

Zimmer hat eine Professur für Wissenschaftsjournalismus

Carl Zimmer ist nicht nur ein begnadeter Erzähler, seine Sprache ist leicht und für Laien gut zugänglich. Er wird in der Fachwelt auch als wissenschaftliche Autorität respektiert, nicht zuletzt seit er (mit einem Biologieprofessor) ein Lehrbuch über Evolution geschrieben hat, das in 400 Kursen eingesetzt wird. Umso überraschender ist sein Werdegang: Zimmer hat «nur» einen College-Abschluss in englischer Literatur, das immense wissenschaftliche Know-how hat er sich über die Jahre selber angeeignet.

Auch Ernst Hafen, Genetik-Professor an der ETH Zürich, hat Zimmers Buch gelesen – und war sehr angetan. «Selbst ich konnte noch einiges lernen.» Hafen machte prompt das Buch zum Thema eines freiwilligen «Book Club» für Studierende. Zum Abschluss konnten diese den Autor dann persönlich kennen lernen – Zimmer hielt Mitte Dezember an der ETH eine Vorlesung, in der er einige der besten Anekdoten und Geschichten aus seinem Buch erzählte.

Vorträge und Vorlesungen geben, Bücher schreiben – «She Has Her Mother’s Laugh» ist sein dreizehntes: Wie wenn das noch nicht genug wäre, hat Zimmer auch noch eine ausserordentliche Professur an der Yale University und lehrt dort Studierenden das Handwerk des Schreibens über Wissenschaft, Medizin und Umwelt. Und quasi nebenbei verfasst er auch noch jede Woche eine längere Kolumne für die «New York Times». Kürzlich ging es in einer dieser Kolumnen um das Massensterben vor 252 Millionen Jahren. Forscher hatten Hinweise gefunden, dass massive Vulkaneruptionen in Sibirien die Ursache dafür waren. Durch die Eruptionen gelangte damals viel CO2in die Atmosphäre. «Das war die bestgelesene Geschichte in der Woche», sagt Zimmer, «mehr als Trump und alles andere!» Und es gab an die tausend Kommentare, darunter auch viele «aggressive, widerliche und persönlich verletzende». Trotzdem mischte sich Zimmer in die Diskussion ein. Wenn ein Leser schreibe, er hätte doch gerade bewiesen, dass es keine menschgemachte Klimaerwärmung gebe, dann nutze er das gerne als «lehrbaren Moment», und er schrieb zurück: «Ob das CO2 aus Vulkanen oder Schornsteinen stammt, ist egal. Es ist das gleiche Molekül, es gilt die gleiche Physik.»

Im Erbgutmolekül DNA steckt die «Bauanleitung» für alle Lebewesen. Foto: Getty Images, iStockphotos

Während seiner College-Ausbildung an der Yale University hatte Zimmer nur eine vage Vorstellung davon, wie er dereinst seinen Lebensunterhalt verdienen wollte: mit Schreiben. Seinen ersten Job erhielt er dann als Redaktor beim Wissenschaftsmagazin «Discover». Dort durfte er später auch selber schreiben und als «fact checker» arbeiten, als Faktenprüfer. «Dabei lernt man, wie Autoren etwas kreieren, und man sieht auch, wie leicht Fehler passieren können.»

Nach zehn Jahren verliess Zimmer «Discover» 1999. Seither arbeitet der 52-Jährige als freischaffender Wissenschaftsautor, als Blogger und Podcaster. Gerade in der heutigen Zeit, in der wissenschaftliche Erkenntnisse in den USA teilweise mit Füssen getreten oder schlicht ignoriert werden, seien er und seine Berufskollegen besonders gefordert. «Die Situation verdeutlicht unsere Aufgabe», sagt Zimmer und ­relativiert: «Guter Wissenschaftsjournalismus erfährt heute mehr Unterstützung, als ich in langer Zeit erlebt habe.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.01.2019, 22:28 Uhr

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