Der kriegsuntaugliche Panzer 68

Wie die Schweizer Armee einst einen Panzer bauen liess, von dem alle wussten, dass er auf dem Schlachtfeld nichts taugt.

Krüppel mit Kanone. Der Panzer 68 war gut für Friedenszeiten. Die letzten Exemplare wurden ab 2005 verschrottet.

Krüppel mit Kanone. Der Panzer 68 war gut für Friedenszeiten. Die letzten Exemplare wurden ab 2005 verschrottet. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein absurdes Jubiläum. Die Neue Zürcher Zeitung vom 26. Februar 2018 hat daran erinnert. Autor Marc Tribelhorn: «Vor 50 Jahren beschafft der Bundesrat einen einheimischen Kampfpanzer, der nicht kriegstauglich ist.» Ich habe diese Beschaffung als Nationalrat miterlitten. So viel Unverstand ist schwer zu überbieten.

Der Fall datiert aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Es herrschte weltweit der Kalte Krieg zwischen dem kommunistischen Osten und dem freien Westen. Zwischen Moskau und Washington. Armeeführung und Bundesrat supponierten den Kriegszustand.

In der Militärkommission des Nationalrats gastierte regelmässig der Geheimdienstchef der Armee, Divisionär Carlo Weidenmann. Mit dem Bericht «zur Lage». Der Feind aus Moskau stand mit seinen Truppen fast schon am Bodensee angriffsbereit. Weidenmanns Inszenierungen mutierten zur militärischen Geisterstunde. Wenn ich nach der Sitzung das Bundeshaus verliess, war ich überrascht. Weil auf dem Bundesplatz noch Frieden war.

Sein und Schein im EMD

Der Kalte Krieg wurde bei uns ideologisch heiss geführt. Wer tabuisierte oder kritisierte, galt schnell als subversiv. Ende 1989 lagerten beim publik gewordenen Fichenskandal in der Dunkelkammer der Bundespolizei 900 000 Fichen. 900 000 Karteikarten von observierten, registrierten und archivierten Subversiven.

Der Bundesrat verlangte von der Armee Einsatzbereitschaft für den Ernstfall. Die Armeeführung sorgte für die optimale Bewaffnung der Truppen. So wie der Geheimdienstchef flunkerte, versagten die Militärs bei den Rüstungsbeschaffungen. Mit ihnen die Mehrheit der Politiker.

Ich statuiere noch ein Exempel. In der Militärkommission behauptete Generalstabschef Jörg Zumstein, die Schweiz würde einen Atomkrieg überleben. Weil wir die besten Zivilschutzanlagen der Welt hätten. Ich fragte, ob das sein voller Ernst sei. Er war es. Irgendwann müssten wir die Schutzräume, müssten wir diese Löcher verlassen, sagte ich. «In was für eine Welt kämen wir dann?» Zumstein schaute sprachlos verlegen drein. Mit einem roten Kopf. Der höchste General demonstrierte mit einer solchen Behauptung das geistige Malaise in der Armee. Da überraschen kriegsuntaugliche Panzer nicht mehr.

Nun also die Panzerstory. Ich habe meine Leserinnen und Leser absichtlich darauf eingestimmt: In dieser Armee war nichts unmöglich. 1968 fasste die Industrie vom damaligen EMD, dem Eidgenössischen Militärdepartement, den Auftrag, für die Armee 170 Panzer zu entwickeln, zu produzieren und pünktlich zu liefern. Soweit verlief das Geschäft termingerecht. Die helvetische Präzision hingegen ist bei den damit ausgerüsteten Truppen vermisst worden. Das ist eben eine lange, abstruse Geschichte.

1975 beantragte das EMD mit der obligaten jährlichen Rüstungsvorlage eine zweite Serie Panzer 68. Das war schon beinahe tollkühn. Es hagelte Kritik bis tief ins bürgerliche Lager. Politisch blieb es beim Tun-als-ob. Ein Übungsabbruch gelingt eben in der geistigen Zu-Befehl-Achtungstellung nicht.

Dabei stand zu Beginn ein überdeutlicher Klartext. Die beratende Fachkommission liess keine Zweifel zu. Oberst Straub, Direktor der Landis & Gyr AG in Zug, bediente als Präsident alle Mitglieder der Militärkommission mit seinem ausführlich begründeten Urteil: Der Panzer 68 sei kriegsuntauglich. Damit war doch eigentlich alles gesagt. Sogar die NZZ als Leibblatt des EMD kommentierte den 40-Tönner vernichtend.

Bundesrat Rudolf Gnägi als Chef des EMD schaute wohl durch eine rosarote Brille. Er wehrte sich für den Panzerkredit. Worauf die Militärkommission eine Besichtigung und Diskussion mit einer Panzerkompanie in Thun organisierte.

Einen ganzen Vormittag konsultierten wir junge Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere. Ausnahmslos alle schüttelten den Kopf, keiner sagte ein gutes Wort über diesen Panzer. Selbst Gnägis Suggestivfrage an den Feldwebel Schuhmacher verfing nicht.

Der Widerspruch des Panzergeneral

Imposant folgte dann der Auftritt von Divisionär Robert Haener, Waffenchef der motorisierten und leichten Truppen. Einfach Panzergeneral genannt. Haener stellte sich hinter seine Leute. «Der Panzer 68 ist gut (es folgte eine Pause) – in Friedenszeiten, nicht jedoch im Ernstfall.» Gnägi war ausser sich. An der folgenden Sitzung verlangte er sofort das Wort. Im Beisein von Haener, jedoch ohne den Namen zu erwähnen, erklärte er: «Da ist ein hoher Offizier bis an die Grenze der Verantwortungslosigkeit gegangen.» Alle spürten wir die bedrohliche Stille. Ich attackierte Gnägis Vorwurf an Haener. Wir seien nach Thun gekommen, um das Urteil jener zu vernehmen, die mit diesem Panzer in den Krieg müssten. Haener dankte mir. Er sei vom EMD-Chef Gnägi schon einmal zitiert worden. «Haener, wenn Sie Korpskommandant werden wollen, müssen Sie sich ändern.» «Herr Bundesrat, es ist auch als Divisionär ein schöner Tod.» Mit einem solchen Offizier gingen die Soldaten im Ernstfall durchs Feuer.

Es nützte alles nichts. Dem Panzerkredit stimmten die Bürgerlichen geschlossen zu. Einer rechtfertigte sich bei mir: «Ich kann es mir als Bürgerlicher schlicht nicht leisten, gegen die Armee zu stimmen.» Weil ja nach der offiziellen Doktrin Kritik subversiv war.

Für die Manöver genügte er

Ich wollte von Unternehmern wissen, wieso die Industrie keinen brauchbaren Panzer produzieren konnte. Generalunternehmer des Projekts Panzer 68, Rüstungsfabrikant Dieter Bührle, stellte sich mit einem Dutzend Zulieferer zum Gespräch. Grundsätzlich stelle ein Panzer nicht grössere Anforderungen als eine Lokomotive, erklärte Bührle. Nur habe das EMD einen Eisenbahntransport-tauglichen Panzer in Auftrag gegeben. Damit sei ein «Krüppel» entstanden. Die vier Mann Besatzung habe zu wenig Bewegungsfreiheit. Abgesehen von anderen Geburtsfehlern.

Deutsche und US-Panzer sind breiter. Zwei Züge, mit solchen Panzern beladen, könnten sich nicht unfallfrei kreuzen. Mit dem EMD-Pflichtenheft sei genau das verlangt worden, informierte Bührle. Damit ein Zug an die Front und der andere Zug von der Front sich kreuzen können. Bloss, fügte er hinzu, wäre das im Krieg kein Szenario. «Das gilt nur bei Manövern.»

Ich hegte etwa den Verdacht, im EMD sei lediglich für eine Manöverarmee geplant worden. Mit dem Panzer 68 war es der zuständige EMD-Chef Gnägi, der sich mit einem kriegsuntauglichen Panzer zufrieden gab. Das war in höchstem Mass verantwortungslos gegenüber der Truppe und dem Land. Dafür hat er den verantwortungsbewussten Divisionär Robert Haener für seinen Mut vor uns allen «zusammengeschissen» – exgüsi.

Es war schon ein groteskes politisches Abenteuer, in den 1960er- und 1970er-Jahren im Bundeshaus Militärpolitik durchzustehen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.03.2018, 13:37 Uhr

Artikel zum Thema

Anekdote aus einem Trümmerhaufen

Während die Armee ihre Transportfahrzeuge erneuert, fallen ihre Kampfpanzer auseinander. Besonders peinlich war das an einer Übung, die den Stolz der Armee präsentieren sollte. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...