Nichts Neues unter der Sonne

Mehrere Male hat ein dramatischer Klimawandel die Geschichte der Menschheit bereits neu geschrieben. Nie war der Mensch daran schuld – und immer hat er eine Lösung gefunden.

Wenn das Klima verrückt spielt. Wo heute die Sahara ist, waren einst Savanne und ein Binnenmeer. Bild: Weisse Wüste in Ägypten.

Wenn das Klima verrückt spielt. Wo heute die Sahara ist, waren einst Savanne und ein Binnenmeer. Bild: Weisse Wüste in Ägypten. Bild: Keystone

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Glaubt man den Prognosen des Weltklimarats IPCC, stolpert die Menschheit im Gefolge des globalen Klimawandels unaufhaltsam der grössten Krise ihrer Geschichte entgegen. Dürren, wie sie in diesen Tagen der Westen und Süden der USA erleben, werden fruchtbares Land in Wüste zurückverwandeln. Überschwemmungen und Sturmfluten, wie sie in diesem Winter über Grossbritannien hinwegfegten, werden das fruchtbare Ackerland ins Meer spülen. Landwirtschaft, so die einleuchtende Botschaft, braucht ein stabiles Klima.

Doch vieles deutet darauf hin, dass am Anfang der Landwirtschaft nichts anderes stand als eine der grössten globalen Klimakatastrophen der Menschheitsgeschichte.

Heute vor rund 12'000 Jahren: Das Jordantal ist eine Steppenlandschaft. Wild gibt es in Hülle und Fülle. Noch wichtiger für die Jäger und Sammler, die hier leben: die wilden Gräser, die hier überall von selber wachsen. Das Nahrungsangebot ist gut, nirgendwo ­leben so viele Menschen wir hier. Sie ­leben scheinbar im Paradies: Sie ernten, ohne zu säen. Bis der Regen ausbleibt. Die wilden Gräser verdorren, wachsen nicht mehr. Das Land bietet nicht mehr allen genug Nahrung. Es ist die Stunde null: Die Menschen im Wadi an-Natuf, unweit von Tel Aviv, die Natufier, werden erfinderisch. Was bisher die Natur bot, übernehmen sie nun selbst. Sie helfen ihren Pflanzen nach, speichern Saatgut, bereiten den Boden. Sie erfinden die Landwirtschaft.

Eiszeit kam abrupt zurück

Viel Zeit dazu lässt ihnen das Klima nicht. Denn was vor 12'000 Jahren auf der Nordhalbkugel geschah, war die grösste Klimakatastrophe seit der letzten Eiszeit, als die Alpengletscher bis nach Solothurn und Zürich vorgestossen waren. Was den Menschen von ­Natuf widerfuhr, hatte seinen Ursprung Tausende Kilometer weiter im Nordwesten: vor den Küsten Gross­britanniens und Skandinaviens.

Dort hatte sich die Eiszeit ein letztes Mal abrupt zurückgemeldet: Während rund 1000 Jahren, der Epoche der sogenannten Jüngeren Dryas, stiess das Eis noch einmal kräftig vor. Wo zuvor Wälder wuchsen, zogen wieder Rentiere über baumlose Tundra. Der Nordatlantik fror zu. Der regenreiche Westwind blieb aus.

Wie abrupt die Abkühlung wirklich war, ahnte lange niemand. Wenn Geologen über «rasche Änderungen» sprechen, meinen sie Jahrtausende. Doch neue Forschungen zeigen ein anderes Bild: Der Rückfall in die Eiszeit fand innerhalb eines Jahrzehnts statt. Danach war es über Jahrhunderte kalt – bis das Klima zu «flackern» begann. Warme Jahrzehnte wechselten auf kalte. Die letzte schnelle Erwärmung vor rund 11 500 Jahren änderte das Klima fundamental: Die Gletscher schmolzen auf das heutige Niveau, es wurde warm in Europa, und es regnete wieder im ­Nahen Osten.

In Europa warm, im Süden Regen

Vor 8200 Jahren kam es erneut zum Klimaschock. Wieder verdorrte der Nahe Osten. In den Alpen stiessen die Gletscher ein letztes Mal weiter vor als zuletzt 1850. Als sich das Klima normalisierte, die Gletscher wieder schmolzen und es im Nahen Osten wieder regnete, hatten die Menschen dort inzwischen die Bewässerung erfunden. Zwischen Euphrat und Tigris blühten die Gärten. Die Bevölkerung wuchs.

Jahrhundertelang war es in Europa wärmer als heute. Im Süden, im Nahen Osten und in Nordafrika, regnete es mehr. Was heute die Sahara ist, war eine Savanne. Der Tschadsee wurde zum Binnenmeer, Grosswild durchstreifte ein Gebiet, das heute Wüste ist. Bis das ­Klima wieder verrückt spielte. Vor 5900 Jahren brach die nächste Dürre herein. Die Flüsse versiegten, die Wasserlöcher blieben trocken. Die Menschen zogen weiter in die grossen Fluss­täler. Die Immigranten waren dort willkommene ­Arbeitskräfte. Am Nil und am Euphrat entstanden die ersten Hochkulturen.

Der Rest ist Geschichte. Warm- und Kaltphasen wechselten sich ab. Die weitere Geschichte folgte stets den Kapriolen des Klimas. Als das Römische Reich in seiner Blüte stand, war Ägypten eine Kornkammer, Grossbritannien ein attraktives Landwirtschaftsgebiet, und die Alpen waren weitgehend eisfrei. Funde aus Schweizer Gletschern bestätigen: Wo heute Schnee und Eis ist, wuchs damals Wald. Obwohl Rom alle Alpenpässe beherrschte, gibt es kein ­lateinisches Wort für Gletscher.

Der Niedergang des Römischen Reiches fiel mit einer grossen Abkühlung zusammen. Um 400 n. Chr. gaben die Römer den Limes, ihre Grenze gegen Norden, auf. Sechs Jahre darauf überquerten germanische Stämme einen gefrorenen Rhein. Rund 100 Jahre später siedelten sie in der heutigen Schweiz. Ihre an Nässe und Kälte angepasste Landwirtschaft gab ihnen einen entscheidenden Vorteil.

Dann wurde es ein letztes Mal wieder warm: Um das Jahr 1000 steuerten die Norweger ihre Schiffe nach Island, Grönland und Neufundland und fanden dort gutes Land für ihre Viehwirtschaft. In den Alpen trieben die Walser ihre Kühe in abgelegene Täler und bauten die höchstgelegenen Dörfer Europas.

Es wurde kalt in Europa

Bis um 1300 die Kleine Eiszeit einsetzte. Es wurde kalt in Europa, die Gletscher stiessen vor. Archäologische Funde zeigen: In Grönland lebte man nicht mehr von Rindern, sondern von Schafen. Danach von Robben. Dann verschwanden die Bauern komplett, Inuit-Stämme aus der hohen Arktis wanderten ein. Wo vor wenigen Jahrhunderten Bauernhöfe standen, stellte man nun Zelte auf für die Robbenjagd.

Auch in der Schweiz schlug die «Kleine Eiszeit» zu. Um 1600 musste man in Grindelwald einen ganzen Ortsteil verlegen, weil der Gletscher die Häuser überfuhr. Das Europa nördlich der Alpen, das in der mittelalterlichen Warmzeit seine Bevölkerung mit Rodungen und dem Anbau von Getreide vervielfacht hatte, stürzte in die Krise. Kriege, Aberglauben und Hexenverbrennungen nahmen überhand.

Nur noch der Süden florierte. Die italienischen Stadtstaaten blühten auf, Michelangelo schuf seinen «David», die Spanier segelten nach Amerika.

Es war die Zeit, als die Schweiz zur militärischen Grossmacht aufstieg. Während den Bauern in Deutschland das Korn verfaulte, wuchs den Kühen der Innerschweizer das Gras ins Maul. In Uri, Schwyz und Bern setzte man auf den Markt, produzierte mit dem billig gewordenen Salz einen Käse, der in ­Venedig und Genua zum bevorzugten Schiffs­proviant wurde. Dafür kaufte man Reis und Mais aus dem Süden ein und verkaufte die überschüssig gewordenen Männer als Söldner in den Krieg.

Die Wälder verheizt

Weiter nördlich zeichnete sich eine andere Entwicklung ab: Um kriegsfähig zu bleiben, rüsteten die militärischen Eliten Frankreichs oder Preussens den Staat zur absolutistischen Macht auf. Stehende Heere mussten versorgt sein. Immer tiefer griff die Verwaltung in die Lebensweise der Bauern ein. Gelehrte und Bürokraten begannen, die Landwirtschaft zu optimieren, jahrhundertealte Traditionen hatten zu weichen.

Man begann, den Boden zu düngen, sumpfiges Land trockenzulegen. Aber noch blieben die Hungerjahre nicht aus. 1816 verfinsterte der Ausbruch des Vulkans Tambora den Himmel, es wurde ein Jahr ohne Sommer. 1845 starb eine Million Iren an Hunger. Doch das Bevölkerungswachstum in Europa blieb stabil. Derselbe Boden konnte in einem schlechteren Klima mehr Menschen ernähren als je zuvor.

Damit entstand ein neues Problem. Jahr für Jahr heizte sich die wachsende Bevölkerung Europas mit Holz durch den Winter. Die Wälder schwanden, die Ressourcen wurden knapp. Man suchte nach einer alternativen Energiequelle – und fand sie in der Kohle. Deren Förderung wurde intensiviert, und plötzlich stand Energie in rauen Mengen zur Verfügung. Das Zeitalter der Eisenbahn, der Dampfschiffe und der Schwerindustrie war angebrochen. Das fossile Zeitalter.

Seither wird es wärmer. Auf den ­ersten Blick verwundert das nicht: Milliarden Tonnen CO2 wurden seither in die Atmosphäre geblasen. Parallel zum Zuwachs von CO2 in der Atmosphäre wurde es wärmer.

Überraschungen unvermeidlich

Ungeklärt bleibt jedoch, warum die Gletscher in den Alpen schon um 1850 abschmolzen, als noch kaum CO2 im grossen Stil ausgestossen wurde. Ungeklärt ist auch, warum es auf der Erde seit mehr als 15 Jahren nicht mehr wärmer geworden ist, obwohl in dieser Zeit die CO2-Emissionen kräftig angestiegen sind. Und ein Rätsel ist weiterhin, warum das Klima in der Vergangenheit schwankte, als noch keine menschlichen Aktivitäten Einfluss nehmen konnten. Die Klimaforschung ist eine junge Wissenschaft, sie wird in den kommende Jahren gewiss mit überraschenden neuen Hypothesen und Erkenntnissen aufwarten können.

Die Warnung des Weltklimarats steht dennoch im Raum. Seine Prognosen basieren auf Beobachtungen und Computermodellen. Die Welt wird wärmer, viele Gletscher schmelzen, andere Gletscher wachsen. Und wir stehen vor derselben alten Herausforderung: Das Klima ändert sich. Man kann das leugnen. Man kann versuchen, es zu bekämpfen. Oder man kann, wie unsere Vorfahren, einen Weg finden, sich dem Wandel anzupassen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.04.2014, 11:05 Uhr

Das Klima flackert. Grosse Temperaturunterschiede in kürzester Zeit.
Grafik BaZ/mm

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