Neue Erkenntnisse zum Tod Karls des Grossen

Ein Mumienspezialist der Universität Zürich und ein deutscher Anthropologe haben untersucht, was mit Karls Überresten geschah.

Die Statue von Karl dem Grossen (747–814) in der Krypta des Zürcher Grossmünsters, das er der Legende nach gegründet haben soll. Foto: Urs Jaudas

Die Statue von Karl dem Grossen (747–814) in der Krypta des Zürcher Grossmünsters, das er der Legende nach gegründet haben soll. Foto: Urs Jaudas

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Er sitzt auf dem Zürcher Grossmünster, rechts oben auf dem Turm, wo er weit über die Stadt schauen kann. Zu Lebzeiten konnte Karl der Grosse (747–814) seinen Blick über ein Reich schweifen lassen, das für damalige Verhältnisse kaum Grenzen kannte. Wohl auch aus diesem Grund trug er den Beinamen «der Grosse». Meinte man lange. Forschungen der Universität Zürich zeigten dann aber, dass der Mann, dessen Statue auf dem Turm und in der Krypta des Zürcher Grossmünsters steht, vielleicht auch aus profaneren Gründen so hiess. Karl der Grosse war für seine Zeit ein Hüne: 1,84 Meter mass er, im achten Jahrhundert musste da so mancher seinen Blick nach oben richten, wenn er mit dem Herrscher des Fränkischen Reiches sprach.

Eine neue Studie verrät nun weitere Details zu jenem Mann, der im Frühmittelalter auch in der Schweiz eine wichtige Rolle spielte. Mumienspezialist Frank Rühli von der Universität Zürich hat sie zusammen mit dem deutschen Anthropologen Joachim Schleifring publiziert. Auch die Todesursache Karls hat das Team untersucht. Schleifring war bei der letzten Öffnung der Gruft Karls des Grossen in Aachen dabei. Sie fand 1988 statt, die Resultate hatte Schleifring bis jetzt nicht publiziert.

Nur die Nasenspitze fehlte

«Unsere Analyse hat nun ergeben, dass die Franken Karls Leichnam mumifizierten», sagt Rühli. Die Beobachtungen von der Gruftöffnung haben die Wissenschaftler mit einem Studium mittelalterlicher Quellen ergänzt. Rund 200 Jahre nach Karls Tod soll Otto III., so berichten zeitgenössische Schriften, nach den Überresten des einstigen Herrschers gesucht haben. Bekannt war nur, dass seine Nachkommen Karl im Aachener Dom beigesetzt hatten. Otto III. liess den Boden der Kirche öffnen, und dort sollen seine Männer auf einen goldenen Thron gestossen sein, auf ihm sass der tote Karl in königlichen Gewändern, das Zepter noch in der Hand.

Einen «äusserst starken Geruch» hätten die Männer wahrgenommen, als sie sich Karl näherten, schreiben die Chronisten. Der Körper sei jedoch noch intakt gewesen, nur die Nasenspitze habe gefehlt. Dieser Geruch, so die heutige Vermutung, stammte von den für die Mumifizierung verwendeten Essenzen. Gleich nach seinem Tod sei Karl mit einer Lotion aus Harz und Gewürzen eingerieben worden.

Das Reich Karls des Grossen im Jahr 814

Das schreibt sein Chronist, der fränkische Gelehrte Einhard, in seiner «Vita Karoli Magni», dem Lebensbericht Karls des Grossen. Einhard, ein Zeitgenosse Karls, berichtet, man habe Karls Körper «gewaschen und behandelt». Zusammen mit der Kälte im Januar 814, als Karl starb, könnte die Behandlung, die einer Einbalsamierung ähnelte, eine Mumifizierung bewirkt haben, vermuten die Forscher.

Zum Zeitpunkt seines Todes herrschte Karl über ein Reich, das weite Teile Mittel- und Westeuropas umfasste. Den Grundstein dafür hatten bereits seine Vorgänger aus dem karolingischen Königshaus gelegt, unter Karl kamen Sachsen, Bayern, grosse Teile Italiens und Gebiete am Nordrand Spaniens hinzu. Am Weihnachtstag des Jahres 800 krönte ihn der Papst ausserdem zum Kaiser Westeuropas, mehr als 300 Jahre nach der Abdankung des letzten römischen Kaisers im Westen.

Karl war ein Förderer von
Kultur und Bildung. Und er führte blutige Kriegszüge.

In seinen letzten Lebensjahren plagten Karl verschiedene Krankheiten. Zuvor, so berichtet sein Chronist, sei der fränkische Kaiser bei guter Gesundheit gewesen. Schliesslich habe er sich beim Essen und vor allem beim Trinken immer gemässigt. Imagepflege scheint schon im neunten Jahrhundert wichtig gewesen zu sein. Andere zeitgenössische Quellen widersprechen dieser Darstellung nämlich und berichten, dass der Wein an Karls Hof in Strömen geflossen sei. Auch Karls imposante Erscheinung beschreibt der vom Kaiser beauftragte Einhard detailliert. Grosse Augen und einen durchdringenden Blick habe der Kaiser gehabt, gross und kräftig gebaut sei er gewesen, auch einen runden Bauch erwähnt Einhard lobend. Mit Reiten und Jagen hielt Karl sich bis ins hohe Alter körperlich fit.

In der Zeit vor seinem Tod litt er jedoch an Fieberschüben und begann zu hinken. Seine Ärzte hätten ihm den Rostbraten, seine Lieblingsspeise, verbieten wollen, mit einem herzhaften Biss in eine Haxe zeigte Karl, was er von diesem Rat hielt. Fasten schade seiner Gesundheit, liess er immer wieder verkünden. Erst als ihn in seinen letzten Lebenswochen starkes Fieber plagte, verzichtete er auf Nahrung.

Für die Annahme, dass Karl an Gicht litt, fanden die Wissenschaftler keine direkten Beweise. Zudem führt Gicht äusserst selten zu Fieber. Die Fieberschübe könnten eine Form von Malaria gewesen sein. In Italien war die Malaria im neunten Jahrhundert noch weitverbreitet. Gestorben ist Karl aber, so vermuten die Forscher, an einer akuten Lungenentzündung. Noch heute sterben viele Menschen daran. Bevor es Antibiotika gab, überlebten nur wenige.

Latein als Hauptsprache

Hundertprozentige Gewissheit gibt es nicht, dass es tatsächlich Karls Knochen sind, die in der Gruft im Dom zu Aachen liegen. «Es ist allerdings sehr viel wahrscheinlicher als in anderen derartigen Fällen», sagt Rühli, der schon vor einigen Jahren Karls Schienbeinknochen für eine Studie genauer untersuchen konnte. Das Alter und die Statur des Verstorbenen passen, und es gibt zeitgenössische Quellen, die berichten, dass Karl im Aachener Dom beigesetzt wurde. Aachen hatte er zum Zentrum seines Reichs gemacht.

Karl ging als Förderer von Kultur und Bildung in die Geschichte ein, auch in der Schweiz. Gleichzeitig führte er blutige Kriegszüge, in Sachsen sollen seine Männer Tausende Gegner enthauptet haben. Wie viele dieser Episoden in die Welt gesetzt wurden, um allfällige Kontrahenten zu verschrecken, lässt sich kaum rekonstruieren. Das Gebiet der heutigen Schweiz kontrollierten nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches die Alamannen im Osten und die Burgunder im Westen. Schon im sechsten Jahrhundert wurde die Schweiz dann Teil des Fränkischen Reichs und weitgehend christianisiert. Bildung und Kultur standen in den Wirren nach dem Kollaps des Weströmischen Reichs nicht ganz oben auf der Agenda der Menschen. Nicht einmal die Kleriker konnten lesen und schreiben.

Ein Jagdausflug inspirierte ihn zum Grossmünster

Karl leitete verschiedene Reformen ein, um Bildung und Kultur zu fördern. Dass die Klöster im Hochmittelalter zu einem Hort der Bildung wurden, verdankten die Menschen auch Karls Anstrengungen. Zudem führte er eine neue Schrift ein, die karolingischen Minuskeln, die in einigen Schriftformaten bis heute überlebt haben. Auch daran, dass Kinder noch heute in gewissen Schulen Latein lernen, ist Karl nicht ganz unschuldig. Er setzte sich dafür ein, dass die Kleriker Latein als Hauptsprache übernahmen, weil er sie für eine anspruchsvollere Sprache hielt als das Alemannische oder Fränkische.

Karl gründete auch Klöster und Kirchen. In der Schweiz gibt es gleich zwei Legenden, die sein Wirken mit wichtigen Bauwerken verbinden. Den Anstoss zum Bau des Zürcher Grossmünsters soll Karl auf einem Jagdausflug gegeben haben, als er auf die Gräber der Stadtheiligen Felix und Regula gestossen sei. Auch das Kloster St. Johann Müstair geht der Legende nach auf Karl zurück. Mit seinen Mannen soll er sich auf dem Umbrailpass in einem Schneesturm verirrt haben. Als Dank, dass er den Sturm heil überstand, soll er das Kloster gegründet haben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 10:45 Uhr

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