JFK und die Dienste der Madame Claude

Jackie war Glamour, JFK Macht. Sie mochte Style, er Sex. Beide bekamen, was sie wollten.

Camelots der Moderne. «Ich bin der Mann, der Jackie nach Paris begleitet.»

Camelots der Moderne. «Ich bin der Mann, der Jackie nach Paris begleitet.» Bild: Keystone

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Sie hiess Fernande Grudet, starb vor ein paar Jahren 92-jährig in Nizza, soll in der Résistance gewesen sein und später in einem Bordell oder auf dem Strich, aber, so sagte sie, sie sei zu wenig hübsch gewesen, um die Pariser Königin der Dirnen zu werden. Ihre frühen Jahre sind so verführerisch nebulös und ungreifbar wie der Rauch einer Gauloises ohne Filter in einem Schwarz-Weiss-Film.

Ihre Kunden kannten sie später nur unter ihrem Künstlernamen: Madame Claude. Zu sagen, Madame Claude wäre die Chefin des exklusivsten Callgirl-Rings in Paris in den 1960er-Jahren gewesen, wäre nicht falsch, nur viel zu tief gegriffen. «Ich verkaufe keinen Sex», war ihr Credo, «ich verkaufe unbezahlbare Erfahrungen.» Man kann sagen, dass sie die Coco Chanel der Erotik war, und ihre «Claude Girls» oder «Claudettes» Mätressen der obersten Happy-Few, formvollendet von Gestalt, von Intellekt, von bester Sozialisation und für die meisten Männer unerschwinglich. Zu Madame Claudes Stammkunden zählten die damaligen Potentaten, Stars und Salonlöwen der Zeit; Frank Sinatra, Gaddafi, Moshe Dajan, Marlon Brando, Porfirio Rubirosa, der Schah von Persien, Gianni Agnelli, der Lord Mountbatten, Onassis und so weiter. 200 Damen standen insgesamt in ihren und zu Diensten.

Am 31. Mai 1961 wurde der amerikanische Präsident John F. Kennedy einer ihrer Kunden. Madame Claude wollte ihm den Genuss eines Claude Girls zuerst verwehren, zu gefährlich, eine Nummer zu gross, aber JFKs Sekretär Pierre Salinger konnte sie relativ problemlos überzeugen: «Madame Claude, Sie müssen gross denken. In the big picture. Und wenn es zum Skandal kommt, werden Sie zur Legende. Tun Sie es für Ihre Karriere.» Madame Claude, Kapitalistin in der Kapitale der Liebe, konnte nicht widerstehen. Sie verabredeten ein Codewort: «Hermes».

Jackie, die ewige Debütantin

Igor Cassini, ein intellektueller Jetsetter, hatte JFK auf die Möglichkeit claudeschen Liebesleben in Paris angeheizt, Frank Sinatra ihn zusätzlich mit einem hautnahen Erlebnisbericht angespitzt, und JFK brauchte ein Erfolgserlebnis. Dringend. Es lief bescheiden. Seiner Politik fehlte die Potenz. Da war das Desaster mit der Schweinebucht, als die amerikanische Invasion von 1500 Exilkubanern in der Bahía de Cochinos baden ging. Sein Vater Joe legte gerade seine Hand an die Dauermätresse und Schauspielerin Judy Campbell. Die Früchte von Pamela Turnure, der Presseagentin seiner Frau Jackie, hatte er so ausgiebig gekostet, dass sie ihm gerade überdrüssig waren. Die Quickies mit seinen Assistentinnen «Fiddle» und «Faddle» waren okay, aber kaum mehr als Druckventile. Seine Frau liess ihn nicht ran und lief ihm gerade den Rang ab, und Marilyn Monroe war noch nicht da.

JFK war so angeschlagen und bereits erschlafft wie seine noch junge Präsidentschaft in diesen Tagen Ende Mai 1961. Er brauchte einen politischen Klimax, und er brauchte eine neue sexuelle Erfahrung, und es schien, dass beides zusammengehört, aber Jackie brauchte er auch. Niemand wusste, wie es um sie stand. Sie hatte ihre Kleider, ihre Diamanten, sie sass auf dem Thron der ungekrönten Königin der Welt, aber im Schloss der amerikanischen Königsfamilie auf Cape Cod fehlte ihr die Kultur. Die Kennedys empfand sie als roh und plump und ohne altes Wissen. Die Kennedys empfanden sie als ewige Debütantin. Oder als Zicke.

Man nannte JFK und Jackie auch die Camelots. Camelot, das war der mythische Hof von König Artus, der in der Sage als Licht in finsterer Zeit erscheint. Das war inszenierter Glanz, schon damals, und der Begriff soll in den Hirnen von Jackies Presseabteilung entstanden sein. Als die Camelots in Paris landeten und die Stadt Jackie zujubelte, lächelte JFK in die Kameras und sagte diesen legendären Satz: «Ich bin der Mann, der Jackie nach Paris begleitet.»

Operation Hermes

Als Jackie dauerwinkte und JFK dauerlächelte, war sein Sekretär dabei, die letzten Details der Operation Hermes mit Madame Claude zu besprechen. JFK hätte gerne Anouk Aimée, die Schauspielerin, die ein Jahr zuvor in Fellinis «La Dolce Vita» für Aufsehen gesorgt hatte. Sie ähnelt Jackie im Ausdruck der Arroganz, der sich aber bei ihr mit Laszivität verrucht vermengte, und das war es, was der amerikanische Präsident suchte; eine Jackie, die ein Luder ist, eine Ikone, die auch Schmutz, und eine Königin, die betteln kann. Aimée sagt ab, nicht wegen des Arrangements, sondern aus politischen Gründen: «Ich gehe nicht mit diesem infantilen Kriegstreiber ins Bett.»

Plötzlich waren überall nur Probleme. Madame Claude musste eine Dame auftreiben, die aussah wie eine geile Jackie. JFK bekam schlechte Laune, als er von seinem Sekretär hörte, dass Aimée nicht verfügbar sei. Jackie war angewidert von de Gaulle, den sie für einen greisen Egomanen hielt, während de Gaulle später zu André Malraux, seinem Kulturminister, sagen würde, dass Jackie «auf einer Jacht eines Ölmagnaten enden würde.»

Dr. Feelgood und seine Spritzen

Nachdem JFK mit de Gaulle über Kuba, die Russen und Atombomben gesprochen und Jackie ihre Kleider anprobiert hatte, verbrachten die Camelots den ersten Abend dinierend im Élysée-Palast, bei ziemlich guter Laune, und die gute Laune lag an Max Jacobson, dem Leibarzt von Kennedy, den alle wegen seiner polytoxikomanischen Cocktails Dr. Feelgood nannten. Er war für die Linderung von Kennedys chronischen Rückenschmerzen zuständig, und für sein Lächeln auch, und er hatte Jackie ebenfalls angefixt, bei der die aphrodisische Wirkung aber offenbar ausblieb. Neben dem Präsidentenpaar liessen sich alle, die damals die Frontseiten der Illustrierten füllten, von Dr. Feelgoods Alchemie aus Amphetaminen, tierischen Hormonen, menschlicher Plazenta, Schmerzmitteln, Steroiden und Multivitaminen ins purpurne Land katapultieren; Humphrey Bogart, Maria Callas, Truman Capote, Marilyn Monroe, Elvis Presley, Marlene Dietrich und so weiter. Elvis und Marilyn sollen daran gestorben sein, nicht an Vanilleeis und Schmerzmitteln. Kennedy wusste, was er da verabreicht bekam, aber: «I don’t care if it’s horse piss. It works.» Als seine Kunden schon längst gestorben waren, verlor Dr. Feelgood seine Zulassung.

Eine der wesentlichsten Nebenwirkungen waren Stimmungsschwankungen, und solch eine hatten die Kennedys, als sie sich nach dem Diner in ihre Gemächer zurückzogen. Es ging um das Kleid, das Jackie am nächsten Abend beim Gala-Diner im Spiegelsaal von Schloss Versailles tragen sollte. JFK wollte etwas Amerikanisches und Patriotisches in Rot, Blau und Weiss von Igor Cassini, Olegs Bruder. Jackie wollte Givenchy und Stil. Er sagte: «Du reist mit 40 Koffern. Da wird wohl ein amerikanisches Kleid dabei sein. Du repräsentierst Amerika.» Sie antwortete: «Ich repräsentiere mich.»

Die Dame im Givenchy-Kleid

Der nächste Tag nach einer einsamen Nacht brachte frisch gespritzt getrennte Höhepunkte. Für einen sorgte André Malraux, für den andern Madame Claude. Jackie würde mit Malraux die Impressionisten im Musée Jeu de Paume besuchen und danach, etwa zu jener Zeit, in der ihr Mann sein Claude Girl traf, Schloss Malmaison, in dem Napoleon sich mit Joséphine vergnügte.

Madame Claude hatte alles arrangiert. Eine 23-jährige Studentin, Givenchy-Model und Jackie-Lookalike, würde in einer geheimen Wohnung auf ihn warten. Es gab noch einen kleinen Zusatzwunsch, den Salinger aber bereits organisiert hatte. Die Dame sollte dasselbe Givenchy-Kleid tragen, auf das Jackie für das abendliche Gala-Diner bestanden hatte. Und sie sollte sich so hochnäsig und unberührbar und unerreichbar geben wie seine Frau, dann aber sämtliche Hüllen fallen lassen und grenzenlos sein.

JFKs Problem war, wie er unbemerkt zwei Stunden lang aus der Welt verschwinden konnte. Die Franzosen hatten für ihn den Besuch von Napoleons Grab beim Hôtel des Invalides vorgesehen. Wie kann man so was absagen? «Krankheit», sagte Dr. Feelgood. Morgens schon lies JFK verlauten, dass er unter unermesslichen Rückenschmerzen leide und selbst ein Hotel für Invalide brauchte. Dr. Feelgood sagte den Franzosen und dem Secret Service, er müsse mit JFK, dessen Rücken wirklich ganz schlecht und ein beinahe unlösbares Problem sei, einen französischen Kollegen und Spezialisten aufsuchen, Doppeldiagnose, und zwar zu Hause, wegen der Diskretion.

Der Strip für den Präsidenten

Am Nachmittag setzen sie sich in Bewegung, das Liebesnest lag am Boulevard de Courcelles im 17. Arrondissement. Der Secret-Service-Mann wartete im Auto, Dr. Feelgood und der amerikanische Präsident, der einen Hut zur Tarnung trug, liefen sechs Stockwerke hoch zur verabredeten Wohnung. Sie klopften. Nichts. Sie klopften bei der Wohnung nebenan, eine alte Frau öffnete, und als sie wieder über Sprache verfügte, zuckte sie mit der Schulter. Sie liefen die Treppe wieder runter, stiegen ins Auto und fuhren in ein nahegelegenes Café.

Es gab dort eine Treppe in den Keller, wo die Toiletten waren und eine Telefonkabine. JFK wollte Salinger anrufen, wählte die Nummer und bemerkte dann, dass er Kleingeld brauchte, aber dass er, der Präsident, überhaupt kein Geld auf sich trug. Langsam wurde die Zeit knapp. Dr. Feelgood gab dem Barkeeper 20 Dollar für ein paar Centimes, JFK lief die Treppe wieder runter, erwischte Salinger; nicht Boulevard, sondern Rue de Courcelles.

Wieder sechs Stockwerke hoch, klopfen, und dann stand da die kleine, namenlose Erlösung und sagte: «’Allo, Monsieur President.» Dr. Feelgood kam noch kurz mit rein, verpasste der temporären Jackie eine Spritze, und dann kam die halbe Stunde, von der keiner weiss, was genau passierte. In ihren Erinnerungen, die vom amerikanischen Journalisten William Stadiem in ihrem Exil in Beverly Hills aufgezeichnet wurden, sagt Madame Claude nicht viel. Die Studentin soll für den Präsidenten gestrippt haben, der Präsident sich beklagt, dass seine Frau sich viel mehr für Mode interessiere als für Sex, und dann hätten sie «Liebe gemacht». Salinger zahlte diskret 2000 Dollar an Madame Claude, ein kleines Vermögen. Vor dem Gala-Diner in Versailles gab es nochmals eine kleine Spritze, und JFK war blendend drauf. Lobte unentwegt Jackies Kleid und wie toll sie darin aussehe. Wen er in dem Kleid sah, ist nicht sicher. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.06.2018, 09:36 Uhr

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